Die Deutschstunde“, Lenz erfolgreichstes Werk, erschien 1968 rechtzeitig zur Studentenrevolte: eine Auseinandersetzung der Flak-Generation mit dem Nationalsozialismus. Der Roman um einen Mitläufer des Nazi-Regimes stand monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten. Seinen Autor Siegfried Lenz, geboren vor 100 Jahren, machte es international bekannt. 1955 erschien „So zärtlich war Suleyken“ In „Deutschstunde“ setzt der diensteifrige Polizist Jepsen das NS-Malverbot gegen seinen Freund durch, den Maler Nansen: Es geht um Pflichtbewusstsein und dessen nationalsozialistische Perversion. Nansen war dem Expressionisten Emil Nolde nachempfunden und erst lange nach Erscheinen des Romans wurde bekannt, dass der wahre Nolde kein aufrechter Individualist und Faschismus-Kritiker war wie Nansen im Roman, sondern Nationalsozialist, Antisemit und Bewunderer Adolf Hitlers, obwohl die Nazis ihn als „entarteten Künstler“ verboten. Siegfried Lenz (1926-2014) zählt zu den wichtigsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Bereits 1955 hatte er einen erfolgreichen Erzählband veröffentlicht: Mit „So zärtlich war Suleyken“ setzte er den Fischern und Holzflößern, Handwerkern und Bauern seiner masurischen Heimat ein liebevoll-ironisches Denkmal. Sein Werk umfasst Romane, Kurzgeschichten, Erzählungen, Hörspiele, Essays, Reden und Theaterstücke. Nach Kriegsende lebte Lenz in Bargteheide In Lyck, dem heutigen Ełk, wurde er am 17. März 1926 als Sohn eines Zollbeamten geboren. Sein Vater starb früh, seine Mutter zog weg und überließ ihn der Großmutter. Seine „zweite Familie“ wurde das nationalsozialistische „Deutsche Jungvolk“. Unter seinen Mitschülern war er auch unter dem Spitznamen „Seemann“ bekannt. Lenz liebte das Wasser. Nach dem Notabitur 1943 meldete sich Lenz freiwillig bei der Kriegsmarine. Am 20. April 1944 wurde er in die NSDAP aufgenommen, am 2. Mai ging er an Bord. Später nach Dänemark abkommandiert, desertierte er kurz vor Kriegsende und kam in britische Kriegsgefangenschaft. Diese letzten Kriegstage verarbeitete er später in der Erzählung „Ein Kriegsende“. Ehrenbürger Hamburgs und Schleswig-Holsteins Aus britischen Zeitungen erfuhr Lenz von den Gräueltaten der Nationalsozialisten. Nach dem Krieg lebte Lenz von 1946 bis 1949 in Bargteheide in Schleswig-Holstein. 1947 schrieb er sich an der Hamburger Universität für ein Studium der Anglistik, Philosophie und Literaturwissenschaft ein, brach es aber ab und ging 1948 als Volontär zur Tageszeitung „Die Welt“ in Hamburg, zog in die Hansestadt. Bei der „Welt“ lernte er seine spätere Ehefrau Liselotte kennen, mit der er 56 Jahre lang bis zu ihrem Tod verheiratet war. Lenz war Ehrenbürger Hamburgs und Schleswig-Holsteins. Deshalb wird das Jubiläum seines 100. Geburtstags noch bis Ende März mit vielen Veranstaltungen gefeiert. Am 17. März, dem Geburtstag selbst, findet vom Friedhof Groß Flottbek aus eine 13 Kilometer lange Wanderung vom Grab über das letzte Wohnhaus des Autors (erster Abschnitt: 7 Kilometer) bis an die Elbe zu Orten aus dem Roman „Der Mann im Strom“ statt. Treffpunkt ist um 10.30 Uhr die Bushaltestelle Flottbeker Drift (Teilnahme: sechs Euro). Mit dem Maler Oskar Kokoschka befreundet Am Geburtstag des Ehrenbürgers von Hamburg und der polnischen Stadt Ełk findet auch die Vernissage einer deutsch-polnischen Ausstellung über den Autor statt, die das Historische Museum in Ełk erstellt hat. Gezeigt wird sie in der Galerie der Alfred-Toepfer-Stiftung (Georgsplatz 10). Zur Eröffnung werden Gäste aus Polen erwartet. Die Schau beleuchtet in Schrift und Bild verschiedene Aspekte des Lenz’schen Lebens und Werkes (Eintritt frei, Anmeldung: meyer@toepfer-stiftung.de). Einen Tag später wird eine zweite Ausstellung, „Lenz im Bild“ in der Freien Akademie der Künste in Hamburg eröffnet. Siegfried Lenz und der Maler Oskar Kokoschka waren einander freundschaftlich wie künstlerisch verbunden. Kokoschka illustrierte Lenz’ Erzählung „Einstein überquerte die Elbe bei Hamburg“, Lenz eröffnete eine Ausstellung anlässlich von Kokoschkas 90. Geburtstag. Kennengelernt haben sie sich durch