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06.10.2026
17:16 Uhr
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Für wegweisende Neutrinoforschung in der Antarktis erhält Francis Halzen den Physiknobelpreis. Vor Ort war er nie, sagt Kollege Christian Spiering. War auch nicht nötig.

Christian Spiering ist einer der Pioniere der internationalen Neutrinoforschung, die am Dienstag mit dem Physiknobelpreis ausgezeichnet wurde . Am IceCube-Projekt, das im Mittelpunkt der Auszeichnung steht, war er seit dem Jahr 2000 an Bau und Betrieb beteiligt. Das Experiment am Südpol besteht aus einem einen Kubikkilometer großen Eisblock, in den empfindliche Empfänger eingelassen sind. Die Nachricht, dass sein Kollege Francis Halzen für seine Beiträge zu IceCube nun den Physiknobelpreis verliehen bekommen wird, erreichte Spiering auf einem Treffen zum 60. Jubiläum seines Studienbeginns. DIE ZEIT: Herr Spiering, was ging Ihnen durch den Kopf, als sie vom diesjährigen Physiknobelpreisträger hörten? Christian Spiering: Ich wusste, dass Francis Halzen ein Kandidat war. Zwar einer, der nicht groß gehandelt wurde, aber ich habe natürlich auf seine Auszeichnung gehofft. Dann habe ich um 11.45 Uhr mein iPad angeschaltet und mein Gedanke war nur: Wow, irre! Meine ehemaligen Kommilitonen auf dem Treffen, bei dem ich gerade bin, haben sich gewundert, dass ich plötzlich aufsprang und laut »Hurra!« geschrien habe. ZEIT: War denn klar, dass Francis Halzen derjenige sein würde, der einen Preis für das Neutrinoexperiment in der Antarktis bekommt, und nicht ein anderer IceCube-Wissenschaftler? Spiering: Ja, eindeutig, er war der Spiritus Rector. Er hatte die Idee, so ein Teleskop nicht ins Wasser, sondern ins Eis zu bauen. ZEIT: Das waren die beiden einzigen Optionen, um hochenergetische Neutrinos nachzuweisen? Spiering: Ja, man braucht für so ein Experiment ein durchsichtiges Medium. Da kommen nur Wasser und Eis infrage. Bei Eis wusste man am Anfang aber nicht genau, wie durchsichtig es ist. Unsere ersten Bohrungen wiesen darauf hin, dass seine Durchsichtigkeit nicht ausreicht. Da haben sich früh die Steherfähigkeiten von Francis gezeigt. Er ist an der Idee drangeblieben und hat nicht einfach hingeschmissen. In dieser kritischen Phase, das war 1994/1995, sind wir Deutschen übrigens bereits in das Vorgängerexperiment von IceCube, das Antarctic Muon and Neutrino Detector Array (Amanda), eingestiegen. war als Elementarteilchenphysiker bis zu seiner Pensionierung 2013 am DESY in Zeuthen tätig. Angesichts seiner wichtigen Beiträge zur Neutrinophysik, unter anderem im Rahmen des IceCube-Projekts, galt er selbst als Anwärter für den Physiknobelpreis. Zuletzt veröffentlichte er bei Hanser das populärwissenschaftliche Sachbuch »Das seltsamste Teilchen der Welt: Auf der Jagd nach dem Neutrino«. ZEIT: Und Amanda zeigte, dass es möglich ist, auf diese Weise im Eis Neutrinos zu messen? Spiering: Ja, sehr überzeugend. Aber Amanda hat auch gezeigt: Man braucht einen größeren Detektor. Das war dann IceCube, dessen Bau 2004 begann. Bis klar war, dass das Experiment erfolgreich ist, dauerte es aber eine ganze Weile. 2011 ging es los mit der kontinuierlichen Datenerfassung. Zwei Jahre später konnten wir einen Fluss von Neutrinos aus allen Richtungen feststellen. 2017 kam dann der erste Nachweis eines Neutrinos aus einem entfernten Galaxienkern, 2022 der zweite. Und vor drei Jahren haben wir das Neutrinoleuchten der Milchstraße gesehen. Das war eindrucksvoll. ZEIT: Wie groß war die Rolle Deutschlands bei all dem? Spiering: Amanda haben wir phasenweise finanziell wirklich über Wasser gehalten. Bei IceCube war dagegen klar, dass der Löwenanteil von den Amerikanern bezahlt wird, etwa 85 Prozent. Der Rest kam aus Europa. Aber was die wissenschaftliche Ausbeute angeht, stehen wir außergewöhnlich gut da. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren kam etwa ein Drittel der Veröffentlichungen der Ergebnisse von IceCube aus Deutschland. ZEIT: Wie kommt das? Spiering: Wir haben eine recht gut aufgestellte Finanzierung für Doktoranden und Postdocs, also für diejenigen, die einen großen Teil der wissenschaftlichen Analyse machen. Daher können wir durchaus mit den Amerikanern konkurrieren oder sogar besser sein. ZEIT: Hat das nicht für Unfrieden gesorgt? Bei internationalen wissenschaftlichen Großprojekten gibt es immer wieder Ärger darüber, wem die Lorbeeren zustehen. Spiering: Ich kenne solche Geschichten. Und gerade deshalb habe ich immer gesagt: Wie schön, dass wir uns bei IceCube nicht gegenseitig beharken, sondern die Ergebnisse gönnen. Das ist vielleicht auch ein bisschen das Verdienst von Francis Halzen. ZEIT: Inwiefern? Spiering: Mit ihm steht eine sehr ausgeglichene Figur an der Spitze. Er ist kein knallharter General, der seine Leute in die Schlacht treibt, sondern jemand, der einfach durch seine Überzeugungen und seine natürliche Art wirkt. Seine besondere Autorität beruht auch darauf, dass er als Erster die Idee für den Detektor hatte, dass IceCube also ohne ihn nicht gebaut worden wäre. ZEIT: Halzen ist also ein Teamplayer? Spiering: Absolut. Immer, wenn er irgendeinen großen Preis bekommen hat, hat er als Erstes das Team informiert und gesagt: Das ist nicht mein Preis, das ist euer Preis, vielen Dank! Und auch das Preisgeld hat er natürlich nicht privat verwendet, sondern wieder in die Forschung gesteckt. ZEIT: Ist das ein Teil seines Erfolgsrezepts? Spiering: Ja, aber auch, dass er sehr verschmitzt und pfiffig ist. Manchmal ist er auch ein Schlitzohr. Das muss man sein, wenn man so ein großes Projekt realisieren will. Man muss manchmal stärker ins Horn stoßen, als man es als zurückhaltender Mensch vielleicht tun würde. Das beherrscht er genial. ZEIT: Francis Halzen selbst ist kein Experimentalphysiker, sondern Theoretiker. War er trotzdem viel am Südpol vor Ort? Spiering: Nein, er war nie am Südpol! Fragen Sie mich nicht, warum. Normalerweise haben sich alle Leute darum gedrängelt, da mal hinzufahren. Aber nicht Francis Halzen. ZEIT: Wirklich? Er hat nie das Experiment besucht, für das er jetzt den Nobelpreis bekommen hat? Spiering: Nein, er war nie in der Antarktis-Station. Aber vielleicht fährt er jetzt doch mal dahin, denn diese Frage werden ihm ja jetzt vermutlich einige Leute stellen.