Zeit 10.08.2026
16:14 Uhr

Energiepolitik: Kampf gegen Windräder


Die AfD gibt sich als Teil der Anti-Windkraft-Bewegung und verspricht den Schutz von Heimat und Kultur. Doch ihre Energiepolitik hätte weitreichende Folgen für das Land.

Energiepolitik: Kampf gegen Windräder
Schon von Weitem ist es zu sehen, das meterlange Schwert von Hermann dem Cherusker: Das nach dem Fürsten benannte Hermannsdenkmal erhebt sich weit über die Baumkronen des Teutoburger Walds in Nordrhein-Westfalen. Die mehr als 26 Meter hohe Metallfigur auf einem ebenso hohen Unterbau aus Stein ist ein bekanntes Wahrzeichen; Hunderttausende kommen jährlich hierhin und besuchen Hermann, auch bekannt als Arminius. Das Denkmal erinnert an seinen Sieg über die römischen Truppen in einer Schlacht im Jahr 9 nach Christus. Mehr als 2.000 Jahre sind seitdem vergangen, und wieder tobt im Teutoburger Wald ein Konflikt. Gekämpft wird dieses Mal nicht gegen die Römer, sondern gegen Windräder: Geplant ist der Bau von sieben Windkraftanlagen in der Umgebung des Denkmals. Naturschutzverbände haben bereits Klage gegen die Genehmigung eingereicht, sie befürchten Eingriffe in den Natur- und Landschaftsschutz. Aktivisten der Identitären Bewegung inszenierten eine Besetzung des Denkmals und zündeten Pyrotechnik. Und auch die AfD mobilisiert gegen das Windkraft-Vorhaben: Ende Mai organisierte die Partei im nahe gelegenen Detmold eine Protestveranstaltung, an der etwas mehr als 100 Menschen teilnahmen. In einem offenen Brief an Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatten die AfD-Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich und Götz Frömming zuvor einen Baustopp sowie ein langfristiges Schutzkonzept für den Teutoburger Wald gefordert, da dieser eng mit der deutschen Geschichte und Identität verbunden sei. Ihr Fraktionskollege Lars Schieske kritisierte Ende Juli, mit dem Bauvorhaben werde »Ideologie über Heimat und Kulturlandschaft gestellt«. »Wir reißen alle Windkraftwerke nieder« Der Konflikt um das Hermannsdenkmal verdeutlicht die Position der AfD zur Windenergie: Die Partei lehnt den Ausbau ab und verbindet diese Haltung mit Fragen von Heimat, Kultur und nationaler Identität. Dabei stellt sie den Schutz von Landschaften und historischen Orten einer aus ihrer Sicht ideologisch motivierten Energiepolitik gegenüber. Dass das Thema fester Bestandteil der AfD-Politik ist, zeigte sich schon im Bundestagswahlkampf 2025. Die im hessischen Reinhardswald geplanten Windkraftanlagen bezeichnete Parteichefin Alice Weidel damals in einer Rede auf dem Parteitag in Riesa als »Windmühlen der Schande« – und skandierte: »Wir reißen alle Windkraftwerke nieder.« Vor den nun anstehenden Landtagswahlen setzt die Partei das Thema erneut auf die politische Agenda. In Mecklenburg-Vorpommern fordert die AfD ein Ende der »Windkraft-Zwangspolitik«, in Sachsen-Anhalt wendet sie sich gegen eine »globalistische Klimaideologie«. Auch der Berliner AfD-Landesverband lehnt den Ausbau der Windenergie ab, insbesondere das Flächenziel von einem halben Prozent. Berlin dürfe nicht durch Bundesgesetze verpflichtet werden, Windenergieanlagen in seinen Wäldern zu errichten, heißt es im Wahlprogramm. Gemeint ist das 2023 von der damaligen Ampelregierung beschlossene Windenergieflächenbedarfsgesetz . Dieses legt verbindliche Flächenziele für den Ausbau der Windenergie an Land fest und soll dazu beitragen, die Ausbauziele des Erneuerbare-Energien-Gesetzes zu erreichen. Es sieht vor, dass die Bundesländer bis spätestens 2032 einen festgelegten Anteil ihrer Landesfläche für die Windenergienutzung ausweisen. Für Berlin liegt dieser Anteil bei 0,5 Prozent. Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gehören mit Vorgaben von mehr als zwei Prozent zu den Ländern mit den höchsten Flächenzielen. Die dortigen AfD-Landesverbände lehnen das Gesetz ab. Warnung vor energiepolitischer »Vollbremsung« durch AfD-Politik Das Flächenbedarfsgesetz abzuschaffen, wäre »energie- und klimapolitisch ein schwerer Rückschritt«, sagt die Energie-Expertin Claudia Kemfert. Sie leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Ohne verbindliche Flächenziele könne Deutschland seine Klimaziele deutlich schwerer erreichen, sagt Kemfert im Gespräch mit dem ZEIT- Störungsmelder . Auch andere energiepolitische Forderungen der AfD sieht Kemfert kritisch. So fordert etwa der Landesverband Sachsen-Anhalt ein Moratorium für die Genehmigung neuer Windenergieanlagen – also den temporären Stopp entsprechender Verfahren. Einen ähnlichen Antrag brachte die AfD-Fraktion im März auch in den Bundestag ein. Aus klimapolitischer Sicht wäre ein solches Moratorium »fatal«, sagt Kemfert. Es würde den Klimaschutz und den Umbau des Energiesystems verzögern. Folgen wären hohe Treibhausgasemissionen, steigende Strompreise und eine größere Unsicherheit für Investoren, Kommunen oder Unternehmen. Zudem wäre Deutschland länger von fossilen Energieträgern wie Kohle und Gas abhängig. Nötig sei nicht weniger, sondern mehr erneuerbarer Strom, sagt Kemfert. Ein Moratorium käme hingegen einer energiepolitischen »Vollbremsung« gleich.