Nicht ohne Grund schauen in unserer Gesellschaft viele argwöhnisch, vielleicht sogar ablehnend auf die Institution Kirche. Das hat sich die Kirche selbst eingebrockt, jene Akteure, die durch Unfähigkeit oder sogar Vorsatz religiösen Machtmissbrauch zugelassen oder betrieben haben. Allerdings gewinnen diese Menschen gleich zweifach, wenn wir nun das Kind mit dem Bade ausschütten und uns durch ihr Fehlverhalten das nehmen lassen, was wertvoll ist am Glauben und an den aus ihm erwachsenen Lebensformen. Oft gilt heute bereits das als verdächtig, was sich nicht in zweckrationale Zusammenhänge und im überschaubaren Hier und Jetzt einordnen lässt. Immer mehr verlieren wir den Blick darüber hinaus. Konsumismus, Glückssuche im Privaten, scheinbare Freiheit, stetige Bewegung, Wachstum und Optimierung übertünchen, was eigentlich eine zutiefst menschliche Verortung ist: in der „objektiven Realität zu leben, nicht in der endlosen Relativität rein subjektiver Erfahrungen gefangen zu bleiben, in einer wirklichen und wirksamen – und nicht in einer illusorischen – Welt zu stehen“, schreibt Mircea Eliade in „Das Heilige und das Profane“. Vielleicht haben wir bereits verlernt, was der Himmel als Horizont für uns bedeutet. Manchmal fürchte ich, dass unserer von transzendenten Sinngehalten leergeräumten Gegenwart die Gegenangebote zu den extremistischen Verführungen bereits ausgegangen sind. Die goldenen Kälber und Scheinantworten stehen jedenfalls, so scheint mir, auch deshalb gerade hoch im Kurs, weil in unseren gesellschaftlichen Burn-out-Zustand neben allen fassbaren Krisen noch etwas Weiteres hineinspielt: ein radikales Sinndefizit. Wenn wir in uns keinen Sinn spüren, haben wir nicht nur kein Zutrauen, in die Zukunft zu gehen; wir wissen auch gar nicht, wofür wir das überhaupt tun sollten. Sinn ist so etwas wie unser geistiges Wurzelwerk. Fehlt es, kann sich weder Hoffnung gut halten noch Zuversicht wachsen, am Ende verlieren sogar wir selbst unsere Verankerung und Standfestigkeit. Solange alles in unserem Leben glattläuft, wir noch keinen großen Verlust erlebt haben, von gesellschaftlichen Krisen nicht unmittelbar betroffen sind, mag das noch funktionieren. Doch wenn alles um uns ins Wanken gerät, rutschen wir ziemlich schutzlos mit hinab. Gerade dann werden goldene Kälber und Pseudo-Messiasse attraktiv. Die meisten von uns, im Herzen glaube ich sogar wir alle, wünschen sich in ihrem Leben Sinn, und wenn wir dieses Leben ganz ausschließlich nach Zwecken einrichten, einem guten Gehalt etwa, weswegen wir noch die nervigste Sitzung durchstehen, bleibt doch am Ende, selbst wenn tatsächlich ein gutes Gehalt eingegangen ist und wir unser Kapital in den Depots und Konten betrachten, ein leeres Gefühl. Vielleicht geben wir uns noch der Illusion hin, wir könnten das Kapital in Sinn eintauschen. Wir können aber nur in einen unendlichen Tauschprozess einsteigen: Geld gegen einen Sportwagen, der uns Status einbringen soll, Status gegen bessere Chancen bei der Partnerwahl, die richtige Partnerin, der richtige Partner für mögliche Glücksgefühle und so weiter. Selbst wenn jeder dieser Tauschvorgänge klappt, was eher unwahrscheinlich ist, kommen wir damit nie beim Sinn an, weil der Sinn uns aus einer ganz anderen Ecke unseres Lebens ereilt – oder sich eben fernhält. Das Wiederentdecken von Sinngehalten, die tiefer und belastbarer sind als private und materielle Glückshäppchen, Börse und Bumble, ist unerlässlich, wollen wir uns wieder auf Zukunft freuen. Weil wir oft nur noch so ungenau wissen, was wir eigentlich suchen, suchen wir es dann dort, wo wir es gar nicht finden können. Die Sinnkrise lässt sich, so glaube ich, gar nicht ausschließlich in der Immanenz beschreiben, sondern hat mit einer spirituellen Verödung