Zeit 20.03.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Warum selbst die besten Köche aufhören


Die Elbvertiefung am Freitag – Mit Stau-Alarm in Hamburg, einem neuen Streik bei Bus und U-Bahn und einem Heavy-Metal-Chor, in dem selbst Brummer plötzlich mitsingen

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Warum selbst die besten Köche aufhören
Liebe Leserin, lieber Leser, gerade ist viel und mit gutem Grund von Ausbeutung in der Spitzenküche die Rede. Was man dabei nicht vergessen sollte: der Normalfall ist Selbstausbeutung. Ich war neulich bei einem Four Hands Dinner in der Speicherstadt. Boris Kasprik und Matteo Ferrantino kochten im Wechsel ein Menü für zwanzig Gäste. Zwei der besten Köche also, die Hamburg je hatte. Und zwei Männer, die entschieden haben, ihr Restaurant aufzugeben – beide nach acht erfolgreichen Jahren. Es war ein lustiger Abend mit Kaviar-Krapfen, marinierten Langostinos in Orangensud, einem ausgezeichneten Reh Berliner Art … und vor allem mit den zwei befreundeten Köchen, die verschiedener kaum sein könnten: der bescheidene, nachdenkliche Kasprik und der Showman Ferrantino mit seinen unnachahmlichen italo-denglischen Ansprachen. Wir haben danach noch ein wenig geplaudert in der Veranstaltungsküche, die Kasprik heute betreibt. Warum, wollte ich wissen, haben sie sich von dem Traum verabschiedet, auf den sie so lange hingearbeitet haben? Gegenfrage: "Arbeiten Sie bei Ihrer Zeitung 15 Stunden am Tag?" Was ich hörte, war weit weg vom Klischee des Sternekochs als einem Künstler am Herd. Kasprik erzählte, dass er bei all der Personalverantwortung und dem Papierkram kaum mehr zum Kochen gekommen war. Ferrantino sprach von seiner oft enttäuschten Hoffnung auf den dritten Stern. Auch verglich er sich mit einer überreifen Tomate. Es war von Burn-out die Rede, von der Angst, dem Druck irgendwann nicht mehr standzuhalten. Das Schönste an diesem Abend war, die beiden so viel gelöster als früher zu sehen, so froh über ihren Entschluss. Zwei Sentenzen habe ich mir notiert. Welche von wem stammt, müssen Sie erraten: "Ich beute mich manchmal immer noch aus; aber nur dann, wenn ich will." Und: "La gloria ist not forever." Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Michael Allmaier PS: Danke für die vielen guten Tipps zum Thema Stint. Einem konnte ich schon folgen, an einen ganz unverhofften Ort – die Weinstube Zur Traube in Ottensen. Da aß ich am Sonntag meinen bislang besten Stint. Und zwar nicht wie üblich "satt", sondern als Vorspeise. Das wirkte auf mich viel logischer bei einem so raren Fisch. Und es trägt auf jeden Fall zur Andacht beim Essen bei. WAS HEUTE WICHTIG IST Aufgrund von Bauarbeiten stockt der Verkehr in Hamburg am Wochenende an mehreren Stellen. Die A7 wird ab heute Abend zwischen Heimfeld und Stellingen für drei Tage voll gesperrt; Samstagabend wird die Sperrung bis zum Dreieck Hamburg-Nordwest erweitert. Zudem sind die Berlinertordammbrücke und die Bürgerweide für jeglichen Verkehr dicht. Nachdem bereits gestern in Hamburg keine U-Bahnen und kaum Busse fuhren, hat die Gewerkschaft Ver.di Beschäftigte der Hochbahn und der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein GmbH (VHH) für Samstag erneut zu einem 24-stündigen Warnstreik aufgerufen. Die Tarifverhandlungen zwischen Ver.di und der Hochbahn sollen am Montag und Dienstag fortgesetzt werden. Vor dem Sondertreffen der Energieminister von Bund und Ländern am 27. März fordert Hamburgs Umweltsenatorin Katharina Fegebank die Regierung zum Handeln auf. Nötig seien angesichts steigender Energiepreise "Instrumente, die soziale Härten abfedern, falls die Märkte weiter so stark reagieren". Das Leitungsteam des Hamburger Balletts bleibt bis Mitte 2027 im Amt . Das hat der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper laut Kulturbehörde beschlossen. Nicolas Hartmann, Lloyd Riggins und Gigi Hyatt hatten die Interimsleitung nach dem Aus von Demis Volpi mit Beginn der Spielzeit 2025/26 übernommen, die Suche