Zeit 17.03.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Ein Rollstuhlfahrer vor der Arztpraxis – und kein Aufzug


Die Elbvertiefung am Dienstag – Mit dem Hamburger Wärmeplan, falsch tickenden Bahnhofsuhren – und Siegfried Lenz, der kein Senator werden wollte

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Ein Rollstuhlfahrer vor der Arztpraxis – und kein Aufzug
Liebe Leserin, lieber Leser, vor ein paar Tagen wurde ich Zeuge einer erschreckenden Szene. Ich war im Hochhausviertel Steilshoop unterwegs, zusammen mit dem CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Sandro Kappe, der dort sein Büro hat und sein Mandat gelegentlich als Auftrag zu einer Art ehrenamtlicher Sozialarbeit interpretiert. An diesem Tag wollte er mir die letzte Arztpraxis des Wohngebiets zeigen. In einem heruntergekommenen Baukomplex gibt es dort ein Ärztehaus. Doch dort scheint die allgemeinmedizinische Praxis verwaist zu sein, die Gründe sind unklar. Die Arztpraxis, um die es ging, befindet sich ein paar hundert Meter entfernt im ersten Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses. Als wir auf das Gebäude zugingen, klemmte ein Rollstuhlfahrer im Eingang. Beim Versuch, ins Treppenhaus zu gelangen, hatte er einen seiner Schuhe an der widerspenstigen Tür abgestreift, mit der er sich abmühte. Nun hing er mehr in seinem Gefährt, als dass er saß, und kam weder vor noch zurück. Als Sandro Kappe ihn aus seiner Lage befreit hatte, sagte der Mann in gebrochenem Deutsch, er habe nur mal schauen wollen. Was es zu sehen gab, befand sich hinter der nächsten Ecke des Eingangsflurs: die Treppe hoch zur Arztpraxis, und nirgends ein Fahrstuhl. Es ist mühsam, Steilshoop zu verlassen, seit die Bushaltestelle verlegt wurde und eine U-Bahnbaustelle in der Mitte des Stadtteils einen riesigen Krater gerissen hat. Theoretisch kann man natürlich auch mit einem Rollstuhl fast überallhin, in der Praxis soll es vorkommen, dass Körperbehinderte, die nicht die Treppe hochkommen, auf der Straße behandelt werden. Ich kann das nicht überprüfen. Warum es in Hamburg solche Lücken in der ambulanten Versorgung gibt, können Sie in einem Artikel meiner Kollegin Annika Lasarzik (Z+) nachlesen. Die Veröffentlichung liegt nun schon etwas zurück, aber ihr Fazit gilt noch immer: "Bisher entschieden über die medizinische Versorgung in der Stadt ausgerechnet diejenigen, die selbst ein hohes Interesse daran haben, dass alles so bleibt, wie es ist." Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Frank Drieschner Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Im Tarifkonflikt bei der Hamburger Hochbahn hat die Gewerkschaft Ver.di erneut zu einem Warnstreik aufgerufen. Die Fahrer von Bussen und U-Bahnen sollen demnach am Donnerstag ab 3 Uhr für 24 Stunden die Arbeit niederlegen. Nicht betroffen sind die Busse der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH), die S-Bahnen und die Hafenfähren. Die Zahl der Kirchenaustritte im Erzbistum Hamburg ist 2025 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. In Hamburg traten 5.247 katholische Christen aus der Kirche aus, 2024 waren es 5.325. Demgegenüber standen 63 Neu- und 78 Wiedereintritte (2024: 45 / 77). An Hamburgs Bahnhöfen sowie S- und U-Haltestellen gingen die Uhren in diesem Jahr schon 27-mal falsch . 18 Störungen gab es an den S-, Regional- und Fernbahnhöfen und neun an den U-Bahnhöfen. Das ergab eine Kleine Anfrage der CDU-Bürgerschaftsfraktion an den Senat. An den Bushaltestellen der Hochbahn lief dagegen bisher alles im Takt. 25 Jahre nach der Ermordung des Hamburger Gemüsehändlers Süleyman Taşköprü durch die Rechtsterroristen vom NSU wollen die Bürgerschaftsfraktionen von SPD, Grünen, CDU und Linken in einer Gedenkveranstaltung an die Tat erinnern. Die Veranstaltung soll Ende Juni stattfinden, über den entsprechenden Antrag stimmt die Bürgerschaft am 25. März ab. Im Hamburger Stadtgebiet ist erstmals ein Wolf überfahren worden. Das Tier sei mitten in der Nacht auf Freitag auf der A25 bei Curslack mit einem Auto kollidiert, teilte die Umweltbehörde mit. Der Autofahrer blieb bei dem Unfall unverletzt. Das etwa 28 Kilogramm schwere Tier verendete aufgrund des heftigen Zusammenstoßes direkt an der Unfallstelle. Nachricht des Tages Gestern hat die Umweltbehörde einen Entwurf des Hamburger Wärmeplans veröffentlicht. Wesentlicher Bestandteil ist eine Karte, die aufgeschlüsselt für kleine Siedlungsbereiche der ganzen Stadt Empfehlungen für die jeweils zweckmäßigste Art einer klimaneutralen Wärmeversorgung vorlegt. Der Entwurf soll Ende Juni vom Senat beschlossen werden und orientiert sich am Zieljahr 2040 für eine klimaneutrale Wirtschaftsweise in Hamburg. Die von der Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) geführte Umweltbehörde verbindet die Veröffentlichung mit scharfer Kritik am geplanten Gebäudemodernisierungsgesetz