zu tun. Die Zugänge zu dem, was über oder jenseits der reinen Innerweltlichkeit liegt, sind vielfach verschüttet, die Sehnsucht danach zeigt sich dennoch, und sei es nur als Mangelerscheinung. Versuche, die Zugänge wieder freizulegen und die überaufgeklärte Trübnis zu verlassen, sind zwar da, aber oft ein wenig halbherzig: Die einen tauchen für ein langes Wochenende in einem Schweige-Retreat ab, in einem ignatianisch inspirierten Managerseminar oder schnell zwischen zwei Meetings im herabschauenden Hund, ohne dabei wirkliche religiöse Bindung zu riskieren; die anderen halten sich von vornherein lieber an säkularen Zuversichtstrainern fest. Aktivismus als Sinnversprechen statt metaphysischer Sinnsuche. Was mir Sinn im Leben gebe, werde ich hin und wieder gefragt. Ich habe in solchen Momenten immer den leisen Verdacht, dass die Fragenden schon ganz genau wissen, was ich antworten werde: „Die Literatur! Die Kunst!“ Und dann wollen sie gern nicken und mit mir zusammen an die Sinnhaftigkeit von Kunst und Literatur glauben. Das Problem ist nur, dass ich ihnen genau diese Antwort nicht geben kann. Literatur spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle, und ich wäre ohne sie ein anderer, ein verlorenerer Mensch. Aber einen letzten Sinn kann ich in ihr nicht finden. Sie ist für mich eine Möglichkeit, zu fassen oder wenigstens zu ahnen, was uns Menschen in unserem Innersten ausmacht, woran wir wachsen, woran wir scheitern und wie tief wir fallen können. Aber eben kein Sinn an sich. Zugegeben, ein Vormittag, den ich versunken in einen literarischen Text verbringen darf, kommt mir tatsächlich voller, ja, sinnvoller vor als ein Nachmittag, den ich in einer Sitzung abgesessen habe, selbst wenn es um relevante Dinge ging. In der Literatur betrete ich etwas Tieferes als den Alltag, und doch kann ich Literatur nicht als einen letzten Grund, als einen umfassenden Sinn verstehen. Sinn, das meint, zum Grund kommen, das meint auch, nicht zugrunde gehen. Literatur hat etwas davon, aber sie ist es nicht. Sie hat etwas, das wie das Spiel von Kindern ist, und darin wieder schließt sie sich an die Liturgie an, von der Romano Guardini sagte, sie sei wie das Spiel von Kindern und von Engeln: zweckfrei, aber voll tiefen Sinns. „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele nach dir, Sinn“, übersetzt der Benediktiner David Steindl-Rast einen Vers aus Psalm 42. Tatsächlich ist in dem Psalm nicht von Sinn, sondern von Gott die Rede, auch wenn beides miteinander verwoben ist, ganz deutlich im Prolog des Johannesevangeliums: „Im Anfang war der logos , und der logos war bei Gott, und der logos war Gott“ (Joh 1,1). Der altgriechische logos hat eine so große Bedeutungsvielfalt, dass er sich eigentlich nicht auf einen einzigen deutschen Begriff bringen lässt. Mit „Sinn“ kommt man dem Original aber vergleichsweise nah, auch wenn wir von den meisten deutschen Übersetzungen „Im Anfang war das Wort“ gewohnt sind. Sinn mag uns offener und damit ein bisschen unkomplizierter erscheinen, weil er nicht zwingend den Glauben an einen personalen Gott einschließt. Dieser wird vor allem dann merkwürdig, wenn wir ihn zu anthropomorph denken, eine beschränkte Personalität im Wesen Gottes unterbringen wollen oder ihn gleich als den alten Mann mit Rauschebart auf der Wolke fassen, der aussieht wie Karl Marx. Weichen wir aber auf das Wort Sinn aus, riskieren wir, diese personale Dimension aus den Augen zu verlieren, die ich ebenso wesentlich wie trostreich finde. Daher würde ich gern beim Wort Gott bleiben, wissend, dass für manche mit dem Wort eine Tür zuschlägt oder schon vor langer Zeit zugeschlagen ist. „Heute werden viele (…) den Namen ‚Gott‘ nicht gebrauchen wollen, und das wegen jener unter uns, die ihn verwenden. Wir haben ihn missbraucht und sie damit verwirrt“, schreibt Steindl-Rast. Es stimmt ja, das Wort ist zu oft verengt, verkürzt, für einzelne Gruppen allein beansprucht, zum Ausgrenzen anderer genutzt oder gar für Gewalt missbraucht worden. So viel Unterdrückung und Leid wurde „im Namen Gottes“ verübt, dass man meinen könnte, hier, bei Gott, läge die Wurzel unserer Probleme; tatsächlich ist all dies aber wohl kaum im Namen, im Auftrag eines barmherzigen Gottes verübt worden, sondern zeigt uns, warum das Gebot „Du sollst den Namen deines Gottes nicht missbrauchen“ so weit oben steht auf der Liste der Gebote. Versuche ich, einer atheistischen Freundin zu erklären, was das Wort für mich bedeutet, antworte ich, dass es ein Hinwenden ist, durch das ich doch erst eigentlich zu mir selbst komme. Solche Umschreibungen können immer nur tastendes Suchen sein. Ich halte es mit der negativen Theologie, dass wir über Gott immer mehr nicht sagen können, als wir zu sagen vermögen, dass „zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf keine noch so große Ähnlichkeit festzustellen ist, dass nicht zwischen ihnen eine immer noch größere Unähnlichkeit wäre“ (so Papst Benedikt XVI. in „Spe salvi“ von 2007). Es bleibt etwas uns Entzogenes, uns Übersteigendes. Das bedeutet aber gerade nicht, dass es von uns abgewandt wäre, sondern es ist uns öffnend und uns umfangend, ja, uns sogar durchdringend und Grund in uns legend. Jeder Versuch, Gott festzuschreiben, ruft dagegen in mir ein starkes Misstrauen hervor. Gott kann ich nur als grenzenlos offen denken. In der physikalischen Frage, wie sich das Universum in sich selbst ausdehnen kann, obwohl es bereits unendlich ist, schwingt für mich etwas mit, wonach auch die Theologie fragt. Genau hier, wo unsere Vorstellung überstiegen wird, finde ich eine Spur. Dort, wo versucht wird, festzuhalten, verstummt für mich hingegen das Reden über Gott, und das Wort wird so leer, wie es für meine atheistischen Freundinnen klingt. Das Hebräische »אהיה אשר אהיה«: »Ich bin, der ich bin« (Ex 3,14) – oder »Ich bin, der ich sein werde« oder »Ich bin, der ich immer schon war« – scheint mir in seiner rätselhaften Klarheit die beste Annäherung. Der von Gott selbst dem Mose geoffenbarte Name speist sich aus der hebräischen Wurzel יהי, sein, auch: Es geschah, es geschieht, es ward, es werde, es wird. Offen in alle Richtungen trägt dieser Name alles Werden, alles Sein, alles Gewordene in sich. Ein Anfangen ohne Endlichkeit, nicht statisch, sondern dynamisch. Es lässt sich als Antwort auf die Frage denken, warum etwas ist und nicht vielmehr nichts. Natürlich hält diese Antwort in sich neue Fragen, und genau das ist auch das Wunderbare. Fragen bewegen uns und setzen uns in Beziehung. Wir wenden uns zu, halten auch unsere noch unvollkommene Einsicht ins Gegenüber aus. Wäre Gott einfach nur eine Antwort, ein für alle Mal feststehend und für uns entschlüsselt, wohin könnten wir wachsen? Wohin wollten wir werden? Die Schriftstellerin Nora Bossong (verlinkt auf https://www.penguin.de/buecher/nora-bossong-welt-mit-anderen-mitteln/buch/9783466373703) wurde 1982 in Bremen geboren. Für ihre Lyrik, Romane und Essays wurde sie mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Joseph-Breitbach-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis. Zuletzt erschien bei Suhrkamp ihr Roman „Reichskanzlerplatz“ (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article252919464/Nora-Bossongs-Roman-ueber-Magda-Goebbels.html) (2024). Sie lebt in Berlin und engagiert sich auf vielfältige Weise in der Kirche. Der Text ist ein Vorabdruck aus Nora Bossongs Buch „Welt mit anderen Mitteln. Für mehr Glauben in erschöpften Zeiten“, das am 7. Oktober 2027 im Kösel Verlag erscheint (128 Seiten, 16 Euro).