Kardinal Giuliano Cesarini gab sich siegesgewiss. Er sei „bis zum Überströmen“ voll mit der Gewissheit gewesen, die Ketzerei in Böhmen endlich mit einem entscheidenden Schlag auslöschen zu können, berichtet ein Chronist. Daher führte Cesarini dem Kreuzzug nicht nur 300 Leibgardisten zu, sondern reihte die Wagen mit seinen Schätzen auch in den riesigen Tross ein, der das Heer begleitete. Als Kardinallegat von Papst Eugen IV. übernahm er das Kommando über das Heer, das sich unter der Regierung von König Sigismund von Luxemburg im Sommer 1431 zum Fünften Kreuzzug gegen die Hussiten bei Nürnberg sammelte. Allerdings sprach aus Cesarinis Selbstbewusstsein eine geringe Einsicht in bisherige Erfahrungen. Denn die Anhänger des Prager Reformators Jan Hus, der trotz Zusicherung freien Geleits 1415 als Ketzer auf dem Konzil von Konstanz verbrannt (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article143105305/Machtkalkuel-praegte-den-Schauprozess-gegen-Jan-Hus.html) worden war, hatten bereits vier Kreuzzügen den Garaus gemacht. Dabei kam ihnen das Vertrauen in die Worte ihres Meisters zugute, nach denen die real existierende Amtskirche zu einem grotesken Gegenbild der Botschaft Jesu verkommen sei. Stattdessen hatte Hus’ Lehre, den Glauben in der Sprache des Volkes zu predigen und das Abendmahl gemeinsam mit Brot und Wein zu feiern und diesen durch Laien auszuteilen, eine verschworene Gemeinschaft begründet. Ihre Zusammenkünfte fanden auf Bergen statt, die nach dem Alten Testament „Tabor“ genannt wurden. Disziplin und Opferbereitschaft wurden zum moralischen Fundament der Hussiten-Heere, gegen die das Ablass-Versprechen der Amtskirche an die Kreuzfahrer mehr als hohl klang. Hinzu kamen Führer, die bereit waren, mit den mittelalterlichen Traditionen der Kriegführung zu brechen und völlig neue Wege auf dem Schlachtfeld zu gehen. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article213845348/Hussiten-Diese-Innovation-vernichtete-ganze-Ritterheere.html) Jan Žižka (circa 1360–1424) etwa entstammte dem niederen Adel Böhmens und hatte seinen Lebensunterhalt als Offizier verschiedener Herren verdient. Er erkannte, dass die Handwerkerschaft in den zahlreichen Städten Böhmens in der Lage war, sein Heer mit modernsten Rüstungsgütern auszustatten. Dazu gehörten nicht zuletzt Kanonen und Handfeuerwaffen. Vor allem für kleine Kaliber, Büchsen und leichte Kanonen entwickelte Žižka eine geniale Taktik. Bis dahin waren die Trosse die Achillesferse der Armeen gewesen. Sie verhinderten einen schnellen Vormarsch und boten leichte Angriffsziele. Da setzte Žižkas Reform an. Er machte die hochwandigen Wagen zum Zentrum der Hussiten-Heere. Ein solches war rund 5000 Mann stark und marschierte in vier Kolonnen, die „Zeilen“ genannt wurden. Sie führten nicht nur Versorgungsgüter mit sich, sondern auch Geschütze und Schanzzeug. Ein Voraustrupp, der mit Werkzeugen ausgerüstet war, beseitigte Hindernisse, sodass die Truppe eine ungewöhnliche Marschgeschwindigkeit erreichte. Einige Hundert Reiter sorgten für Flankenschutz. In geeignetem, idealerweise erhöhtem Gelände bildeten die „Zeilen“ mit ihren rund 300 Wagen eine Burg, wobei die einzelnen Wagen mit Eisenketten verbunden wurden. Die Zugtiere kamen in den Innenraum. Zwei Ausfalltore blieben frei. Sie wurden durch mitgeführte Setzschilde abgedeckt. Schnell ausgehobene Erdwälle und Palisaden verstärkten die Anlage. Die Besatzungen gingen neben den auf den Wagen montierten Geschützen in Stellung. Hinzu kamen leichte Fernwaffen wie Hakenbüchsen, deren Rückstoß von einem Haken abgefangen wurde, der auf der Wagenkante festgemacht war. Während die Wirkung der Feuerwaffen wegen ihres komplizierten Ladevorgangs und der geringen Reichweite nicht zuletzt psychologischer Natur war, barg die erhöhte Aufstellung der Kämpfer hinter sicheren Brustwehren, die durch Schießscharten unterbrochen waren, große Vorteile. Da sie von Reiterattacken nicht überwunden werden konnten, mussten die Ritter absitzen und boten einem Verteidiger, der sie aus der Höhe angriff, leichte Ziele. Mit einem Ausfall gingen die Hussiten gegen die wankenden Gegner schließlich selbst in die Offensive. „Damit verbanden die Hussiten das defensive Potenzial des Festungskampfes mit dem Vorteil der strategischen Beweglichkeit“, folgert der Historiker Martin Clauss (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Clauss) : Der Erfolg gründete auf dem