nach einer neuen Intendanz läuft parallel. Trotz starker Verluste im US-Geschäft hat die Hamburger Wirtschaft 2025 Waren im Wert von rund 56,8 Milliarden Euro in alle Welt exportiert – das sind laut Statistikamt Nord 1,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch die Importe nach Hamburg stiegen um 3,7 Prozent auf 76,6 Milliarden Euro. AUS HAMBURG "Tom, du brummst" In Hamburg treffen sich gerade viele Menschen, um gemeinsam zu singen. Auch unmusikalische. Unser Autor Tom Kroll hat das ausprobiert – und dabei alte Ängste überwunden. Lesen Sie hier einen Auszug aus seinem Erfahrungsbericht. Als ich in der zweiten Klasse war, setzte mich die eigentlich sehr freundliche Chorleiterin meiner Grundschule plötzlich ans Xylofon und erklärte mir: "Tom, du brummst." Seitdem habe ich nicht mehr im Chor gesungen. Dieses als Beförderung getarnte Singverbot prägt mich bis heute. Ich singe nicht, obwohl ich es gern täte. Und Pubertät und Zigarettenkonsum waren meinem Brummen auch nicht zuträglich. Nun besteht aber anscheinend in Hamburg ein Trend zu Mitsing-Events, und so schlug mir eine Kollegin vor, für einen Artikel dieses Singerlebnis auszutesten. Ich lehnte reflexhaft ab. Doch als ich hörte, dass es um einen Chor geht, der Heavy-Metal-Hits singt, wurde ich hellhörig. Könnte mein Brummen hier sogar von Vorteil sein? Die "Tunes of Darkness" proben jeden Dienstagabend in einer Stadtteilschule in Stellingen. Als ich eintreffe, steht vor dem Gebäude ein Mann mit zurückgebundenen lockigen Haaren. Unter seiner offenen Winterjacke erkenne ich eine lila Fledermaus mit spitzen Zähnen auf seinem Shirt, darüber den Schriftzug: Ozzy Osbourne. Hier bin ich richtig. 36 Sängerinnen und Sänger trudeln in der Schulaula ein. Es sind Uni-Dozentinnen, IT-Experten, Angestellte von Fördern & Wohnen, Männer mit eingeflochtenen Bartperlen, Frauen mit wild gefärbten Haaren, viel Metall in den Gesichtern – Piercings in Nase und Augenbrauen, einige von Tunnels gespreizte Ohrläppchen. Aber da ist auch Ulli, eine Pfarrsekretärin aus dem Hamburger Speckgürtel, die eher unauffällig wirkt mit ihren grauen Haaren und der randlosen Brille – würde nicht auf ihrem Shirt stehen: Metal is my Religion . Zum Metal brachte sie ihr Mann, erzählt sie. Im Kirchenchor singe sie zwar auch, aber, und jetzt druckst Ulli ein bisschen herum: "Hier ist es etwas weniger steif." Ob es Tom Kroll gelingt, sich in den Chor einzureihen , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) SCHON GELESEN? Kann denn Verfassungschützen Sünde sein? Das Schlamassel um den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer offenbart: Etwas läuft falsch im Staate Deutschland. Schriftstellerin Thea Dorn hat sich zu den Mechanismen des Verfassungsschutzes Gedanken gemacht und erinnert dabei unter anderem an die Frage, die durch den Fall unentdeckter Terroristen aus Hamburg aufgeworfen wurde. → Zum Artikel (Z+) DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Im Rahmen der 11. Suedlese Literaturtage stellt Nina Faecke das gemeinsam mit Franziska Hohmann geschriebene Buch "Gut, dass du nicht mehr da bist" vor. Eine Erzählung über die Befreiung aus einer toxischen Mutter-Tochter-Beziehung. Darüber hinaus gibt Nina Faecke unterhaltsame Einblicke ins Ghostwriting und berichtet von ihren Erfahrungen. Nina Faecke: "Gut, dass du nicht mehr da bist" , 27.3., 19 Uhr; Skylounge PHNX Aparthotel Hamburg, Hannoversche Straße 88, 4. Stock. Die Suedlese läuft noch bis zum 31.3. MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Inspiriert vom Hamburg Schnack am Mittwoch wollte eine Frau das Buch Wie man seinen Ehemann NICHT umbringt in der Buchhandlung kaufen. Die Buchhändlerin: "Das Buch ist leider erst in zwei Wochen wieder bei uns verfügbar. Haben Sie so lange Zeit? Ähm, beziehungsweise hat ihr Mann noch so lange Zeit?" Kundin: "Jetzt habe ich es 40 Jahre ausgehalten, da kommt es auf zwei Wochen nicht an." Gehört von Dagmar Bremer Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .