Zeit 09.10.2026
09:00 Uhr

Künstliche Intelligenz: KI zum Kuscheln: Wozu sind «Moflins» gut?


Künstliche Intelligenz: KI zum Kuscheln: Wozu sind «Moflins» gut?
Sie sind kuschelige Wesen mit Knopfaugen und Batterie im Bauch und erinnern an Hamster: Der japanische Elektronikkonzern Casio bringt jetzt mit dem \u00abMoflin\u00bb einen KI-gest\u00fctzten Pl\u00fcschgef\u00e4hrten auf den deutschen Markt, der emotionale Bindungen aufbauen soll. \u00abDer Moflin ist von kleinen Tieren inspiriert, basiert jedoch nicht auf einem bestimmten Tier\u00bb, erkl\u00e4rt Entwicklerin Erina Echikawa. Jeder Nutzer solle seiner Fantasie freien Lauf lassen k\u00f6nnen. Sanfte W\u00e4rme, leise Atemger\u00e4usche und unterschiedliche Laute sollen den Eindruck eines lebendigen Begleiters vermitteln. Es komme darauf an, wie man ihn ber\u00fchre oder mit ihm kommuniziere. \u00abDer Moflin reagiert wirklich auf ganz unterschiedliche Weise: vorsichtig, sch\u00fcchtern, lebhaft oder auch anh\u00e4nglich\u00bb, sagt Kazuyuki Yamashita, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Casio Europa. \u00abBei manchen geht eine T\u00fcr auf\u00bb Im Hamburger Hospital zum Heiligen Geist sind seit Ende 2025 bereits zehn Moflins zu Testzwecken im Einsatz. Einige Bewohner h\u00e4tten die kleinen KI-Tiere sofort ins Herz geschlossen, andere k\u00f6nnten mit ihnen wenig anfangen, berichtet Sprecher Enno Olbrich. Besonders auff\u00e4llig sei, dass die Moflins Menschen aktivierten und Gespr\u00e4che anstie\u00dfen: \u00abMan merkt schon, dass die Menschen ein wenig aufwachen, dass sie sich pl\u00f6tzlich damit besch\u00e4ftigen. Da geht bei manchen Bewohnern eine T\u00fcr auf\u00bb. Gleichzeitig betont Olbrich, dass die Kuschelroboter nicht dazu da seien, die Senioren abzuspeisen. \u00abSo ein Pl\u00fcschtier kann keinen menschlichen Kontakt ersetzen. Es kann auch kein echtes Haustier ersetzen. Es kann aber eine Alternative sein, wenn all das im Moment gerade nicht zur Verf\u00fcgung steht.\u00bb Zu \u00e4hnlichen Ergebnissen kommt eine Untersuchung des Instituts Leistung Arbeit Gesundheit (ILAG) aus Pl\u00f6n. Wissenschaftler haben den Einsatz von 50 Moflins in f\u00fcnf Pflegeheimen deutschlandweit untersucht. Studienautor Michael Bau sagt, sein Team sei von der Resonanz \u00fcberrascht gewesen: \u00abEtwas \u00fcber die H\u00e4lfte der Bewohner, die sich dort mit dem Moflin besch\u00e4ftigt haben, haben auch tats\u00e4chlich ein ernsthaftes Interesse daran ge\u00e4u\u00dfert\u00bb, so der Sozialwissenschaftler. Mehr Wohlbefinden, soziale Teilhabe und weniger Klagen \u00abEs ist ein ernsthaftes Kommunizieren gewesen zwischen der KI im Moflin und der Bewohnerin oder dem Bewohner\u00bb, so Bau. Bewohner seien mehr aus sich herausgegangen, h\u00e4tten wieder mehr mit anderen kommuniziert, ihnen gezeigt, was ein Moflin kann. \u00abEs kam ganz viel Dialog und Kommunikation auf zwischen den Menschen und das fand ich schon bemerkenswert\u00bb, berichtet Bau. Insgesamt h\u00e4tten die Moflins bei vielen Nutzern f\u00fcr mehr Wohlbefinden, soziale Teilhabe, positive Emotionen und Freude gesorgt. Manche h\u00e4tten deutlich weniger \u00fcber ihre Krankheiten und Beschwerden geklagt. Bei anderen seien die kleinen KI-Kuscheltiere hingegen auf Ablehnung gesto\u00dfen. \u00abWas soll ich mit dem machen?\u00bb oder \u00abIch bin doch kein Kind, das ist Kinderkram\u00bb oder \u00abEigenartiges Vieh\u00bb h\u00e4tten einige Reaktionen gelautet. Der Offenburger Professor Oliver Korn forscht seit Jahren zur Interaktion zwischen Mensch und Computer. Nach seiner Einsch\u00e4tzung k\u00f6nnten Moflins vor allem bei Einsamkeit helfen. \u00abEs konkurriert ja nicht der Begleitroboter mit menschlicher Zuwendung, sondern er konkurriert mit gar keiner Zuwendung.\u00bb Gerade f\u00fcr \u00e4ltere Menschen k\u00f6nne das besser sein als gar keine Ansprache. Menschen neigen demnach dazu, Maschinen zu vermenschlichen und Bindungen zu ihnen aufzubauen. Gleichzeitig sei bei vielen \u00e4lteren Menschen das Bed\u00fcrfnis nach N\u00e4he gro\u00df. Seine bisherigen Forschungen deuteten darauf hin: \u00abJe st\u00e4rker der kognitive und der physiologische Verfall, desto mehr das Bed\u00fcrfnis nach Ber\u00fchrung, nach N\u00e4he, nach etwas, das man in den Arm nehmen kann.\u00bb Allerdings gebe es auch Menschen, die solche Angebote ablehnten, weil sie ihre Unabh\u00e4ngigkeit bewahren wollten. Und Korn sieht den Moflin auch nur als begrenzte L\u00f6sung. \u00abIch empfinde es eher als ein nettes Gadget.\u00bb Ein echter sozialer Roboter m\u00fcsse Menschen aktivieren, an Medikamente oder das Trinken erinnern und Gespr\u00e4che f\u00fchren k\u00f6nnen. Die Idee sozialer Roboter sei keineswegs neu. Korn verweist etwa auf den Roboterhund Aibo, den Roboter Nao sowie die Robbe Paro. Experten sehen Einsatz von KI-Spielzeug bei Kindern kritisch Unklar sei, welche langfristigen Effekte es durch den Einsatz von Moflins gibt, sagt Studienautor Michael Bau. Eine weitere interessante Frage sei auch, f\u00fcr welche Zielgruppen diese Art von Spielzeugen sinnvoll sein k\u00f6nnten. \u00abDazu m\u00fcsste aber mehr Forschung noch passieren\u00bb, so Bau. F\u00fcr Kinder sind bereits zahlreiche Pl\u00fcschtiere, Puppen und Figuren mit Chatbots auf dem Markt. Experten allerdings warnen vor dem unbedarften Einsatz. Eine unbegleitete, regelm\u00e4\u00dfige Nutzung k\u00f6nne die soziale Entwicklung von Kindern beeintr\u00e4chtigen, bef\u00fcrchtet ein Team um Emily Goodacre von der University of Cambridge. Mit der britischen Kinderhilfsorganisation The Childhood Trust analysierten die Forscher den Umgang von 14 Drei- bis F\u00fcnfj\u00e4hrigen mit dem KI-Stofftier \u00abGabbo\u00bb. Viele Kinder waren begeistert, umarmten und k\u00fcssten das Ger\u00e4t oder sagten, sie liebten es. Tats\u00e4chlich werden KI-Spielzeuge gern als wertvolle Lernbegleiter vermarktet. Das berge die Gefahr, dass Eltern ihr Kleinkind guten Gewissens stundenlang allein mit dem KI-Teil spielen lassen, sagt der Entwicklungspsychologe Sven Lindberg. Damit werde ihm zum einen Zeit f\u00fcr wertvolle andere Dinge genommen - toben, malen, sich selbst kreativ Dinge ausdenken. Zudem ersetze ein Ger\u00e4t niemals den Menschen, wenn es um Beziehungsaufbau und kindliche Entwicklung gehe. \u00abMimik, Gestik, Resonanz - man braucht sehr viel, um das Menschsein lernen zu k\u00f6nnen.\u00bb Spielerisch agierende KI-Ger\u00e4te b\u00f6ten etwa in der Fr\u00fchf\u00f6rderung oder auch der Logop\u00e4die sicherlich gro\u00dfes Potenzial, betont Lindberg, Leiter der Klinischen Entwicklungspsychologie an der Universit\u00e4t Paderborn. \u00abAls Unterst\u00fctzung beim Lernen oder wenn es darum geht, Kinder zum Wiederholen von \u00dcbungen zu motivieren.\u00bb Erg\u00e4nzung zum Schnuller Kurze, begleitete Spieleinheiten mit KI-Spielzeug h\u00e4tten gegen\u00fcber passiven Medien auch im Alltag durchaus Vorteile, erg\u00e4nzt Burkhard Rodeck, Generalsekret\u00e4r der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). KI-Spielzeug sollte aber nicht als Beruhigungs- oder Besch\u00e4ftigungsmittel f\u00fcr Kinder eingesetzt werden, um selbst ungest\u00f6rt andere Dinge machen zu k\u00f6nnen. Auch Oliver Korn sieht den Einsatz bei kleinen Kindern deutlich kritischer als bei \u00e4lteren Menschen. Eltern sollten emotionale Interaktion nicht an Spielzeuge auslagern, sagt der Wissenschaftler. \u00abDas ist doch mit das Sch\u00f6nste: Mit dem Kind zu spielen und zu sehen, wie es da mit gro\u00dfen Augen die Welt erkundet.\u00bb Am ehesten f\u00fcr ganz Kleine sieht er eine m\u00f6gliche Anwendung: \u00abAls Schnuller-Ersatz oder Erg\u00e4nzung zum Schnuller.\u00bb \u00a9 dpa-infocom, dpa:261009-930-813156/1