|
24.09.2026
06:00 Uhr
|
Die Elbvertiefung am Donnerstag – Mit einer Staatsanwaltschaft im Verzug, der Kriegssimulation »Red Storm Charlie« und einer möglichen Aufarbeitung bei Kühne+Nagel

Liebe Leserin, lieber Leser, stellen Sie sich vor, Sie wären von musikalisch und sportlich eher durchschnittlicher Begabung und man würde Ihnen sagen, dass Sie sich für ein paar Tage wie einer der größten Popstars und Fußballprofis des Landes fühlen dürften. Ja, gleichzeitig. So ungefähr muss es den Hamburger Goldkehlchen gerade gehen. Der Amateurmännerchor steht vor dem größten Auftritt seines zehnjährigen Bestehens: einem Konzert im Volksparkstadion. 52.000 Tickets sind verkauft. Das ist schon ein bisschen irre bei einem Chor, dessen Mitglieder im Interview darüber diskutieren, ob von den 100 Sängern 20, 15 oder doch eher nur zehn Prozent wirklich gut singen können (Z+) . Trotzdem – oder gerade deshalb? – füllten die Goldkehlchen im Laufe der Jahre immer größere Konzerthallen. Anfang der Woche habe ich den Chormanager Markus Tiedemann und Flemming Pinck, einen der Chorgründer, im Volksparkstadion besucht. Dort, wo sonst die Profis des HSV kicken, wird in diesen Tagen die Bühne aufgebaut: Gabelstapler summen hin und her, Kräne hieven Türme für die LED-Leinwände in die Höhe. Insgesamt werden 47 Lkw-Ladungen Material angeliefert und verbaut. Die Firma, die sich um die Spezialeffekte kümmert, hat bereits für Ed Sheeran gearbeitet, der im vergangenen Jahr hier auftrat. Und der örtliche Veranstalter der Goldkehlchen-Show ist derselbe, der 2024 bei Taylor Swift für Catering und Security zuständig war. »Im Grunde sind alle Vollprofis«, sagt Tiedemann. »Nur wir als Chor sind die Unprofessionellen.« Im Februar hat Tiedemann seinen Job als Markenstratege gekündigt, um sich Vollzeit als Showleiter um die Planung zu kümmern. Auch Flemming Pinck hat unzählige Stunden in die Vorbereitung investiert. In einer der Stadion-Logen haben Tiedemann und er sich für die letzten Tage ein Büro eingerichtet. »Ich habe Markus in letzter Zeit öfter gesehen als meine Frau,« sagt Pinck. »Wir haben keinen einzigen Tag gestritten. Aber wir haben mehrmals zusammen geheult, weil das alles so krass ist.« Die Goldkehlchen kündigten an, dass dies ihr letztes Konzert sein wird. Abschied am Höhepunkt der Karriere. Zu Beginn der Woche probte der Chor mit der Band, morgen steht eine Durchlaufprobe im Stadion an, das Konzert ist am Samstag. Als ich den Chorleiter Paul Jungeblodt anrufe, wirkt der entspannt. Vor knapp einem Jahr, kurz vor dem Konzert in der Elbphilharmonie, war das anders. »Da habe ich gedacht, der Chor sei dort fehl am Platz«, sagt Jungeblodt. Aber schon nach dem ersten Song habe sich etwas in ihm zurechtgerückt. »Musik muss nicht perfekt sein, um sie aufführen zu dürfen. Sie gehört zu jedem Menschen.« Nicht nur mit Popstars haben die Goldkehlchen nun etwas gemeinsam, sondern auch mit Profifußballern: HSV-Coach Merlin Polzin höchstpersönlich kam bei einer der Proben für eine Kabinenansprache vorbei. Er erzählte unter anderem von dem Gefühl, das in diesem Stadion entstehen könne, wenn die Menschen auf den Rängen bemerkten, dass man auf dem Rasen – oder eben auf der Bühne – alles gebe. Wenn Sie sehen, beziehungsweise hören möchten, ob der Chor diese Energie auf die Bühne bringt: Noch sind einige Tickets erhältlich. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihre Viola Diem Was heute wichtig ist In Bussen, Bahnen und an Haltestellen im Verbundgebiet, zu dem auch Teile Schleswig-Holsteins und Niedersachsens gehören, werden heute Fahrscheine kontrolliert. Nur einmal im Jahr kündigt der HVV seine Prüfmarathons an. In der ersten Hälfte des Jahres seien ihm durch Mitfahrende ohne Ticket etwa 16 Millionen Euro entgangen. Seit Jahresbeginn hat es laut DLRG in Hamburg sieben Badetote gegeben. Das sind halb so viele wie im Vorjahreszeitraum. Die Stadt will die von ihr genutzten Büroflächen künftig im 20 Prozent reduzieren . Das sieht ein Beschluss des Senats vor. Die Stadt setze dabei auf moderne und flexible Arbeitsplatzkonzepte. Aktuell nutze die Stadt laut Finanzbehörde rund 1,24 Millionen Quadratmeter Büroflächen, deren Mietverträge bis 2040 auslaufen. Flixtrain will auf wichtigen Strecken bald dichtere Taktungen anbieten, auch zwischen Berlin und Hamburg. Im Laufe des Jahres 2027 sollen die Züge dort im Stundentakt fahren, sagte der Unternehmenschef-Chef Matthias Müller. Die rund 90.000 Beschäftigten im Hamburger Einzel- und Versandhandel bekommen mehr Lohn . Die Gewerkschaft Ver.di und der Handelsverband Nord haben sich nach mehreren Verhandlungsrunden und Warnstreiks auf einen Tarifabschluss geeinigt. Davon sollen besonders die unteren Gehaltsgruppen profitieren. Nachricht des Tages Nach dem Tod von Klaus-Michael Kühne will sich Kühne+Nagel nun offenbar doch genauer mit seiner Rolle im Nationalsozialismus befassen. Die Frage nach der Nazi-Vergangenheit des Unternehmens sei eine, »der sich der Konzern Kühne+Nagel widmen« werde, sagte Jörg Dräger, Geschäftsführer der Kühne-Stiftung, dem NDR. Er betonte, dass es nicht um die Rolle des langjährigen Konzernchefs und Mehrheitsaktionärs Klaus-Michael Kühne gehe. Dieser sei zu Kriegszeiten sieben Jahre alt gewesen. »Es betrifft die Geschichte des Unternehmens«, das Kühne groß gemacht habe. Kühne war am 23. August im Alter von 89 Jahren in der Schweiz gestorben. Vergangenen Dienstag war seine Urne auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt worden. Zu Lebzeiten hatte der Milliardär die Forderung, Historiker für die Aufarbeitung der Firmengeschichte zu bezahlen, mehrmals zurückgewiesen. Das Firmenarchiv sei verbrannt, es bringe nichts mehr, »alte Wunden aufzureißen«, betonte er damals. In Hamburg gab es immer wieder Kritik an dieser Haltung – auch, weil die von Kühne finanzierte Stiftung bis zu 340 Millionen Euro für Planung und Bau einer neuen Oper investieren will. Der Stiftungsrat stehe weiter hinter dem Kulturprojekt, betonte Dräger nun. Kühne+Nagel will sich also laut Dräger der Frage nach der Nazi-Vergangenheit »widmen«. Noch ist aber offen, ob das tatsächlich eine Kehrtwende im Umgang mit dem heiklen Thema sein könnte. Wann könnte eine Aufarbeitung beginnen? Werden unabhängige Historiker beauftragt, werden die Ergebnisse veröffentlicht? Der Sprecher der Firma beantwortete solche Fragen gestern wie folgt: »Der Verwaltungsrat des Unternehmens wird sich zum gegebenen Zeitpunkt mit dem Thema beschäftigen.« Von Kristina Läsker Aus Hamburg »Wenn Bürger das mitbekommen, sagen sie: ›Wollt ihr uns veralbern?