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02.10.2026
07:45 Uhr
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In Lettland dreht sich die Wahl am Samstag darum, wie man mit der russischsprachigen Minderheit umgeht. Zu hart wäre ein Fehler – und würde ausgerechnet Putin nützen.

Das Gute an den Wahlen in Lettland ist, dass, anders als in einigen EU-Staaten, keine radikalpopulistische Pro-Putin-Partei die Macht zu übernehmen droht. Die meisten Letten haben da ein klares Koordinatensystem, von dem viele Europäer lernen können. Dennoch geht es bei der Wahl am 3. Oktober viel um Russland und vor allem um die russischsprachigen Letten. Russland greift Lettland fortlaufend an, mit Drohnen, mit Propaganda, mit Verletzungen des Hoheitsgebiets. Zugleich stehen die russischsprachigen in Lettland im Zentrum eines Streits um Sprache und Identität. Und wie dieser Streit ausgeht, davon hängt viel ab für die Sicherheit Lettlands – damit aber auch für die Sicherheit Europas. Bei den Wahlen am Samstag stehen, grob zusammengefasst, drei politische Gruppen gegeneinander. Die derzeit regierende Koalition aus Nationalkonservativen und eher bäuerlichen als städtischen Grünen, dann die Progressive Partei plus liberale und zentristische Parteien – und schließlich populistische Politiker, von denen einige einen prorussischen Kurs verfolgen. Die regierende nationalkonservative Koalition ist erst seit Mai an der Macht und hat große Chancen, wiedergewählt zu werden. Diese Regierung wird sich sicher nicht mit Putin anfreunden. Aber sie dürfte Probleme mit den russischsprachigen Letten verschärfen, was wiederum gut für Putin wäre. Der Kulturminister kämpft gegen russischsprachige Sendungen Rund ein Viertel der Bevölkerung Lettlands spricht Russisch als Muttersprache, mehr als in Estland, viel mehr als in Litauen. Es sind lettische Staatsbürger oder Staatenlose, von denen viele kaum oder gar kein Lettisch sprechen. Und das ist den Nationalkonservativen ein Dorn im Auge. Die Sprache ist ein bedeutsames und schmerzhaftes Thema in Lettland, wie ich mir von dem Philosophen und Politikdeuter Juris Rozenvalds an der Universität Lettlands in Riga habe erklären lassen. »Unsere Sprache ist das einzige wesentliche Merkmal unserer Identität«, sagt Rozenvalds. Lettland hat keine lange Reichstradition wie Litauen, es wird auch nicht durch eine weitgehend einheitliche Religion zusammengehalten. Bleibt also die Sprache. Der Sprachenstreit begleitet das Land seit der wiedergewonnenen Unabhängigkeit 1991. Es gibt viele Russischsprachige, die sich schwer tun mit dem Lettischlernen, manche verweigern sich einfach. Darauf haben Minister der nationalkonservativen Koalition mit verschärftem Gegendruck reagiert. So wurden die Mitarbeiter des Innenministeriums angewiesen, nur noch Lettisch zu sprechen. Das ist kaum alltagstauglich. Was, wenn der davonlaufende Dieb kein Lettisch spricht und noch nicht mal »Halt, stehen bleiben!« versteht? Der Kulturminister führt einen Feldzug gegen alle russischsprachigen Sendungen im lettischen Fernsehen und Radio. Das trifft wichtige Formate im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dieser bot, seit dem großen russischen Überfall auf die Ukraine 2022 verstärkt, ein erfolgreiches lettisches Programm in russischer Sprache an. Berichtet wurde über die russischen Gräuel in Butscha, die Zerstörung ukrainischer Städte in der Ostukraine und die brutalen Angriffe auf Kyjiw, Odessa und Charkiw. Auf Russisch für die russischsprachige Bevölkerung Lettlands. Seit 2025 aber sind diese Sendungen im linearen Fernsehen gestrichen. Die russischsprachigen Korrespondenten und Redakteurinnen berichten nur noch auf YouTube und sozialen Kanälen. Auch da werden sie noch von rund 150.000 Menschen pro Woche geschaut, das Nachrichtenportal hat 200.000 Besucher im Monat, was in dem knapp Zwei-Millionen-Einwohner-Land viel ist. Der derzeitige Kulturminister hat nun verfügt, dass alle russischsprachigen Sendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab Januar 2027 abgesetzt werden sollen. Draufhauen ist nicht die klügste Strategie Juris Rozenvalds nennt das ein Geschenk an Putins Russland. »Dann werden die Moskauer Propagandasender die Lücken füllen!« Tatsächlich ist ein Teil der Bevölkerung gerade im östlichen Lettland für Putins Erzählungen sehr aufgeschlossen. Auf mehreren Reisen nach Rezekne und Daugavpils habe ich selbst festgestellt, wie positiv das Putin-Bild in Teilen der Bevölkerung Lettgallens ist. Lettgallen ist die östliche Provinz Lettlands, die direkt an Belarus und Russland grenzt. Die russischsprachige Stadt Daugavpils liegt nur 25 Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt. Viele Menschen dort lassen sich von russischen Propagandisten die Welt erklären – und sie reden auch so. Andere schauen noch die russischsprachigen Kanäle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus der Hauptstadt Riga. Was passiert, wenn die Regierung diese Kanäle 2027 komplett schließt, ist nicht schwer auszumalen. Bei der Wahl an diesem Samstag wird also nicht nur über den Umgang mit der Gefahr abgestimmt, die von Moskau ausgeht. Sondern auch über den Umgang mit der russischen Sprache und der kommunikativen Kultur in Lettland. Und da ist schlichtes Draufhauen nicht immer die klügste Strategie. Manchmal muss man eben Russisch sprechen, um sich gegen die Expansion von Putins Russland wirksam zu verteidigen.