Ob Claudia Roth, Katrin Göring-Eckardt oder Lisa Paus – prominente Grüne schätzen Franz von Assisi, den Gründer des Franziskanerordens. Am 3. Oktober 2026 jährt sich zum 800. Mal das (überlieferte) Todesdatum des Heiligen. Der Tradition nach starb Franziskus am Abend eines Samstags mit den Worten aus Psalm 141 auf den Lippen: „Voce mea ad Dominum“ (Ich schreie zum Herrn mit meiner Stimme). Was interessiert grüne Politiker an Franz von Assisi? Die spätere Kulturstaatsministerin Roth erinnerte sich 2013 (verlinkt auf https://kath.net/news/41505) , als Kind sei sie mit ihrer Großmutter oft in einem Franziskanerkloster gewesen: „Da ist viel hängengeblieben von Franz von Assisi, von seinem Sonnengesang, von der Verantwortung gegenüber anderen Menschen und der Natur.“ Auf dem Evangelischen Kirchentag 2023 predigte (verlinkt auf https://goering-eckardt.de/bibelarbeit-auf-dem-deutschen-evangelischen-kirchentag/) die zweimalige Parteivorsitzende Göring-Eckardt: „Franz von Assisi hat wohl als Erster von Bruder Sonne, Schwester Wasser und Mutter Erde gesprochen. Stand heute könnte man sagen: Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Nein, eigentlich steht es schlimmer: Geschwister und Mutter Erde müssten längst ins Frauenhaus flüchten, so wie der Mensch mit ihnen umgeht.“ Im selben Jahr erklärte (verlinkt auf https://www.spiegel.de/politik/deutschland/familienministerin-lisa-paus-die-unperfekte-a-71a6cefc-7483-454f-9727-053b5f90d4b1) die damalige Familienministerin Paus gegenüber Journalisten, sie halte es mit Franz von Assisi: „Gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen, und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen.“ Dass der US-Theologe Reinhold Niebuhr dieses bekannte Gebet verfasste, keineswegs Franziskus: gleichgültig. Der Bezug auf den Heiligen gehört offenbar zum guten Ton in grün-woken Kreisen – und blieb schon deshalb nicht kritiklos. Beispielsweise höhnte der „Spiegel“-Journalist Michael Sauga 2019: „Was haben Robert Habeck und Franz von Assisi gemeinsam? Beide haben verstanden, wie man durch geschickten Umgang mit Fehlern neue Anhänger gewinnt.“ Über diese Bemerkung und ein Porträt des damaligen Grünen-Vorsitzenden schrieb er spitz: „ Robert von Assisi (verlinkt auf https://www.spiegel.de/politik/deutschland/news-theresa-may-brexit-jeremy-corbyn-frauenwahlrecht-a-1248021.html) “. Woher kommt diese Sympathie? Franz von Assisi, geboren um 1181 als Giovanni di Pietro di Bernardone in eine wohlhabende Stoffhändlerfamilie in der Provinz Umbrien in Mittelitalien, wuchs als verwöhntes Kind auf und führte zunächst ein ausschweifendes Leben, wie es seinerzeit typisch war für einen jungen Mann aus gut situierten Verhältnissen. Seine späteren Hagiographen schilderten seine prunkvolle Kleidung und seine Vergnügungssucht. Stets fröhlich, ja: charmant sei er gewesen und dazu ein geborener Anführer. Weil er sich für Frankreichs Kultur begeisterte, nannte man ihn Franziskus. Ungefähr 1205, also mit 24 Jahren, änderte er einigermaßen schlagartig sein Leben. Nun verbrachte er mehr und mehr Zeit im stillen Gebet, zog sich in eine Höhle zurück und beklagte die Sünden seines bisherigen Lebens. Eines Tages betete er in der verfallenen Kapelle San Damiano, eine Viertelstunde Fußweg südlich seiner Heimatstadt. Dort hörte er Christus vom Kreuz herab zu sich sprechen: „Franziskus, repariere meine Kirche.