‹« 17.000 Briefe der Staatsanwaltschaft Hamburg wurden zwei Monate lang nicht verschickt. Hier erklärt Oberstaatsanwalt Boris Bochnick, wie es dazu kam – und welche Probleme es noch gibt. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Interview von ZEIT-Autor Tom Kroll. DIE ZEIT: Herr Bochnick, vergangene Woche sorgte eine Meldung für Aufsehen: 17.000 Briefe der Staatsanwaltschaft blieben ungesendet. Erst nach zwei Monaten fiel das auf. Warum wurde das nicht früher bemerkt? Boris Bochnick: Weil wir auf unsere maschinell erstellten Schreiben oftmals gar keine Rückmeldung erwarten. Viele davon sind Einstellungsbescheide. Wenn Sie Opfer einer Straftat geworden sind und kein Tatverdächtiger ermittelt werden konnte, erhalten Sie solch einen Brief. ZEIT: Wie ist die Panne aufgefallen? Bochnick: Es häuften sich die Beschwerden von Rechtsanwälten. Wenn Anwälte Akteneinsicht nehmen möchten, müssen sie einen Antrag stellen. Doch unsere Antwortschreiben auf diese Anträge kamen nie an. So erkannten wir, dass etwas nicht stimmte. Vor ein paar Tagen haben wir nun alle 17.000 Schreiben versendet. ZEIT: Wie schlimm war es? Bochnick: Der Schaden hält sich in Grenzen. Die Beschäftigten wurden angewiesen, bestimmte Fristen neu zu setzen. Alle wichtigeren Schreiben – also Anklageerhebungen oder Strafbefehle – waren von der Computerpanne nicht betroffen. Es wird aber ganz sicher zu einigen Verfahrensverzögerungen kommen. ZEIT: Könnte es nun sprunghaft zu einem Arbeitsanstieg kommen? Bochnick: Ob da jetzt noch ein paar tausend Verfahren dazukommen, ist fast egal. In der Staatsanwaltschaft Hamburg liegen 100.000 Verfahren anhängig, die noch nicht erledigt worden sind. Wissen Sie, wir ertrinken in der Arbeit. Es ist egal, ob wir fünf Zentimeter oder zwei Meter unter der Wasseroberfläche sterben. Wo genau der Flaschenhals bei der Bearbeitung der Akten ist , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) Schon gelesen? Stell dir vor, es ist Krieg Ab heute simulieren die Bundeswehr, Blaulichtorganisationen und Unternehmen bei der Übung »Red Storm Charlie« die Reaktion auf einen Konflikt an der Nato-Ostgrenze. 500 Soldaten sowie Zivilisten mit Fahrzeugen, Lastwagen und Hubschraubern werden bis Samstag in der Stadt unterwegs sein. So befremdlich es wirken mag: Diese Übung ist nötig, schreibt ZEIT-Redakteur Hauke Friederichs. → Zum Kommentar (Z+) Das könnte Sie interessieren Heute Abend steht in der Kunsthalle der Vortrag »Caspar David Friedrich als Zeuge der beginnenden Waldindustrie« von Wilhelm Bode auf dem Programm. Bode war Leiter der Forste im Saarland und nähert sich in seinem Buch »Wald Endzeit« den Werken Friedrichs unter forstwissenschaftlichen Aspekten. Seine These: Friedrichs Baum- und Walddarstellungen sind auffallend präzise und zeigen zudem die Veränderung der Landschaft durch die beginnende Waldindustrie. »Caspar David Friedrich als Zeuge der beginnenden Waldindustrie« , Vortrag mit Buchvorstellung, 24.9., 19 Uhr; Kunsthalle, Werner-Otto-Saal, Glockengießerwall 5, Ticket im Museumsbeitrag enthalten. Meine Stadt Hamburger Schnack Der Zugbegleiter auf dem Weg von Berlin zum Hamburger Hauptbahnhof über Lautsprecher: »Meine Damen und Herren, stellen Sie doch die Uhren jetzt schon auf Winterzeit um, dann sind wir wieder pünktlich.« Gehört von Elke Ribeaucourt Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .