Welt 09.10.2026
09:33 Uhr

Paris kommt Schülern entgegen – Justiz wirft Polizisten gewaltsame Verstümmelung von 14-Jährigem vor


Frankreichs Regierung kommt Schülern erstmals konkret entgegen: Tausende Vertretungslehrer sollen nun an Gymnasien eingesetzt werden. Empörung gibt es über die Härte der Polizeieinsätze.

Paris kommt Schülern entgegen – Justiz wirft Polizisten gewaltsame Verstümmelung von 14-Jährigem vor

In Reaktion auf die anhaltenden Schulproteste in Frankreich hat Premierminister Sébastien Lecornu am Donnerstagabend den kurzfristigen Einsatz von über 3000 Vertretungslehrern angekündigt. Ein Aktionsplan von Bildungsminister Édouard Geffray sehe vor, die Lehrkräfte an die Schulen mit dem drängendsten Lehrermangel zu schicken. Es geht um 514 Schulen: 114 Gymnasien der Kategorie „Rot“ und 400 der Kategorie „Orange“. Bei den 3000 Lehrkräften handelt es sich laut Geffray um „falsch zugewiesene“ Vertretungslehrer, die nun umverteilt werden. Möglich mache das eine Software, die er vor einem Jahr in Auftrag gegeben habe und die Anfang November einsatzbereit sein sollte. Die Lehrkräfte sollten zwischen diesem Freitag und kommendem Dienstag ihre Arbeit antreten. Regierung geht erstmals auf junge Leute zu Lecornu kündigte außerdem an, mehrere Hundert zusätzliche Mitarbeiter einzustellen. Nach den Herbstferien sollen bereits an den Schulen tätige Lehrkräfte häufiger kurzfristig vertreten können. Die Regierung werde zudem Änderungsanträge zum Haushalt 2027 einbringen, um Vorschläge der Gymnasiasten umzusetzen, insbesondere bei den Vertretungslehrern. Damit geht die Regierung erstmals konkret auf die Forderungen der Schüler ein. Sie demonstrieren seit knapp zwei Wochen für besser ausgestattete Gymnasien, mehr Vertretungslehrer und Investitionen ins Bildungswesen. Inzwischen haben sich Studenten angeschlossen. Für die kommenden Tage sind weitere Proteste angekündigt. Zunehmende Ausschreitungen Am Donnerstag beteiligten sich nach Angaben des Innenministeriums 71.500 Menschen an Demonstrationen, 24.500 davon in Paris. Die meisten Demonstrationszüge und Blockaden verliefen demnach friedlich. Dennoch wurden 504 Menschen festgenommen und 48 Polizisten verletzt. Das Innenministerium berichtete unterdessen über zunehmende Ausschreitungen am Rande der friedlichen Demonstrationen. Betroffen seien primär das Lehrpersonal und Schulen. So wurde in der Nacht in einem Gymnasium in Poitiers Feuer gelegt, das auf das Auto einer Lehrerin übergriff. In Saint-Étienne drangen am Morgen mehrere Dutzend Personen in das Gymnasium ein und verwüsteten die Kantine. In Toulouse wurde ein Schulleiter von einem erwachsenen Demonstranten geschlagen und in Saint-Chamond erlitt der stellvertretende Schulleiter Verbrennungen im Gesicht durch einen Feuerwerkskörper. Außerdem sei es zu zahlreichen Angriffen auf die Ordnungskräfte und Polizeiwachen gekommen, teilte das Innenministerium mit. In Straßburg etwa wurde ein Polizeiauto in Brand gesetzt und am Polizeipräsidium von La Rochelle kam es zu Sachbeschädigungen, während auf eine Polizeiwache in Bordeaux ein Brandanschlag verübt wurde. Polizei setzt Tränengas und Pfefferspray gegen Schüler ein Empörung gibt es über die Härte der Polizeieinsätze. Die Polizei setzt gegen die zumeist minderjährigen Demonstranten Tränengas, Pfefferspray und andere Mittel ein. Gewerkschaften, Menschenrechtsgruppen und viele Schüler werfen der Polizei unverhältnismäßige Gewalt vor. Sie setzte gegen die zumeist minderjährigen Demonstranten Tränengas, Pfefferspray und andere Mittel ein. Gegen einige Beamte wird ermittelt. Gegen einen Polizisten wurde inzwischen Anklage erhoben. Er soll in Saint-Ouen-l’Aumône nordwestlich von Paris aus nächster Nähe eine Tränengasgranate auf einen 14-Jährigen abgefeuert haben. Im Internet geteilte Videos zeigen, wie einer von drei behelmten Polizisten den Jungen schlägt und dieser zurücktritt. Dann fliegt die Granate in das Gesicht des Jungen, er stürzt zu Boden. Laut Staatsanwaltschaft verlor der Schüler einen Großteil seiner Zähne, sein Kiefer wurde zertrümmert. Seine Mutter sagte am Montag, er könne den Mund nicht öffnen, nicht sprechen und müsse durch einen Strohhalm essen. Die oberen Zähne seien gebrochen, die unteren herausgerissen worden. Der Beamte gab an, er habe auf den „Widerstand“ des Jungen reagiert. Der Staatsanwalt von Pontoise, Guirec Le Bras, sieht dagegen „die Voraussetzungen für Notwehr nicht erfüllt“. Dem Polizisten wird nun gewaltsame Verstümmelung vorgeworfen, darauf stehen bis zu 15 Jahre Haft. Er wurde nicht in Untersuchungshaft genommen, sondern unter richterliche Aufsicht gestellt. Auch andere Jugendliche haben bei landesweiten Protesten von Schülern lebensverändernde Verletzungen erlitten, die auf Polizeiwaffen zurückgeführt werden. In Lens verlor ein 15-Jähriger bei einem Vorfall mit einer Blendgranate der Polizei eine Hand. In Tours besteht laut Staatsanwaltschaft der Verdacht, ein von der Polizei abgefeuertes Gummigeschoss habe dazu geführt, dass ein 16-Jähriger teilweise erblindet ist.