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19.03.2026
08:50 Uhr
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Als Literaturprofessorin fällt Rachel Weisz in der Serie "Vladimir" über einen jungen Kollegen her. Da will man direkt zurück zur Uni – und diesmal alles richtig machen.

Wenn die Professorin M in der Netflix-Serie Vladimir direkt in die Kamera spricht, ist man so entzückt wie pikiert. Bin ich etwa gemeint? Moi? Fast möchte man sich umdrehen und schauen, wem ihr stechender, anrüchiger Blick gelten könnte, ob da noch jemand hinter einem steht, jemand, der natürlich viel heißer ist als man selbst und ihre flirtende Aufmerksamkeit verdient hat. Aber nein, wie schmeichelhaft, man ist es selbst, den M (gespielt von Rachel Weisz) fixiert und in ihre lustvollen Tagträume einweiht. Den neuen, viel jüngeren Uni- und Schriftstellerkollegen Vladimir Vladinski (Leo Woodall) verführt sie darin. Macht einen das geteilte Geheimnis zum Komplizen von M? Darf man überhaupt unbeschwert weiterschauen? In Vladimir durchbricht M die vierte Wand so plötzlich und oft, dass es sogar beim Sex mit ihrem Mann John passiert. Dieser John, gespielt von John Slattery, stammt ebenfalls aus dem Unibetrieb, um den sich in Vladimir alles dreht. Er wurde wegen Affären mit Studentinnen suspendiert, das ist der eigentliche Skandal und Ausgangspunkt der Serie, der jedoch keine ihrer Figuren sonderlich zu interessieren scheint. Reue? Selbstreflexion? Therapie? Nicht bei John, auch nicht bei der mitwissenden M. Schon deshalb kann man auch als Zuschauer nicht unschuldig bleiben. Lüstern fiebert man mit, während sich M immer weiter in ihre problematische Obsession mit Vladimir hineinsteigert: Als wäre diese Obsession das Einzige, was den US-amerikanischen Campus als Ort intellektueller Wagnisse und, ja, sogar des Regelbruchs, noch retten könnte. Vladimir basiert auf dem gleichnamigen Roman von Julia May Jonas und spielt an einem fiktiven, aber typischen Liberal Arts College der US-Ostküste. Das Seminar für Literatur bekommt mit Vladimir und seiner Frau Cynthia (Jessica Henwick) zwei neue Dozenten und, viel wichtiger, Literaten. Denn alle sind auf diesem Campus Romanautoren oder wollen es wenigstens sein. Für M – ihr verkürzter Name erinnert selbst an eine Romanfigur – ist Vladimirs Ankunft eine willkommene Möglichkeit, um sich von der bevorstehenden Anhörung ihres Mannes abzulenken und zugleich das eigene Buchprojekt voranzutreiben. Langsam kommen sie und Vladimir sich näher, wobei oft unklar bleibt, ob das laszive Geflüster und die scheinbar arglosen Berührungen zwischen den beiden tatsächlich passieren oder nur in Ms Vorstellung. Die Blätter ihres Notizblocks füllen sich so oder so. Vladimir wird zur Weltflucht, als Körper, aber auch als Verkörperung von Literatur. Sein zunehmendes Interesse an M, zuerst von höflicher, doch charmanter Distanz geprägt, findet, wie passend, seinen Höhepunkt in der Anzahl peinlich-akribischer Klebezettel, die er bei der Lektüre eines früheren Romans von M auf den Buchseiten hinterlässt: "Ich finde deinen Erzähler ein bisschen heiß", gesteht Vladimir. Eine plumpe Offenbarung, die reinste Form der Hilflosigkeit. Der eigentlich so smarte, sprachgewandte Mann verfängt sich in Ms Obsession. Er wird von der Muse zum Verführten. Schwierige Gespräche und sehr gute Gesichtskonturen Den female gaze von M greift das mehrheitlich weiblich besetzte Regie- und Autorinnenteam hinter Vladimir mit heiterer Ironie auf: Die Kamera fährt schamlos langsam über Vladimirs Körper, es ist ausgerechnet John, der, stellvertretend für M, den jungen Kollegen als "sexy" bezeichnet. In einem unangenehmen Gespräch zwischen M und der Partnerin des Unipräsidenten dienen den etwa 