Welt 09.10.2026
07:13 Uhr

Warum nur ermordete die RAF den Diplomaten Gerold von Braunmühl?


Gerold von Braunmühl lebte bescheiden mit seiner Familie bei Bonn. Als enger Vertrauter von Hans-Dietrich Genscher war er einflussreich, galt aber als nicht gefährdet. Am 10. Oktober 1986 erschossen ihn zwei Linksextremisten.

Warum nur ermordete die RAF den Diplomaten Gerold von Braunmühl?

An der Buchholzstraße in Ippendorf, einem beschaulichen Vorort in Waldnähe oberhalb von Bonn, ist wenig Bemerkenswertes. Schmale Vorgärten und größere Hintergärten prägen die Wohnstraße, die Hecken sind ganz sauber gestutzt. Die meisten Gebäude sind Einfamilienhäuser, an der nächsten gibt es eine Kneipe, das Buchholzstübchen (verlinkt auf https://buchholzstuebchen.de/) . Am Abend des 10. Oktober 1986 sitzen dort etwa 25 Gäste aus der Nachbarschaft bei Kölsch und Wacholderschnaps. Ihnen fällt nicht auf, dass gegen 21.30 Uhr ein Taxi durch die Buchholzstraße vor das Haus Nr. 34a fährt, das an der Kreuzung mit der nächsten Querstraße steht, der Oderstraße. Aber die meisten von ihnen wissen, wer dort wohnt: die Familie von Braunmühl. Vater Gerold ist Diplomat, 51 Jahre alt. Man weiß, dass er in leitender Position im Auswärtigen Amt (verlinkt auf https://www.auswaertiges-amt.de/) tätig ist, aber nicht viel mehr. Das weiße Haus, einstöckig und mit ausgebautem Dachgeschoss, steht auf einem etwa 500 Quadratmeter großen Grundstück: gelebte Bürgerlichkeit, ganz normal in einem Vorort der Bundeshauptstadt. Um 21.32 Uhr steigt „Gero“ von Braunmühl, wie er genannt wird, rechts hinten aus dem Taxi. Die hohen Laternen erhellen die Straße. Der Fahrer öffnet den Kofferraum, um dem Passagier seine Aktentaschen anzureichen. Plötzlich steht eine vermummte Gestalt neben den beiden. Ist es ein Mann oder eine Frau? Das ist nicht klar zu erkennen. Jedenfalls ist die Person klein, höchstens 1,68 Meter groß, schätzt der Zeuge später. Sie trägt eine dunkelbraune Hose, eine braune Steppjacke, dunkle Schuhe – und über dem Gesicht eine blauschwarze Wollmütze mit Sehschlitzen. Im nächsten Moment schießt der Vermummte, dreimal aus kurzer Distanz. Zwei Pistolenkugeln im Kaliber neun Millimeter bleiben in Braunmühls Körper stecken, die dritte durchschlägt seine Brust und tritt am Rücken wieder aus. Trotz der schweren Verletzungen versucht er noch fortzulaufen, mit einer Aktentasche in der Hand. Braunmühl stolpert auf die an der gegenüberliegenden Straßenseite geparkten Autos, wohl im Reflex, hinter einem davon Schutz zu suchen. Er schafft es nicht, geht zu Boden. In diesem Moment kommt ein zweiter Vermummter auf ihn zu. Offensichtlich ein Mann, 1,80 Meter groß und schlank, mit heller Kleidung. Dann knallt es wieder: Mit einem Schuss aus einem Revolver direkt in den Kopf tötet der zweite Täter sein Opfer. Dann reißt er ihm die Aktentasche weg, die unter dem Kopf des Sterbenden liegt, und flüchtet mit dem zweiten Vermummten. Mit einem roten Opel Kadett rasen sie davon. Hinter dem sterbenden Diplomaten liegt auf dem Asphalt sein schmales Brillenetui, das er beim Laufen verloren hat. Die ersten Fenster von Häusern in der Buchholzstraße gehen auf, einige Menschen schreien. Mehrere Notrufe gehen bei Polizei und Feuerwehr ein, doch der Taxifahrer hat über Funk bereits seine Zentrale alarmiert – mit dem Code „03“ für „dringend“. Braunmühls Frau Hildegard stürzt aus dem Haus, rennt zu ihrem sterbenden Mann, beugt sich über ihn und schreit: „Das ist doch nicht wahr!“ Dann geht sie zurück ins Haus und nimmt das Telefon, wählt eine strikt geheime Nummer – an den Apparat geht Hans-Dietrich Genscher (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hans-dietrich-genscher/) , der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, dessen engster Mitarbeiter Gerold von Braunmühl gewesen ist. „Herr Minister, mein Mann ist soeben erschossen worden“, sagt die Witwe nach Genschers Erinnerung. Er ist benommen, ja, wie erstarrt; tausend Gedanken gehen durch seinen Kopf. „Oh, mein Gott“, sagt er und versucht, Frau von Braunmühl zu trösten. Dann macht er sich mit einem Mitarbeiter und dessen Frau auf den Weg nach Ippendorf. Inzwischen ist die erste Funkstreife am Tatort, dann kommen auch ein Rettungswagen und ein Notarzt – doch jede Hilfe kommt zu spät. Der Leichnam des Diplomaten bleibt auf der Straße liegen, wird nur zum Schutz mit einem weißen Tuch abgedeckt. So sieht Genscher seinen langjährigen Mitarbeiter, als er in der Buchholzstraße eintrifft. Nie hat er ihn privat besucht, auch wenn Gero von Braunmühl jahrelang der Leiter seines Büros war und damit einer seiner engsten Mitarbeiter. Als Genscher tief in der Nacht das Haus verlässt, drückt ein Fotograf auf den Auslöser. Das Bundeskriminalamt hat sofort mit Hochdruck Fahndungsmaßnahmen eingeleitet. Doch die Täter fahren mit dem roten Kadett nur gut vier Kilometer: Schon in Bonn-Endenich wird wenige Tage später das (natürlich gestohlene) Auto gefunden – mit der fehlenden Aktentasche, die durchschossen und blutverschmiert ist. Zu dieser Zeit wissen die Ermittler schon, wo sie die Täter einordnen müssen. Nach dem Mord haben sie ein sieben Seiten langes Bekennerschreiben zurückgelassen. Der wirre Text mit mehr als 2200 Wörtern dokumentiert das völlige Unverständnis der auswärtigen Politik der Bundesrepublik. „Heute haben wir mit dem Kommando Ingrid Schubert den Geheimdiplomaten Braunmühl, politischer Direktor im Außenministerium und eine der zentralen Figuren in der Formierung westeuropäischer Politik im imperialistischen Gesamtsystem, erschossen“, heißt es da: „Unser Angriff zielt auf den aggressiven BRD-Staatsapparat in seiner Funktion als Kernstaat der politischen Formierung Westeuropas in der imperialistischen Kriegsstrategie.“ Dabei ist Braunmühl überhaupt kein „Geheimdiplomat“ gewesen, sondern der Leiter der hochoffiziellen Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes. Und gerade im Herbst 1986 steht, am Wochenende nach dem Mord in der Buchholzstraße, der zweite Gipfel von US-Präsident Ronald Reagan und dem sowjetischen Machthaber Michail Gorbatschow an. Es gibt die Hoffnung, dass sich die beiden Supermächte auf eine umfassende Abrüstung einigen können. Doch das Bekennerschreiben enthält neben dem darauf festgehaltenen inhaltlichen Unsinn wichtige weitere Informationen: Es ist identisch mit dem Papier anderer ähnlicher Schreiben von unzweifelhaft der dritten Generation der linksextremen RAF zuzuordnenden Anschlägen. Am Samstagnachmittag, gerade einmal 18 Stunden nach dem Mord, gibt das BKA dann eine kriminalistische Sensation bekannt: Gerold von Braunmühl ist mit derselben Waffe erschossen worden, mit der auch, am 18. Oktober 1977, der von der zweiten Generation der RAF entführte und wochenlang als Geisel festgehaltene Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article233564236/Hanns-Martin-Schleyer-Fuer-die-RAF-ein-perfektes-Ziel.html) regelrecht exekutiert worden war. Die Täter von Ippendorf haben also Zugriff auf Waffendepots der Terrorgruppe gehabt. Auch die andere Tatwaffe beim Braunmühl-Mord, eine Pistole, ist eindeutig mit der RAF verbunden: Sie stammt aus einem Raubüberfall auf ein Waffengeschäft in Maxdorf bei Ludwigshafen am 5. November 1984. Mindestens zwei Täter haben zwei Repetierflinten sowie 22 Pistolen und Revolver, außerdem 2800 Schuss passende