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12.08.2026
17:06 Uhr
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Kennen Sie die Fabel vom Frosch und dem Skorpion? Sie hilft zu verstehen, warum eine Zusammenarbeit zwischen CDU und AfD eine gefährliche Sache wäre.

Verstehen wir uns noch? Und wäre es angesichts der wachsenden Polarisierung im Land eine gute Idee, es wieder zu versuchen: ein ausgeruhtes Gespräch mit einer Person, deren Ansichten man nicht teilt? Die ZEIT-Plattform » Deutschland spricht « bringt Menschen mit gegensätzlichen Meinungen in Vieraugengesprächen zusammen. In diesem Jahr findet das Projekt, für das man sich hier anmelden kann, am 30. August statt. Grundlage der Gespräche sind acht Fragen zu einem kontroversen Thema. Zum Beispiel: Arbeiten die Deutschen zu wenig? Sollte der Staat Social Media für unter 16-Jährige verbieten? Oder eben: Sollten Parteien grundsätzlich für alle Koalitionen offen sein? In dieser Serie beantworten acht ZEIT-Autorinnen und -Autoren diese Fragen sehr persönlich. Hier schreibt Chefkorrespondentin Tina Hildebrandt. Die Frage tut ein bisschen harmlos, aber das ist sie natürlich nicht. In letzter Konsequenz geht es darum: Sollte die CDU mit der AfD koalieren? Je weiter man sich von dieser sehr konkreten Frage entfernt (je globaler und letztlich unpolitischer man sie also stellt), umso einfacher scheint die Antwort: Natürlich sollten Parteien grundsätzlich offen sein, oder? Schließlich sind sie kein Selbstzweck, sie bilden Regierungen, und regiert werden muss schließlich. Wenn man näher herangeht, landet man bei der alten Fabel: Ein Frosch und ein Skorpion wollen einen reißenden Fluss überqueren. Trägst du mich rüber?, fragt der Skorpion den Frosch. Ich bin doch nicht verrückt, sagt der, dann stichst du mich, und ich bin tot. Darauf der Skorpion: Welchen Sinn sollte das haben? Dann wären wir doch beide tot. Stimmt, sagt der Frosch und nimmt den Skorpion huckepack. In der Mitte des Flusses sticht der Skorpion zu. Warum hast du das gemacht?!, fragt der sterbende Frosch. Weil ich ein Skorpion bin, antwortet der Skorpion. Zugegeben, die CDU ist kein Frosch, und der Vergleich hat einige Schwächen, am Ende läuft es aber auf eine ähnliche Versuchsanordnung hinaus: Ist die AfD eine ganz normale Partei oder ein politischer Zerstörer? Das ist die Frage, entlang derer sich die Republik gerade scheidet. Wäre eine Koalition mit ihr für die CDU eine gute, vielleicht sogar notwendige Sache – oder Selbstmord? Robben wir uns also so sachlich wie möglich und zunächst grundsätzlich an die Frage heran. Was ist die Aufgabe von Parteien? »Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit«, heißt es in Artikel 21 des Grundgesetzes. Von Regierungsbildung steht da nichts. Auch das Parteiengesetz kennt keine Pflicht zur Regierung, allerdings ist von der »Aufstellung von Bewerbern an den Wahlen in Bund, Ländern und Gemeinden« die Rede. Spieltheoretisch sieht die Sache so aus: Je mehr Parteien Koalitionen mit anderen Parteien ausschließen, umso größer ist die Klarheit für die Wähler, denn umso sicherer weiß jeder, was er oder sie nach der Wahl bekommt oder eben nicht. Vorausgesetzt, die Parteien halten sich an ihre Versprechen. Und vorausgesetzt, die angedachten Koalitionen sind auch rechnerisch möglich. Instabile Regierungen Gleichzeitig gilt: Je mehr Parteien andere als Partner ausschließen, umso wahrscheinlicher wird in einem Vielparteiensystem eine Minderheitsregierung. In vielen kleinen Ländern gibt es sie, in Deutschland hat es sie auf Bundesebene (bis auf kurze Übergangsphasen von einer Regierung zur nächsten) noch nicht gegeben, weil sie als Konstruktion gilt, die instabil ist und in einem föderalen Staat auch teuer: Kompromisse zwischen Parteien und mit den Bundesländern müssten quasi erkauft werden. Es braucht also Koalitionen, und anders als heute waren in der Bundesrepublik früher nicht Koalitionsabsagen üblich, also auch keine Brandmauern. Sondern: Koalitionszusagen. Das lag auch daran, dass die Lage vergleichsweise einfach war. Es gab große Parteien (Union und SPD) und kleine Parteien, unter anderem die FDP, die mal mit der CDU und mal mit der SPD regierte. Später kamen die Grünen dazu. Aber es blieb dabei, die Koalitionsbildung war wie beim Fernsehen: Eine übersichtliche Sache, mit klaren Lagern. Das änderte sich, als mit der Linkspartei (früher PDS und WASG, dann Linkspartei) eine fünfte Kraft ins Spiel kam. Die SPD machte nun erstmals eine Koalitionsabsage. Und so kam es, dass im Jahr 2005 die alte Rechnung zum ersten Mal nicht mehr aufging. Weder das eine noch das andere angedachte Bündnis konnte eine Mehrheit bilden. Die Folge war zum ersten Mal seit Langem eine große Koalition aus CDU und SPD. Damals galt sie nicht als gute Sache, sondern als demokratisches Problem, weil keine der Volksparteien eine starke Oppositionsrolle spielen konnte. Die Ränder, so die Befürchtung, würden stark werden. Genau das passierte auch. Große Koalitionen wurden immer häufiger, weil die Volksparteien weniger Stimmen bekamen. Und die Volksparteien bekamen weniger Stimmen, weil die große Koalition immer mehr zur Preisgabe scharfer Konturen zwang. Eine spekulative, aber interessante Frage: Wie wären der Flüchtlingssommer 2015 und die Jahre danach wohl verlaufen, wenn es eine auch zahlenmäßig starke Opposition gegeben hätte? Wäre die AfD so stark geworden? Als die Partei 2017 erstmals in den Bundestag einzog, war sie mit 12,6 Prozent bereits die drittstärkste politische Kraft. Und alles, was danach geschah, scheint dafür zu sprechen, dass dem System geholfen wäre, wenn Koalitionen nicht ausgeschlossen würden. Weder mit der Linkspartei noch mit der AfD. Denn nach 2017 kam es: zur längsten bis dato bekannten Regierungsbildung (170 Tage) und zu einem gescheiterten Jamaikabündnis, was CDU und SPD wieder in eine große Koalition zwang, die heute gar nicht mehr so heißt, sondern nur noch Schwarz-Rot, denn groß ist an der Koalition nur noch ihre Existenzangst. Das bringt uns zurück zum Frosch und dem Skorpion.