50-jährigen Frauen Komplimente für die Konturen ihrer Gesichter als Eisbrecher. Auch Rachel Weisz hat sichtlich Spaß an den Möglichkeiten solcher Konstellationen. Die 56-Jährige spielt M mal belustigt von der eigenen Verunsicherung in Vladimirs Gegenwart, dann verleiht sie ihr leichte Panik, wenn sie ihren Bedeutungsverlust als Frau und Romanautorin kontempliert. In Campus-typischen Machtkämpfen tritt M hingegen bestimmt und konspirativ auf. Eine Ex-Affäre erpresst sie mit anzüglichen E-Mails, einer Ex-Studentin geht sie gekonnt aus dem Weg. Analysiert sie Vladimirs Körpersprache, tut sie das mit den Worten einer Frau, die ihr ganzes Leben der Literatur verschrieben hat. Schon lange hat es im Fernsehen keine so vielschichtige und sensibel verkörperte Frauenfigur mehr gegeben. Vladimir ergötzt sich regelrecht an literarischen Referenzen, vom Namen der Serie, der natürlich auf Nabokov verweist, über den Namen des Cafés Charlotte Haze, in dem sich die Protagonisten treffen, bis zu den Titeln der acht Folgen. Vladimir kommt ungefragt in Ms Seminar, um eine Liebesszene aus Edith Whartons The House of Mirth zu dechiffrieren. Wer bei Ms Vorlesungen genau zuhört, erfährt, warum Daphne du Mauriers Rebecca eine Liebesgeschichte ist, die immer noch verfängt. Und wenn Vladimir M an ein Bücherregal drückt, erinnert das an den tragischen Moment aus der Verfilmung von Ian McEwans Abbitte , in dem die Lust zweier Liebender in einer Bibliothek schreckliches Unheil in Gang setzt. Besonders raffiniert geht Vladimir mit solchen Anspielungen nicht um, lebhaft inszeniert sind sie aber doch. Zudem sorgt der Fluchtpunkt der Handlung, eine Anhörung zu Johns Affären, dafür, dass die zur Schau gestellte liberale Sexualität fast aller Figuren einen Schatten auf die Serie wirft. Vladimir spielt in einer Welt nach MeToo, doch keiner der Protagonisten weiß, was das überhaupt bedeuten soll. Die offene Ehe von M und John etwa ist ein Schauspiel der zugeneigten Ungebundenheit. Ihr Umgang mit den Vorwürfen gegen John allerdings ist nahezu bösartig gleichgültig: Stets betonen sie, dass "es eine andere Zeit" gewesen sei, in der John einvernehmlich mit Studentinnen geschlafen habe – die Vorwürfe liegen schließlich mehr als zehn Jahre zurück. Eigentlich wollen sie damit aber sagen, dass es vor allem eine bessere Zeit war. Als gäbe es keine freie Liebe ohne Kollateralschäden. Sex als pädagogische Verfehlung Diese Provokation tut gut, weil sich Vladimir davon nicht auf moralische Abwege führen lässt. Stattdessen zeigt die Serie, wie Johns Affären noch Jahre später nachwirken. Verschiedene feministische Generationen prallen in der Gegenwart aufeinander, wenn etwa drei Studentinnen ihre Professorin M dazu ermutigen, sich gegen John zu stellen. Wo die Studentinnen Unterdrückung sehen, vermutet M jedoch Sittenmoral. Eine Position bezieht Vladimir in diesem Konflikt nur indirekt, mit der Figur von Ms und Johns Tochter Sid (Ellen Robertson). Deren stilles Unbehagen gegenüber ihrem Vater zeigt, warum selbst einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen meist männlichen Lehrenden und weiblichen Lernenden zum Vergehen werden. "Sex als pädagogische Verfehlung" nannte die Philosophin Amia Srinivasan solche Beziehungen einmal in einem Essay. Vor solchen Übergriffen wollen die Studentinnen in Vladimir geschützt werden. Vor der geistigen Auseinandersetzung mit Professoren und ihren Lehren hingegen nicht. Vladimir macht aus diesem Wunsch eine Ode an die Literatur und deren Fähigkeit, Menschen zu berühren und zu verändern. Dabei berücksichtigt die Serie ihre wichtigste Botschaft selbst: Wie ein gutes Buch lässt sie einen niemals unbewegt zurück. Die acht Folgen von "Vladimir" sind bei Netflix verfügbar.