Zeit 06.10.2026
13:51 Uhr

August Hanning: Spion in eigener Sache?


Ermittler haben den früheren BND-Präsidenten August Hanning festgenommen. Er soll sich Staatsgeheimnisse beschafft und das Wissen zu Geld gemacht haben.

August Hanning: Spion in eigener Sache?
In der Welt der Geheimdienste ist der Verrat Alltagsgeschäft. Doch schwierig wird es immer dann, wenn der Verräter aus den eigenen Reihen stammt. Ein solcher Verdacht beschäftigt derzeit den Bundesnachrichtendienst (BND). Ausgerechnet der frühere Präsident des Auslandsgeheimdienstes, August Hanning, soll seine ehemalige Behörde ausgekundschaftet haben, um geheime Informationen zu Geld zu machen. Am Dienstagmorgen wurde er deswegen festgenommen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Hanning wegen des Verdachts der landesverräterischen Ausspähung, des Auskundschaftens von Staatsgeheimnissen, des versuchten Landesverrats sowie der geheimdienstlichen Agententätigkeit. Seinen früheren Büroleiter Manfred D. ließen die Ermittler gleichzeitig festnehmen. Ihm wird Beihilfe zum versuchten Landesverrat und zur landesverräterischen Ausspähung vorgeworfen. Im Kern geht es um folgenden Vorwurf: Hanning habe sich nach seiner Pensionierung von seinem einstigen Büroleiter mit geheimen Informationen versorgen lassen. Diese Erkenntnisse soll er dann für seine privaten Beratertätigkeiten ausgeschlachtet haben. Besonders brisant ist, dass Hanning den Ermittlungen zufolge nicht nur von Unternehmen engagiert wurde, sondern auch mit ausländischen Geheimdiensten in Kontakt war und in mindestens einem Fall auch für diese Analysen schrieb. Der heute 80-jährige Hanning war von 1998 bis 2005 Präsident des BND. Damals arbeitete Manfred D. als sein Büroleiter. Die Zusammenarbeit war offenbar gut, denn als Hanning als Staatssekretär ins Bundesinnenministerium wechselte, folgte ihm D. als abgeordneter Assistent. 2009 ging Hanning in den Ruhestand und Manfred D. zurück zum BND. Die Verbindung der beiden Männer blieb offenbar bestehen. Geheime Erkenntnisse seit 2010 Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass der Deal der beiden Männer schon bald nach Hannings Ausscheiden aus dem Staatsdienst begann. Im Frühjahr 2010 soll Hanning mit Manfred D. vereinbart haben, dass dieser ihm künftig regelmäßig geheime Erkenntnisse des Nachrichtendienstes liefern werde – gegen Bezahlung. Im Laufe der Jahre habe Manfred D. rund 2.000 Dokumente übergeben, darunter viele, die als Verschlusssache eingestuft gewesen seien. Nach Angaben der Ermittler handelte es sich dabei unter anderem um die BND-interne Vorbereitung der sogenannten ND-Lage. ND steht für Nachrichtendienst: Jeden Dienstag treffen sich die Chefs der deutschen Sicherheitsbehörden mit Spitzenbeamten und Militärs im Kanzleramt und bereden, welche Gefahren Deutschland drohen. Basis dieser ND-Lage, die unter strengster Geheimhaltung stattfindet, sind unter anderem Erkenntnisse des BND – die offenbar auch an Hanning gingen. In einem Fall habe Hanning dieses geheime Wissen genutzt, um daraus für einen Mitarbeiter eines »fremden nachrichtendienstlichen Sicherheitsapparates« eine Analyse zu erstellen, teilte der Generalbundesanwalt am Dienstag mit. Noch nicht ermittelt werden konnte bislang, ob diese Analyse seinen Adressaten auch tatsächlich erreichte. Hanning sei zudem in einem »intensiven Austausch« mit einem Angehörigen eines weiteren Nachrichtendienstes gestanden und habe diesen jahrelang mit politischen Informationen versorgt. Basis waren auch hier zum Teil BND-Unterlagen. Offen bleibt in der Mitteilung der Ermittler, für welche Staaten und Behörden Hannings Kontaktleute tätig waren. Das Haus, in dem Hanning am Dienstagmorgen festgenommen wurde, haben zwei ZEIT-Reporter im vergangenen Jahr besucht. Es wirkt wie ein Archiv Hannings illustrer Karriere. Im Keller befindet sich ein großes Konferenz- und Arbeitszimmer, mit weißen Wänden, großem Holztisch und schweren furnierten Schränken. Überall hängen Fotos, auf denen Hanning mit