“ Franziskus nahm an, gemeint sei das baufällige Gebäude, in dem er kniete. Also entwendete er wertvolle Stoffe aus dem Lager seines Vaters und verkaufte sie, um an Geld für die Reparatur zu kommen. Sein Vater empörte sich über den Diebstahl, schleppte seinen Sohn zu Bischof Guido II. von Assisi und forderte, Franz solle das Geld zurückgeben sowie auf alle Ansprüche als Erbe verzichten. Der Bischof entschied, dass die Klage berechtigt sei – und sagte dem Beschuldigten zugleich, fortan werde Gott für ihn sorgen. Das war alles, was Franziskus hören musste. Er entledigte sich all seiner Kleider bis auf ein Büßerhemd. Anschließend sagte er sich öffentlich von seiner Familie los: „Pietro Bernardone ist nicht länger mein Vater. Von nun an kann ich in voller Freiheit sagen: ‚Unser Vater im Himmel.‘“ Nur mit Lumpen bekleidet, kehrte er zurück in die verfallene Kapelle südlich der Stadt. Für ihre Renovierung bettelte er sich Steine und anderes Baumaterial zusammen. Aus dem kleinen Bau machte er mit eigener Hände Arbeit eine eigenständige Kirche. Bald fanden sich Gefährten, die gleich Franziskus am offensichtlichen Verfall der (Amts-)Kirche in Italien litten. Sie wollten seinem Beispiel folgen: im Freien schlafen, um Essen betteln und Gott verehren. Einen eigenen Mönchsorden hatte Franziskus nie gründen wollen. Ihm ging es um die gelebte Liebe von Brüdern in Gott. Seine Gefährten stammten aus allen Gesellschaftsschichten, ebenso vom Land wie aus der Stadt. Franziskus lebte ihnen Gleichheit vor, indem er jedem Menschen Ehre, Respekt und Liebe entgegenzubringen versprach – zugleich aber blieb er stets der Anführer, dominierte die anderen. Weil ihm das Leben südlich von Assisi offenbar doch nicht reichte, ging er mit seinen ersten zwölf Gefährten 1209 nach Rom, um sich seine neue Gemeinschaft päpstlich anerkennen zu lassen, was im folgenden Jahr auch geschah. Ihre Mitglieder nannten sich „fratres minores“, also „mindere Brüder“, weshalb viele später errichtete Gotteshäuser des Ordens bis heute Minoritenkirchen heißen. Seine Predigten, die er hielt, ohne je Priester zu sein, handelten von der Rückkehr zu Gottes Wort, aber zugleich vom notwendigen Gehorsam gegenüber der (Amts-)Kirche. Deshalb schrieb Thomas Kielinger 1976 zum 750. Todestag des Heiligen völlig zu Recht: „Franziskus – ein Revolutionär? Man komme uns doch nicht mit diesem Nachfolger Christi, der sich lieber mit den Vögeln unterhielt, als die herrschenden Verhältnisse wegzuräumen oder anzuklagen! Die herrschenden Verhältnisse auch in der Kirche.“ Der Ordensgründer wider Willen fand nicht nur männliche Gefährten. Auch die Adlige Klara von Assisi fühlte sich vom Leben in Armut angezogen und gründete den nach ihr benannten Frauenorden der Klarissinnen. Ihre erste Heimat wurde die inzwischen zum Kloster ausgebaute Kapelle San Damiano. Schon zu Lebzeiten von Franziskus begann seine Verehrung – und damit die Erfindung von allerlei Legenden. So soll er die Natur und die gesamte Schöpfung Gottes ebenso geachtet haben wie seine Gefolgsleute: „Der Spatz war für ihn genauso ein Bruder wie der Papst.