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08.03.2026
10:43 Uhr
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Lars Klingbeil kritisiert im Gegensatz zum Kanzler die Angriffe auf Iran deutlich. Der SPD-Chef möchte von der Anti-Trump-Rhetorik profitieren. Auf Kosten der Koalition?

Man findet unter führenden Sozialdemokraten in Deutschland wahrscheinlich keinen größeren Amerikafreund als Lars Klingbeil . Der Bundesfinanzminister und Vizekanzler hat in jungen Jahren selbst in den USA gelebt, er ist Mitglied der transatlantischen Lobbygruppe Atlantikbrücke und nach eigenen Angaben "kennt und schätzt" er das Land, das seit über einem Jahr wieder von Donald Trump regiert wird. Umso erklärungsbedürftiger ist, weshalb sich Klingbeil nun sowohl von der Regierung der Vereinigten Staaten als auch seinem eigenen Kanzler distanziert hat. "Das ist nicht unser Krieg" sagte Klingbeil in einem gestern veröffentlichten Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland , er habe "große Zweifel", dass die amerikanischen Militäraktionen "völkerrechtlich legitimiert" seien und der iranischen Bevölkerung tatsächlich mehr Freiheit brächten. Und weiter: Man hätte "vorher stärker auf Verhandlungen setzen" müssen. Merz gegen "völkerrechtliche Belehrungen" Friedrich Merz dagegen hatte unmittelbar nach Kriegsausbruch noch erklärt, es sei nicht der Zeitpunkt, "Partner und Verbündete" mit völkerrechtlichen Erwägungen zu "belehren". Das iranische Regime sei, so argumentierte er, eine Bedrohung für die Region und es sei darum gegangen, es "empfindlich zu treffen", nachdem es am "Verhandlungstisch" keine Lösung gegeben habe. Dass der Kanzler und sein Vizekanzler sich in der Frage von Krieg und Frieden so unterschiedlich positionieren, ist in der Geschichte der Republik nicht so oft vorgekommen. Und wenn Klingbeil das Völkerrecht wirklich so wichtig ist: Warum äußert er sich erst eine Woche nach Kriegsausbruch? In Berlin ist zu hören, dass es für den Zeitpunkt der Kritik Sachgründe gebe. Klingbeil habe die amerikanische Vorgehensweise von Anfang an für problematisch gehalten. Er habe Zweifel, dass sich die vom iranischen Regime ausgehende Bedrohung durch Luftschläge dauerhaft beseitigen lasse. Es bestehe vielmehr die Gefahr, dass die Region destabilisiert werde. Er habe Merz während seines Besuchs im Weißen Haus in der vergangenen Woche nicht in den Rücken fallen wollen und sich deshalb zunächst zurückgehalten. Eine Koalitionskrise wolle niemand. In der SPD wird darauf verwiesen, dass doch auch der Kanzler inzwischen mit größerer Skepsis auf den Krieg blicke als in den ersten Tagen. Tatsächlich betonte Merz am vergangenen Freitag stärker die Risiken der Politik von Donald Trump. Ein "endloser Krieg" oder ein Zusammenbruch der "iranischen Staatlichkeit" sei angesichts der Gefahren für die Energieversorgung und drohenden Fluchtbewegungen nicht im deutschen Interesse. Aber das ist eine Konkretisierung der bisherigen Position, kein Kurswechsel. In der Frage der völkerrechtlichen Bewertung des Krieges bleiben die Unterschiede bestehen. Merz scheint zunehmend davon überzeugt zu sein, dass das Recht auf internationaler Ebene seine Bindungswirkung verloren hat und deshalb als normativer Anker an Relevanz verliert. Klingbeil will nicht "in einer Welt leben, in der nur noch das Recht des Stärkeren gilt", wie er es selbst formuliert. Politische Rendite der Distanzierung? Es geht dabei nicht nur um abstrakte Prinzipien. Der Publizist Eoghan Gilmartin hat im Guardian darauf hingewiesen , dass der sozialdemokratische spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez mit seiner explizit kriegskritischen Linie auch taktische Ziele verfolgt. In Spanien stehen im kommenden Jahr Wahlen an, und die vergangenen Monate haben gezeigt: Ein Anti-Trump-Kurs zahlt sich für Parteien links der Mitte an der Wahlurne aus. In Australien ist Anthony Albanese (Labor) an die Macht gekommen, in Kanada Mark Carney (Liberal), und die ebenfalls sozialdemokratische dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat für den 24. März Parlamentswahlen angekündigt. Der Grund: Ihre Umfragewerte steigen, seit sich Trump für Grönland interessiert. Durch den Krieg gegen den Iran dürfte die politische Rendite einer Distanzierung von Donald Trump und seiner Regierung noch einmal gestiegen sein. Die Militärschläge sind nicht einmal in den Vereinigten Staaten populär, für den Rest der Welt gilt das angesichts steigender Preise für Benzin, Gas und Öl umso mehr. Umfragen zufolge lehnen fast zwei Drittel der Deutschen sie als nicht gerechtfertigt ab . Das bedeutet: Mit Anti-Krieg-Rhetorik lassen sich in Europa Wahlen gewinnen. In der SPD wünschen sich deshalb viele seit einiger Zeit eine klarere Haltung des Parteichefs in dieser Frage. Klingbeil ist kein Pazifist, er spricht sich für die Unterstützung der Ukraine und die Aufrüstung der Bundeswehr aus. Aber in der Ablehnung des Militärschlags gegen den Iran berühren sich seine inhaltlichen Überzeugungen und die politischen Opportunitäten. Die Wahlen in Baden-Württemberg heute werden zeigen, ob das Kalkül aufgeht.