hochrangigen Politikern und Behördenchefs zu sehen ist: mit dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, mit dem früheren Bundespräsidenten Johannes Rau, mit dem ehemaligen Bundesverfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen. Dazu Plaketten, Dolche und Abzeichen von Polizeibehörden und Geheimdiensten aus aller Welt – Souvenirs und Trophäen von Institutionen, die sonst lieber im Verborgenen operieren. Hanning, so zeigen all diese Erinnerungsstücke, war jahrelang Teil der innersten Machtzirkel der Bundesrepublik – und auch international ein wichtiger Gesprächspartner. Durchsuchung im Rahmen des Block-Verfahrens Hannings Haus wurde wenige Monate nach dem Besuch der ZEIT-Reporter am 16. September 2025 durchsucht, im Rahmen eines aufsehenerregenden Prozesses: dem Fall Block, der aktuell vor dem Hamburger Landgericht verhandelt wird. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in diesem Fall auch gegen Hanning. Sie wirft ihm vor, in die Entführung der beiden Block-Kinder in der Silvesternacht 2023/24 verwickelt zu sein. Und Hanning soll an einem Konzept mitgewirkt haben, mit dem Christina Block versuchte, ihre Kinder bereits am 9. November 2022 zu sich zurückzuholen. Zwischenzeitlich schleuste die Staatsanwaltschaft sogar einen verdeckten Ermittler in die Firma ein, in deren Verwaltungsrat Hanning bis zum Mai dieses Jahres saß und die Christina Block beraten hatte. Hanning bestreitet alle Vorwürfe. Er hatte verschiedene Beschwerden gegen die Ermittlungen gegen ihn eingereicht, allerdings erfolglos. Bei der Durchsuchung wurden dann offenbar die geheimen BND-Unterlagen gefunden. Sie stießen eine große interne Ermittlung im Dienst an. »Für den BND und mich gibt es bei der internen Sicherheit keine Kompromisse«, sagte der aktuelle BND-Präsident Martin Jäger dazu. Anfang Mai übernahm dann die Bundesanwaltschaft den Fall. Seit seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst suchte Hanning sein Glück in der Wirtschaft. Er wurde Berater. 2010 gründete er eine Firma namens HanningConsult, die bis heute existiert. Geheimdienstpräsidenten erfahren viele Dinge, haben zahlreiche Kontakte zu Menschen, an die andere sonst nicht gelangen. Dieses Wissen versuchte Hanning offenbar zu nutzen. »Hochspezialisierte Unternehmensberatung« Hannings wichtigster Arbeitgeber in der freien Wirtschaft wurde eine Firma namens System 360, die auch Christina Block beraten hatte. Die Firma bezeichnet sich selbst als »hochspezialisierte Unternehmensberatung«. Die Spezialität von System 360 ist es, ehemalige Polizisten und Geheimdienstler einzustellen, die dann Unternehmen mit besonderen Sicherheitsbedürfnissen beraten. Beispielsweise, wenn es einen Betrüger im eigenen Unternehmen gibt. Oder wenn es darum geht, Cyberangriffe abzuwehren. Oder die Krisenkommunikation zu übernehmen, wenn etwas schiefgegangen ist. System 360 gehört einer anderen, ebenso spezialisierten Beratungsfirma, der Pluteos AG aus der Schweiz. Sie vermittelt laut Eigenwerbung »Intelligence- und Sicherheits-Experten auf Weltniveau«. In beiden Unternehmen hatte Hanning tragende Rollen, bei Pluteos ist er laut Website noch immer Präsident des Verwaltungsrates. System 360 sah sich bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht in der Lage, etwas zu den Vorwürfen zu sagen, Pluteos war über die offiziell angegebene Nummer nicht erreichbar. Hanning beriet nicht nur, er vermittelte auch Kontakte. Auch die späteren mutmaßlichen Entführer der Block-Kinder – darunter ein ehemaliger israelischer Geheimdienstler – hatte er in seinem Haus in Nordwalde im Münsterland empfangen. Sie hatten sich von ihm offenbar eine Vermittlung in den deutschen Markt gewünscht. Hanning hat nach Informationen der ZEIT tatsächlich versucht, den Kontakt zu einer Versicherung herzustellen. Aber zu dem Termin kam es nie, weil die mutmaßlichen Entführer nach der Tat überstürzt nach Israel reisten. Hanning bestreitet, etwas mit der späteren Entführung in der Silvesternacht zu tun zu haben.