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02.10.2026
18:42 Uhr
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Auf hoher See entstehen kaum noch neue Windräder – auch weil BP und TotalEnergies sich verzockt haben und ihre Pläne brachliegen. Es drohen jahrelange Verzögerungen.

Aus der Offshore-Windkraft gibt es gerade jetzt viele schöne Bilder und Nachrichten. Mitte September feierte EnBW die Eröffnung von Deutschlands größtem Windpark He Dreiht , das ist plattdeutsch für »Er dreht«. 64 Windräder drehen sich nun in der Nordsee und können theoretisch 1,1 Millionen Haushalte mit Ökostrom versorgen. Wenige Tage später weihte der Konzern Ørsted mit einem Festakt den Windpark Borkum Riffgrund 3 ein. Bei Vattenfalls Nordlicht 1 werden gerade die Fundamente im Meeresboden verankert, erste Verbindungsstücke zu den mächtigen Türmen montiert. Er wird mit 980 Megawatt installierter Leistung voraussichtlich im Jahr 2028 fertiggestellt – und dann Deutschlands größter Park sein. Alle drei kommen ganz ohne staatliche Förderung aus. Bilder von insgesamt Hunderten neuen, glänzend weißen Riesen im blauen Meer. Der Schein trügt. All diese Projekte starteten vor Jahren, zu Zeiten, als die Zinsen niedrig, Stahl- und Komponentenpreise stabil und die Aussichten auf Erlöse gut waren. Sie sind auf der sicheren Seite. Heute könnte man He Dreiht nicht mehr ohne Förderung bauen, sagt EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos der ZEIT. Der Grund: »Die Kosten sind in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen, um fast 50 Prozent.« Einige Firmen wollen Flächen zurückgeben Was den weiteren Ausbau der Offshore-Windkraft angeht, sind die Anzeichen düster: Während sich Energiekonzerne bei Auktionen um Meeresflächen in den Jahren 2023 und 2024 noch mit Milliardensummen überboten, gab es für die Flächen zuletzt kein einziges Gebot mehr. Die Auktion für 2026 sagte die Bundesregierung gleich ab. Und schlimmer noch: Inzwischen zögern einige Investoren mit der finalen Investitionsentscheidung und wollen ihre teuer eingekauften Flächen offenbar wieder zurückgeben. Keine Meeresflächen, das bedeutet keine Windparks, und das bedeutet keine Strommengen. Für die Energiewende kann diese Gleichung nicht aufgehen. Eigentlich plant die Bundesregierung für das Jahr 2045 mit 70 Gigawatt auf See. Aktuell sind es gerade mal 10,8 Gigawatt. Diese Windparks produzieren so viel Strom wie fünf bis sechs Kohlekraftwerke. Das Problem ist: Die Offshore-Windkraft ist ein Schlüsselelement der Energiewende, denn sie liefert vor allem dann Strom, wenn Solaranlagen nur wenig produzieren, im Winter. Außerdem erzeugen Windkraftanlagen auf dem Meer praktisch doppelt so viel wie an Land – die Winde sind stärker und stetiger. Ihre Strommengen werden für die anstehende Elektrifizierung in den nächsten Jahrzehnten dringend gebraucht: für E-Autos, Wärmepumpen, Prozesse der Industrie. »Die Branche braucht schnell einen Ausweg aus der schwierigen Lage«, sagt Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO). Ein Großteil der in den vergangenen drei Jahren per Auktion vergebenen Projekte wackle. Bei ihnen sei wegen der gestiegenen Kosten und Verzögerungen beim Netzanschluss keine finale Investitionsentscheidung gefallen. »Die Dimension ist gewaltig«, sagt Thimm. Zur Diskussion stünden gerade Offshore-Windparks mit einer Leistung von insgesamt 16 Gigawatt – das ist fast anderthalbmal so viel, wie in der gesamten deutschen Nord- und Ostsee bisher überhaupt gebaut wurden. Das Gesetz kommt nicht voran Seit eineinhalb Jahren warten die Unternehmen auf das von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) angekündigte Wind-auf-See-Gesetz, das den Offshore-Ausbau in Schwung bringen soll. Denn ohne finanzielle Absicherung will niemand investieren. Doch der Anfang September im Bundeskabinett verabschiedete Entwurf ist aus ihrer Sicht eine Enttäuschung. »Erheblichen Nachbesserungsbedarf« sieht BWO-Geschäftsführer Thimm. Eine echte Lösung für die Probleme sei das nicht. Dabei hat Ministerin Reiche eine ganze Reihe von Punkten aufgenommen, die die Branche selbst gefordert hat: Zum einen hält sie an dem von der Ampel-Regierung aufgestellten Ausbauziel von 70 Gigawatt Leistung bis 2045 fest. Viele hatten mit einer Kürzung gerechnet, nachdem sich Reiche nach Amtsantritt skeptisch zur Offshore-Windkraft geäußert hatte. Außerdem sollen künftig kleinere Windparkflächen ausgeschrieben werden. Das erweitert den Kreis der Bietenden und senkt das Risiko, falls einer ausfällt. Zudem können Betreiber nun mit einer Betriebsdauer von 35 statt 25 Jahren rechnen, das macht die Anlagen wirtschaftlicher. Kernstücke des Gesetzes sind die Änderung der Auktionsregelung, um Flächen auf hoher See zu vergeben, und die Einführung einer Art Versicherung. Künftig soll derjenige mit dem günstigsten Strompreis-Gebot die Fläche erhalten. Verdient er später beim Stromverkauf weniger, gleicht der Staat die Differenz aus dem Bundeshaushalt aus. Verdient er mehr, zahlt er den Überschuss an den Staat – und der kann sich über zusätzliche Einnahmen freuen. Die Art der Absicherung heißt zweiseitiger Differenzvertrag (Contracts for Difference). Sie schafft Planungssicherheit für Investoren, senkt die Finanzierungskosten und wird in vielen europäischen Nachbarländern seit Jahren angewendet. Doch nach dem Willen der Wirtschaftsministerin soll sie erst dann greifen, wenn eine erste Auktionsrunde nach den bisherigen Regeln – nach Höchstgebot – erfolglos war. Laut Ministerium werde durch dieses zweistufige Verfahren »der Marktmechanismus priorisiert, aber dort abgesichert, wo Risiken zu groß werden«. Das aber lehnt die Branche ab. »Wir brauchen wirtschaftliche Planungssicherheit statt ein riskantes Weiter-so«, sagt Thimm. Er fordert, dass die Flächen nur mit der neuen Art der Versicherung vergeben werden. Doch die wichtigste Forderung ist im Gesetz eben nicht enthalten: ein Rückgaberecht für die Flächen aus den Auktionsjahren 2023 bis 2025, also jenen Jahren, in denen Konzerne scheinbar ungezügelt Milliarden boten, um ihre Windparks auf dem Meer zu bauen. Darunter waren auch die Öl-Riesen BP und TotalEnergies, die insgesamt 12,6 Milliarden Euro für die Nutzung der Meeresflächen geboten haben – aber noch nicht zahlen mussten, das sehen die Regeln vor. Inzwischen ist klar: Sie haben sich verkalkuliert. Die Kosten stiegen, die zu erwartenden Erlöse schrumpften, zudem verzögerten die Netzunternehmen den Netzanschluss – die gesamte Branche verlangt ein Rückgaberecht. Öffentlich spricht keines der Unternehmen über seine wackelnden Projekte.