Munition erbeutet. Seither erlauben diese Waffen, die Spur der Linksterroristen zu verfolgen: Am 25. Juni 1985 heben Fahnder in Offenbach eine konspirative Wohnung der RAF aus und entdecken im dazugehörenden Keller drei in Maxdorf entwendete Waffen. Eine vierte hat die Terroristin Eva Haule bei sich, als sie am 2. August 1986 in Rüsselsheim festgenommen wird. Die fünfte wird beim Mord an von Braunmühl verwendet, eine Repetierflinte aus der Beute beim misslungenen Anschlag auf Staatssekretär Hans Tietmeyer 1988. Zwei weitere Waffen aus Maxdorf werden von der französischen Polizei bei festgenommenen Terroristen der linksextremen Action Directe gefunden. Mit einer Pistole aus Maxdorf erschießt Wolfgang Grams in Bad Kleinen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/raf/article214935728/Medienskandal-Was-in-Bad-Kleinen-1993-wirklich-geschah.html) 1993 erst den GSG-9-Beamten Michael Newrzella und dann sich selbst; seine festgenommene Gesinnungsgenossin Birgit Hogefeld trägt auch eine Waffe aus dem Überfall bei sich. 31 Jahre später, 2024, wird eine weitere Pistole aus der Maxdorfer Beute bei Daniela Klette gefunden. Während also die Verantwortung der RAF für den Mord in Bonn-Ippendorf völlig zweifelsfrei feststeht, bleibt unklar, wer die beiden Mörder gewesen sein könnten. Für möglich hält das BKA 1986 von der Statur her mindestens drei Frauen: Inge Viett, Sigrid Sternebeck und Barbara Meyer sowie einen Mann, Horst-Ludwig Meyer. Doch die drei Frauen kommen, das zeigt sich später, nicht in Frage: Viett ist 1982 mithilfe der DDR-Staatssicherheit in der SED-Diktatur untergetaucht, Sternebeck sogar schon 1980. Barbara Meyer hat zwar 1985 Spuren im RAF-Umfeld hinterlassen, ist jedoch in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre im Nahen Osten abgetaucht und stellt sich 1999; ihr kann nichts nachgewiesen werden, was nicht bereits verjährt ist. So bleibt als einziger möglicherweise in Frage kommender Verdächtiger für den Mord an Gerold von Braunmühl Barbara Meyers zeitweiliger Ehemann Horst-Ludwig. Er ist ohne Zweifel Terrorist, verübt 1991 in Budapest einen Bombenanschlag und wird 1999 in Wien (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article183188426/Terrorismus-So-wenig-weiss-man-ueber-die-dritte-RAF-Generation.html) bei einem Feuergefecht mit der österreichischen Polizei erschossen. Der Weg des Ehepaars Meyer in den Linksextremismus erweist sich übrigens als typisch: Beide gehören in den späten 1970er-Jahren der RAF-Vorfeldorganisation Rote Hilfe e. V. (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6abbc05f4b6805f784a0ad94/linke-groesste-gruppe-im-deutschen-linksextremismus-eralp-war-jahrelang-mitglied-der-roten-hilfe.html) an, die inhaftierte Terroristen unterstützt. Spätestens im Sommer 1984 tauchen sie ab; im folgenden Jahr hinterlassen sie in einer konspirativen Wohnung der RAF Fingerspuren. Doch mehr kann das BKA nicht ermitteln. Der Mord an Gerold von Braunmühl, dem vermeintlichen „Geheimdiplomaten“, bleibt unaufgeklärt. Soweit bekannt, sind auch keine Asservate gesichert worden, die mit seit 1986 entwickelten kriminaltechnischen Methoden wie der DNA-Analyse untersucht werden könnten. Der Mord von Ippendorf wird rätselhaft bleiben. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit linkem Terrorismus und politisch motivierter Gewalt. Zu seinen Büchern darüber zählen „ Eine kurze Geschichte der RAF“ (verlinkt auf https://www.klett-cotta.de/produkt/sven-felix-kellerhoff-eine-kurze-geschichte-der-raf-9783608982213-t-4981) und „ Der Stammheim-Prozess“. (verlinkt auf https://www.herder.de/wissen/shop/p8/90794-der-stammheim-prozess-gebundene-ausgabe/)