disziplinierten Zusammenspiel aller Kämpfer, das durch die Überzeugung, „unter dem Kelch“ zu kämpfen, sowie strenge Disziplinarvorschriften befördert wurde. An den Wagenburgen der Hussiten waren die Ritter zu Tausenden verblutet, die sich 1420, 1421, 1422 und 1427 zu Kreuzzügen gegen die vermeintlichen Ketzer zusammengefunden hatten. Auch auf den Feldzügen, mit denen sie ihre Nachbarländer heimgesucht hatten, hatten die Hussiten keine gleichwertigen Gegner gefunden. Cesarinis Vertrauen in den Sieg gründete allerdings nicht auf neuer Strategie oder Taktik, sondern allenfalls auf der Zahl. Die Quellen sprechen von 130.000 Kämpfern gegen 50.000 Gegner, was sicherlich übertrieben ist. Aber das Verhältnis könnte durchaus drei zu eins betragen haben. Die quantitative Überlegenheit der Kreuzfahrer erkannte auch Andreas Prokop, der nach dem Tod Žižkas die militärische Führung der Hussiten übernommen hatte. Sein Verhandlungsangebot wurde jedoch von Kardinal Cesarini und dem Kurfürsten Friedrich I. von Brandenburg als weltlichem Organisator des kaiserlichen Heeres als Zeichen der Schwäche interpretiert und daher abgelehnt. Stattdessen begannen die Kreuzfahrer mit ihrem Vormarsch. Cesarini setzte dabei auf Terror. Er teilte das Heer in drei Kolonnen, die sich aus dem Land ernährten und dabei alles niederbrannten, was „böhmisch“ war. „Man schonte weder Frauen noch Kinder, man unterschied nicht zwischen Rechtgläubigen und Ketzern“, schreibt der Historiker Heinz Rieder (verlinkt auf https://www.broz.at/rieder/lebensl.htm) . Ein derartiges Vorgehen erleichterte zwar die Versorgung mit Nahrungsmitteln, stärkte aber zugleich den Widerstandsgeist der Hussiten und reduzierte die Kampfkraft der einzelnen Heeressäulen. Das sollte sich rächen. Denn als sich das Kreuzfahrer-Heer am 14. August 1431 der Stadt Taus (Domažlice), etwa 50 Kilometer südlich von Pilsen, näherte, standen seinen Anführern nicht alle Kontingente zur Verfügung. Auf einer Erhöhung hatte Prokop seine waffenstarrende Wagenburg in Stellung gebracht. Während die Hussiten ihre Position ausbauten, trafen nur nach und nach die Kaiserlichen ein, was an der Moral jener nagte, die die Vorbereitungen der Gegner schon länger beobachtet hatten. Als Friedrich von Brandenburg auch noch den Befehl gab, die Wagen des Teils des Trosses, der es durch den Böhmerwald bis nach Taus geschafft hatte, nach hinten zu bringen und als Bedeckung eine bewaffnete Truppe abgestellt wurde, war es um die Disziplin endgültig geschehen. Die Aktion wurde als Beginn eines Rückzugs gedeutet. „Die von wachsenden Angst- und Panikgefühlen erfassten Soldaten hörten die Nachrichten über das heranrückende Hussiten-Heer, schließlich das Geräusch der heranrollenden Kampfwagen, die schmetternden Trompeten und wilden taboritischen Schlachtgesänge“, schreibt Rieder. In wilder Flucht stob das Kreuzfahrer-Heer auseinander. Cesarinis Versuch, am Fuß des Böhmerwaldes seinerseits eine Wagenburg zu errichten und darin die Fliehenden aufzunehmen, scheiterte. Es zeigte sich, dass Žižkas taktisches Konzept nicht einfach kopiert werden konnte. Armierung und Bemannung erforderten langes Training und präzise Durchführung – was erklärt, warum die Wagenburgen der Hussiten nicht von anderen Heeren übernommen und weiterentwickelt wurden. Nach der Niederlage bei Taus waren König und Papst endlich zu einem Verhandlungsfrieden bereit. Auf dem Konzil von Basel wurde den gemäßigten Utraquisten der Laienkelch (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article159844197/Gros-der-Hussiten-schliesst-Frieden.html) und die Ausübung ihrer Konfession in Böhmen zugestanden. Daraufhin wurden im Bündnis mit den Kaiserlichen 1434 bei Lipan die radikalen Taboriten entscheidend geschlagen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article165042283/Die-radikalen-Hussiten-werden-vernichtet.html) . Anschließend verschwand die militärische Innovation der Hussiten aus der Militärgeschichte. Verschwunden waren übrigens auch die Schätze Cesarinis, die im Böhmerwald zurückgeblieben waren. Als sich der Kardinal seinen fliehenden Truppen entgegenstellte, wurde er beinahe gelyncht, seine Wagen wurden geplündert. Sogar der rote Hut, der Mantel des Kirchenfürsten und die päpstliche Bulle, die den Kreuzzug begründet hatte, verschwanden. Der Kardinal selbst soll nur in Unterwäsche sein Leben gerettet haben. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.