Zeit 05.06.2026
11:40 Uhr

Kindergesundheit: Wenn es den Kindern nicht gut geht, geht es dem Land bald schlecht


Wer in die Gesundheit von Kindern investiert, spart langfristig Milliarden. Denn psychisch und körperlich gesunde Kinder sind eine Wirtschafts- und Standortfrage

Kindergesundheit: Wenn es den Kindern nicht gut geht, geht es dem Land bald schlecht
Deutschland diskutiert seit Jahren über seine Wettbewerbsfähigkeit, den Fachkräftemangel und die Zukunft des Sozialstaats. Doch auf das, was dafür nötig ist, wird selten geschaut: dass es den nachfolgenden Generationen gut geht, dass unsere Kinder gesund sind und wohlbehalten aufwachsen, damit die Gesellschaft und das Land für die Zukunft gut aufgestellt sind. Wer in einer alternden Gesellschaft wirtschaftlich stark bleiben, soziale Ungleichheit verringern und das Gesundheitssystem langfristig finanzierbar halten will, muss die Kindergesundheit ehrlich bewerten. Deutschland bringt dafür gute Voraussetzungen mit. Doch wir nutzen sie nicht konsequent genug — und verlieren so Jahr für Jahr wertvolles Potenzial. Das können wir uns nicht länger leisten. Was Deutschland richtig macht Dabei hat Deutschland weltweit einmalige Strukturen geschaffen: Früherkennungsuntersuchungen, Krankenversicherungsschutz für fast alle Kinder und eine starke Forschung, die Kindersterblichkeit ist deutlich gesunken, Impfungen haben viele schwere Kinderkrankheiten zurückgedrängt. Diese sozialstaatlichen Errungenschaften verdienen Anerkennung. Umso beunruhigender ist deshalb das Gesamtbild: Laut dem aktuellen Unicef-Ranking ist Deutschland beim Kindeswohl von Platz 14 (2020) auf Platz 25 von 43 OECD- und EU-Ländern abgerutscht. Portugal, Litauen, Rumänien – wirtschaftlich deutlich schwächere Länder – schneiden besser ab, offenbar wachsen Kinder dort besser auf als hierzulande. Die Niederlande, Dänemark und Frankreich führen das Ranking an, obwohl Deutschland nicht weniger Geld für Kindergesundheit ausgibt. Kindergesundheit ist Bildungspolitik Wer krank ist, lernt schlechter. Wer psychisch belastet ist, kann sich nicht konzentrieren. Wer hungrig in die Schule kommt oder unter beengten Wohnverhältnissen aufwächst, bringt nicht das Potenzial mit, das in ihm oder ihr steckt. Kindergesundheit und Bildungschancen sind untrennbar miteinander verbunden – und beides wird in Deutschland von der sozialen Herkunft bestimmt wie in kaum einem anderen vergleichbaren Land. Laut dem jüngsten Unicef-Bericht haben nur 46 Prozent der 15-Jährigen aus einkommensschwachen Familien in Deutschland die Grundfertigkeiten in Lesen und Mathematik, bei Gleichaltrigen aus privilegierten Familien sind es 90 Prozent. Diese Lücke ist das Ergebnis fehlender Investitionen: in Kitas, die Gesundheitsförderung als Kern begreifen; in Schulen, die Bewegung, Ernährung und psychische Stabilität als Voraussetzung für Lernen verstehen; und in flächendeckende schulpsychologische Unterstützung. Gerade die psychische Gesundheit ist ein zentraler blinder Fleck. Die sogenannte Copsy-Längsschnittstudie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf untersucht seit der Pandemie regelmäßig, wie es um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland steht. Demnach leiden noch rund 23 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland unter allgemeinen psychischen Problemen – die Tendenz war bei Mädchen ab 14 Jahren zuletzt wieder steigend. Gleichzeitig liegen die Wartezeiten für Therapieplätze oft bei sechs bis zwölf Monaten. Eine Gesellschaft, die Bildungsgerechtigkeit ernst nimmt, sollte aber psychische Gesundheit als Bildungsvoraussetzung begreifen. Kindergesundheit ist Sozialpolitik Gesundheitliche Ungleichheit ist in Deutschland ein großes Strukturproblem, das sich über Generationen weitervererbt. Kinder aus armen Familien sind häufiger übergewichtig, haben eine schlechtere Zahngesundheit, leiden häufiger unter chronischen Erkrankungen und sind psychisch stärker belastet. Kinder von Alleinerziehenden gehen seltener in Sportvereine und nehmen seltener an Präventionsangeboten teil. Kinder mit Migrationshintergrund nutzen Früherkennungsuntersuchungen seltener – weil Sprachbarrieren, Diskriminierung und mangelnde Gesundheitskompetenz den Zugang erschweren. Die Kida-Studie (»Kindergesundheit in Deutschland aktuell«) des Robert Koch-Instituts untersucht regelmäßig, wie gesund Kinder und Jugendliche in Deutschland sind und wie stark ihre Gesundheit von der sozialen Lage abhängt. Demnach hat sich diese gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten sogar noch vergrößert. Besonders hart trifft es Mädchen aus armen Familien: Sie weisen die niedrigsten Werte für psychische Gesundheit und Lebenszufriedenheit aller untersuchten Gruppen auf. Wer Ungleichheit wirklich bekämpfen will, muss an diesem Punkt ansetzen – nicht erst in der Schule, sondern in der Kita und in der frühen Kindheit. Denn wir wissen aus der Forschung – etwa den Arbeiten des Wirtschaftsnobelpreisträgers James Heckma n: Frühkindliche Förderung und Gesundheitsversorgung haben den höchsten Return-on-Investment aller sozialpolitischer Maßnahmen. Ein Euro, der in die ersten Lebensjahre fließt, spart ein Vielfaches späterer Kosten.) Kindergesundheit entlastet die Sozialsysteme Deutschland gibt so viel für Gesundheit aus wie kaum ein anderes Land – und bekommt dafür im internationalen Vergleich relativ wenig zurück. Das liegt daran, dass unser System auf Behandlung statt Prävention ausgerichtet ist: Wir behandeln Krankheiten, die mit mehr Vorsorge gar nicht erst auftreten würden. Adipositas, die zu einem großen Teil in der Kindheit entsteht, verursacht laut aktuellen Schätzungen direkte Kosten von 29 Milliarden Euro jährlich und indirekte Kosten von weiteren 34 Milliarden Euro. Forschende der TU München haben berechnet, dass eine Süßgetränkeabgabe nach britischem Vorbild allein Hunderttausende Fälle von Typ-2-Diabetes verhindern und 16 Milliarden Euro volkswirtschaftliche Kosten einsparen könnte. Die Entscheidung, diese Maßnahme nicht einzuführen, wurde politisch zugunsten der Lebensmittelindustrie und zulasten der Allgemeinheit getroffen. Gleiches gilt für den Bereich digitale Gesundheit: Über 25 Prozent der 10- bis 17-Jährigen zeigen laut DAK-Studie zur Mediensucht eine riskante oder suchtartige Social-Media-Nutzung – dreimal so viele wie noch 2019. Psychische Erkrankungen durch problematischen Medienkonsum sind eine wachsende Kostenposition im Gesundheitssystem. Konsequente Regulierung algorithmischer Systeme, die auf maximale Verweildauer und damit auf das Suchtpotenzial gerade junger Nutzerinnen und Nutzer optimiert sind, wäre eine wirksame Prävention – und würde das System langfristig entlasten.