Heinz Spielmann – Kunsthistoriker, Kurator und ehemaliger Museumsdirektor. Zur Eröffnung der Ausstellung „Lenz im Bild“ erinnert er sich an Begegnungen der beiden Akademiemitglieder. (Reservierung www.fadk.de). „Der Überläufer“ im Altonaer Theater Ebenfalls in der Freien Akademie wird durch das Mobile Kino unter dem Titel „Flexibles Flimmern“ am 24. und 25. März die Kinoverfilmung der „Deutschstunde“ von Christian Schwochow von 2019 gezeigt (jeweils 18.30 Uhr, 14 Euro, Reservierung unter: newsletter@flexiblesflimmern.de). Der Film läuft darüber hinaus am 22. März im Studio Filmtheater am Dreiecksplatz in Kiel. Weitere Veranstaltungen bis Ende März befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten des Lebens von Siegfried Lenz (www.hamburgliest.de). In Schleswig-Holstein gibt es am 17. März die „Deutschstunde“ als Theaterstück im Stadttheater Rendsburg (18 Uhr). „Der Überlaufer“ von Siegfried Lenz feiert als Theaterstück am 15. März an den Hamburger Kammerspielen seine Premiere und wird dort im Rahmen der seit 2014 laufenden Reihe „Lenz auf die Bühne“ bis zum 25. April gezeigt. Einen besonderen Lenz-Abend gibt es zudem am 28. März im Altonaer Theater. Dort lesen die Schauspieler Kristian Bader, Hans Löw, Bjarne Mädel, Anna Schäfer und Catrin Striebeck unter der Überschrift „Deutschstunde. Ein Tag. Ein Roman“ von 14 bis 22.15 Uhr aus dem bekanntesten Werk. „Nicht schlecht“ kommentierte Thomas Mann Am 18. März ehrt Jan Christophersen Lenz mit einer Lesung im Literaturhaus Schleswig-Holstein in Kiel. Der Abend wird am Folgetag im Hans-Christiansen-Haus in Flensburg wiederholt. Feridun Zaimoglu liest „seinen Lenz“ am 19. März im Storm-Haus in Husum (19.30 Uhr). Im ganzen Norden gibt es bis Ende März eine ganze Reihe weiterer Veranstaltungen (www.literaturhaus-sh.de/programm/Lenz100.html). Sein erster Roman „Es waren Habichte in der Luft“ erschien 1951, und trug ihm den Kommentar „Nicht schlecht“ von Thomas Mann ein. Im Roman erzählte Lenz von der erfolglosen Flucht eines russischen Lehrers vor dem aufkommenden Kommunismus 1918 nach Finnland. 1952 stieß Lenz zur „Gruppe 47“, der Vereinigung renommierter gesellschaftskritischer Nachkriegs-Autoren. Unterstützer von Willy Brandt Trotz seines Welterfolgs mit der „Deutschstunde“ hielt Lenz seinen Roman „Das Heimatmuseum“ für sein wichtigstes Buch. Darin erzählt er von einem masurischen Landsmann, der sich gegen den Missbrauch des „Heimat“-Begriffs wehrt, indem er das von ihm selbst erbaute Museum zerstört. Diese Abrechnung mit NS-Gauleiter Erich Koch und dessen verspäteter Räumung Ostpreußens im Zweiten Weltkrieg erschien erst 1978. Da war der Autor längst eine öffentliche Person. Schon bei den Bundestagswahlen 1965 trat er als Redner für die Sozialdemokraten auf. 1970 begleiteten der Masure Lenz und der Danziger Günter Grass Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrags nach Polen. Beide Schriftsteller hatten sich erfolgreich für eine Verständigung mit den sozialistischen Staaten Osteuropas und für eine Aussöhnung mit Polen eingesetzt. Friedenspreis- und Goethepreisträger Als Autor hatte Lenz nach eigenen Worten „einen Pakt mit dem Leser“ geschlossen. Er galt zwar als traditioneller Erzähler mit wohlkalkulierter Spannung, doch experimentierte er auch. 1988 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, 1999 mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main. Lenz glaubte immer an die humanisierende Kraft der Literatur. Seiner gesellschaftlichen Verantwortung als Autor war er sich bewusst, wie seine Essays unter dem Titel „Elfenbeinturm und Barrikade“ belegen. Typisch für ihn seien „die Wärme, das Menschenfreundliche“, charakterisiert ihn der Literaturkritiker Jörg Magenau. „Ombudsmann des menschlichen Anstands“ Am 7. Oktober 2014 ist Lenz in Hamburg gestorben. Bei der öffentlichen Trauerfeier im Michel nannte ihn sein Freund Helmut Schmidt (SPD), einen „Ombudsmann des menschlichen Anstandes“. „Beide waren Herzens-Hanseaten“, sagt Magenau. „Lenz bewunderte die Verantwortlichkeit des Politikers, Schmidt bewunderte umgekehrt die Fantasie des Schriftstellers.“