der schwarz-roten Bundesregierung. Die Abschaffung der Verpflichtung, neue Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit Energie aus erneuerbaren Quellen zu betreiben, schaffe erhebliche Unsicherheit, während die geplante Quote für klimafreundlich erzeugtes Grüngas zu Belastungen der Verbraucher führen werde. Im Ergebnis werde Klimaschutz in der Wärmeversorgung erschwert. "Mit veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen im Bund wird es auch in Hamburg schwieriger, Maßnahmen zur Wärmewende umzusetzen und Klimaneutralität zu erreichen", heißt es in der Stellungnahme der Umweltbehörde. Aus einer Analyse der Hamburger Wärmeversorgung, die als Teil des Wärmeplanentwurfs veröffentlicht wurde, ergibt sich, dass der Endenergieverbrauch der Hamburger Wohn- und Gewerbegebäude in den Jahren von 2008 bis 2023 kaum gesunken ist. Werden Witterungseffekte als Folgen besonders milder Winter herausgerechnet, ergibt sich über den Zeitraum der betrachteten 16 Jahre ein Rückgang von lediglich etwa acht Prozent. Frank Drieschner AUS HAMBURG Senator wollte er nicht sein Heute vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Siegfried Lenz geboren. Günter Berg war sein Lektor. Hier schreibt er über ihre jahrelange Zusammenarbeit – und von einem Brief an Helmut Schmidt. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Gastbeitrag von Günter Berg. Im Juni 1978, kurz nach der Bürgerschaftswahl in Hamburg, erhält Siegfried Lenz einen Anruf von Helmut Schmidt. Die beiden verbindet seit Mitte der Sechzigerjahre eine stabile Freundschaft, Lenz hatte Helmut Schmidt – wie auch schon Willy Brandt – auf Reisen nach Polen begleitet. Nun fragte der damalige Bundeskanzler den Schriftsteller, ob er nicht das Amt des Hamburger Kultursenators übernehmen wolle. Der Autor sagte ab, er begründete es so: "Nicht der vorgestellte Wechsel einer Lebenslage führte zu dieser Entscheidung, nicht Anhänglichkeit an vertraute Gewohnheiten und auch die Unwilligkeit nicht, öffentliche Verantwortung zu übernehmen; vielmehr habe ich schließlich meiner Überzeugung nachgegeben, daß ich all das, was zu tun ich für notwendig halte, eher mit den Mitteln des freien Schriftstellers als mit den Möglichkeiten eines Amtes erreichen möchte." Er glaube, dass ihm allein die Arbeit, für die er sich vor nahezu 30 Jahren entschieden hatte, entspricht. Diese Worte fand ich in einem Brief, den er am 10. Juni 1978 geschrieben hatte. Bereits einige Jahre zuvor hatte Lenz in seiner Dankesrede beim renommierten Bremer Literaturpreis gesagt: "Ich schätze nun einmal die Kunst, herauszufordern, nicht so hoch ein wie die Kunst, einen wirkungsvollen Pakt mit dem Leser herzustellen, um die bestehenden Übel zu verringern." Lenz’ Handwerkszeug war nur selten die politische Rede oder die taktische Konfrontation. Er schrieb Geschichten (Z+) , um die Welt besser verstehen zu können. Er machte mit seiner Literatur Angebote, ihm zu folgen auf dem Weg der Vergewisserung. Den Werdegang von Lenz und wie sich sein Werk entwickelte, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) SCHON GELESEN? "Mir fliegen Songs in gewisser Weise zu" Achim Reichel gilt als Ur-Vater des deutschen Rock, Lieder wie "Aloha Heja He" wurden international zum Hit. Gestern wurde er für seine Verdienste um die deutsche Popmusik und Sprache von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda mit dem Bundesverdienstorden geehrt. Im Mai 2025 hat ihn ZEIT-Autor Tobias Lentzler zu Hause besucht. → Zum Artikel (Z+) DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN Bundesweit haben die Internationalen Wochen gegen Rassismus begonnen, sie laufen noch bis zum 29. März. Das diesjährige Motto: "100 Prozent Menschenwürde – Zusammen gegen Rassismus und Rechtsextremismus". In den kommenden zwei Wochen stehen in allen Bezirken der Stadt zahlreiche Lesungen, Vorträge sowie Film- und Theaterabende auf dem Programm – ein Blick in den umfangreichen Veranstaltungskalender lohnt sich . Ein Termin daraus: Die Autorin Tupoka Ogette stellt im Gespräch mit Mohamed Amjahid ihr neues Buch "Trotzdem zuhause" vor. In ihrem Memoir schreibt sie über ihr Aufwachsen als Schwarzes Kind in der DDR. "Trotzdem zuhause", Tupoka Ogette im Gespräch mit Mohamed Amjahid, 24.3., 19.30h; Laeiszhalle, Kleiner Saal, Gorch-Fock-Wall 21; Tickets gibt es hier MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Drei Herren um die 80 sitzen beim Frühstücksbäcker und schnacken über dies und das. Fernsehen ist natürlich auch ein Thema und der neumodische Kram mit den "Mediatheken". Einer erinnert sich an die Zeiten, als die Fernbedienung noch per Kabel direkt mit dem Fernseher verbunden war. Wenn seinem Opa der Ton zu leise war, habe der immer auf Plattdeutsch gesagt: "Giff mi mol den Drücker för de Kiekmaschin!" Gehört von Lutz Lüttig Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .