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28.09.2026
17:17 Uhr
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Auf seiner Türkeireise trifft der Ministerpräsident von NRW überraschend den türkischen Präsidenten. Wüst will ein neues Kapitel in den deutsch-türkischen Beziehungen.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) ist am ersten Tag seiner Türkeireise überraschend vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan empfangen worden. Die beiden Politiker trafen sich im Präsidentschaftspalast in Ankara. Vor dem Treffen hieß es aus Wüsts Delegation, Themen des Gesprächs seien die engen Beziehungen zwischen Nordrhein-Westfalen und der Türkei, die wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie aktuelle politische Fragen. Nordrhein-Westfalen und die Türkei verbinde eine besondere Beziehung«, sagte Wüst nach der Begegnung. Diese solle gestärkt werden. »Dazu gehört, bei gemeinsamen Interessen gemeinsam voranzugehen und zugleich offen miteinander über unterschiedliche Positionen zu sprechen.« Bei Ländern gleicher Größe gilt es als ungewöhnlich, wenn Staatspräsidenten regionale Regierungschefs treffen. Wüsts Gespräch mit Erdoğan stellt somit eine besondere protokollarische Aufmerksamkeit für den Ministerpräsidenten dar. Hauptanlass der dreitägigen Reise Wüsts nach Ankara und Istanbul ist der 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens , mit dem 1961 die Zuwanderung Hunderttausender türkischer Arbeitskräfte, sogenannter Gastarbeiter, in die Bundesrepublik Deutschland eingeleitet wurde. Wüsts Reise ist die erste eines nordrhein-westfälischen Regierungschefs in die Türkei. Wüst würdigt Beitrag türkischer Einwanderer für Deutschland Zum Auftakt seiner Reise verwies Wüst auf die besonderen Beziehungen seines Bundeslandes zur Türkei. Ein Drittel aller türkeistämmigen Menschen in Deutschland lebten in Nordrhein-Westfalen, sie seien »selbstverständlicher Teil unseres Landes«. Mit Blick auf das Anwerbeabkommen würdigte Wüst den Beitrag der türkischen Migranten – ohne diese wäre der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands nach dem Krieg nicht möglich gewesen. Zugleich übte der Ministerpräsident Kritik am bisherigen gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte. Zu lange seien sie als »Integrationsaufgabe«, gelegentlich auch als »Problem« gesehen worden. Menschen mit türkischen Wurzeln, mit entsprechenden Kenntnissen der türkischen Sprache und Kultur, seien eine große Chance für NRW und könnten »natürliche Brückenbauer« sein. Fast eine Million Menschen in NRW haben türkische Wurzeln, das Bundesland ist mit der Türkei verknüpft wie kein anderes. Das Handelsvolumen Nordrhein-Westfalens mit der Türkei beträgt mehr als zehn Milliarden Euro. In dem Bundesland gibt es zudem mehrere Zehntausend Betriebe von Inhabern türkischer Abstammung. »Wir wollen den Blick auf das Positive richten« Am Morgen war Wüst in Begleitung einer Wirtschaftsdelegation und zahlreicher Journalisten von Düsseldorf nach Ankara aufgebrochen. Zu Beginn seiner Reise sprach er sich für ein »neues Kapitel« in den deutsch-türkischen Beziehungen aus. »Wir wollen den Blick auf das Positive richten, für eine gestärkte Zusammenarbeit in der Zukunft«, sagte der CDU‑Politiker. In einer guten und engen Partnerschaft könne man kritische Fragen und Themen einfacher ansprechen und für Verbesserungen eintreten. Wüst sprach sich bereits vor Abreise in einem Interview der türkischen Medien Hürriyet und Anadolu für eine Modernisierung der Zollunion zwischen der Türkei und der Europäischen Union aus. Voraussetzung dafür sei die Umsetzung der bestehenden Vereinbarungen. Eine modernisierte Zollunion könne dazu beitragen, wirtschaftliche Verflechtungen zu stärken und Lieferketten resilienter aufzustellen. Auch die Visavergabe habe bei den Gesprächen eine Rolle gespielt, sagte Wüst später. Nordrhein-Westfalen setze sich insbesondere bei Geschäftsvisa für schnellere Verfahren und weniger bürokratische Hürden ein. Gespräche über Visa-Regeln und EU-Beitritt auf Eis gelegt Die Modernisierung der Zollunion ist seit Langem eine Forderung der Türkei. Das Projekt war, ebenso wie eine geplante Visa-Liberalisierung und EU-Beitrittsgespräche, wegen Rückschritten bei der Rechtsstaatlichkeit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Angesichts der anhaltenden Kritik an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wird Wüst seit Wochen als dessen möglicher Nachfolger gehandelt. Er sprach sich jedoch wiederholt gegen Personaldebatten aus und bekräftigte, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen bleiben zu wollen. Dennoch könnte Wüsts Treffen mit Erdoğan für weitere Spekulationen über seine mögliche Zukunft in der Bundespolitik sorgen. Kritik am Umgang mit Journalisten und Oppositionellen Kritiker bemängeln seit Langem die Menschenrechtssituation in der Türkei. Erst Mitte September war die türkische Führung landesweit gegen Vereine vorgegangen, die sich für die Rechte von Homo- und Bisexuellen, trans Personen und queeren Menschen einsetzen . Auch das Vorgehen gegen die politische Opposition sorgt für Kritik, insbesondere die Inhaftierung des Erdoğan-Rivalen und ehemaligen Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu . Vor diesem Hintergrund gelten die deutsch-türkischen Beziehungen seit Jahren als angespannt . Mit den Antrittsbesuchen von Merz und Außenminister Johann Wadephul (CDU) vor rund einem Jahr besserte sich das Verhältnis jedoch etwas. Inwieweit bei Wüsts Treffen mit Erdoğan die Menschenrechtslage in der Türkei ein Thema war, blieb zunächst offen. In einer anschließend veröffentlichten Erklärung hieß es aber: »Die Landesregierung verfolgt die innenpolitischen Entwicklungen in der Türkei mit Sorge. Zugleich setzt Nordrhein-Westfalen auf einen offenen Dialog mit der Türkei.«