“ Einer bekannten Erzählung zufolge predigte Franziskus vor Hunderten von Vögeln. Sie sollten, so sein Rat, Gott für ihr prächtiges Federkleid danken, ebenso für ihre Freiheit und seine Sorge um sie. Die Vögel hätten still dagesessen, als er zwischen ihnen umherging, und seien erst fortgeflogen, als er ihnen das Zeichen dazu gab. Sehr kompatibel zum grün-woken Denken ist eine weitere bekannte Legende über Franziskus. Demnach lebte in der Nähe einer kleinen Stadt in Mittelitalien ein gefräßiger und gefährlicher Wolf, der regelmäßig Menschen anfiel. Als die Bürger der Stadt sich zusammentaten, um das Tier zu jagen und zu erlegen, schritt der Ordensgründer ein. Er suchte den Wolf auf und überzeugte ihn, nie wieder einen Menschen zu töten. Weil er sich daran hielt, wurde er zum Haustier der Stadtbewohner – die im Gegenzug für seine Friedfertigkeit dafür sorgten, dass er stets genug zu fressen hatte. Ein erster Versuch, nach Jerusalem zu reisen, endete 1212 im Schiffbruch. Erneut unternahm Franziskus die beschwerliche Reise 1219 im Rahmen des fünften Kreuzzuges (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article253154310/Kreuzzuege-Mit-einer-Monsterwaffe-sprengten-die-Christen-die-Blockade-der-Muslime.html) zunächst nach Ägypten. Er wollte den dortigen Sultan bekehren oder das Martyrium erleiden. Erst nachträglich verbreitete sich die (unbelegte) Behauptung, der Herrscher sei heimlich zum Christentum konvertiert und habe sich auf dem Sterbebett taufen lassen. In der arabischen Tradition ist davon allerdings nichts bekannt. Während seiner Abwesenheit brachen im Orden erste Konflikte auf, die Franziskus nach seiner Rückkehr nur äußerlich beheben konnte. Als Folge zog er sich zunehmend zurück; außerdem hatte er sich aus dem Nahen Osten offenbar eine gefährliche Infektion mitgebracht, sehr wahrscheinlich Malaria. Im Spätsommer 1224 zog er sich in eine Einsiedelei am Berg Alverna im Apennin zurück. Hier erlebte er am 14. September eine weitere Vision, und danach trug er die Stigmata Christi (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article233864226/Padre-Pio-Von-Gott-gezeichnet-oder-doch-ein-heiliger-Betrueger.html) , also Wunden der Kreuzigungsnägel an Hand- und Fußflächen sowie den Einstich des Speeres an der Brust, mit dem der Legionär Longinus den Tod Jesu hatte überprüfen wollen. Zwei Jahre später erlag Franz von Assisi im Alter von Mitte vierzig seinen Krankheiten. Möglicherweise begann nun der Bericht seiner Zeichnung mit den Wunden Christi zu kursieren, jedoch spielten die Stigmata bei seiner raschen Heiligsprechung 1228 noch keine Rolle. Ein Dreivierteljahrhundert später jedoch, um 1300, war der Franziskus-Mythos schon weitgehend komplett. Sein Orden wurde zu einer der einflussreichsten Organisationen der Kirche – fünf Päpste zwischen dem ausgehenden 13. und dem ausgehenden 18. Jahrhundert stammten aus den Reihen der Minderen Brüder. Der erste und bisher einzige Heilige Vater allerdings, der den Franziskus wählte, Jorge Mario Kardinal Bergoglio (1936–2025, im Amt seit 2013), war gerade kein Franziskaner, sondern der erste Jesuit auf dem Heiligen Stuhl. Ende 1979 ernannte Johannes Paul II., an sich ein erzkonservativer Geistlicher, den Heiligen zum „Patron des Umweltschutzes und der Ökologie“. Zur selben Zeit entstand in Deutschland die grüne Bewegung, die Franz von Assisi umgehend „adoptierte“.