Welt 06.10.2026
17:25 Uhr

Pädagogische Konzepte in Gefahr – Schulen warnen vor den Folgen der Sparpläne des Senats


Vor einer öffentlichen Anhörung zu den Ganztagsschulen macht Schulsenatorin Ksenija Bekeris deutlich: An der Haushaltskonsolidierung soll festgehalten werden. Doch auch an Hamburgs Gymnasien wächst die Sorge vor den Folgen geplanter Kürzungen.

Pädagogische Konzepte in Gefahr – Schulen warnen vor den Folgen der Sparpläne des Senats

Nach dem Streit um die Schulbegleitungen in Hamburg steht der Schulbehörde die nächste öffentliche Auseinandersetzung über ihre Beiträge zur Haushaltskonsolidierung bevor. Im Schulausschuss der Bürgerschaft werden am Mittwoch Kritiker der geplanten Einsparungen bei den Ganztagsschulen angehört. Kurz vor der Sitzung hat Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD) deutlich gemacht, dass sie an den Plänen grundsätzlich festhalten will. Ihr sei bewusst gewesen, dass die Pläne auf Widerstand stoßen würden, sagte die SPD-Politikerin am Dienstag auf Nachfrage in der Landespressekonferenz. Die Schulbehörde habe über viele Jahre auf Konsolidierungsmaßnahmen im Schulbereich verzichtet. Nun gehe es darum, die Schulen bei notwendigen organisatorischen Veränderungen zu unterstützen. Hintergrund ist eine geplante Veränderung der Finanzierung im Ganztagsbereich. Nach Darstellung der Schulbehörde sollen die bislang unterschiedlich ausgestatteten Modelle der Ganztagsbetreuung stärker angeglichen werden. Betroffen sind vor allem die rund 75 selbstverantworteten Ganztagsschulen (GTS), die ohne externen Träger arbeiten. Dort sollen künftig bisherige Lehrerressourcen sukzessive durch Erzieherstellen ersetzt werden. Die betroffenen Schulen sehen darin eine gefährliche Sparmaßnahme. Sie warnen davor, dass über Jahre entwickelte pädagogische Konzepte, gewachsene multiprofessionelle Teams und bewährte Organisationsformen des gebundenen Ganztags verloren gehen könnten. Die Schulbehörde spricht dagegen von einer organisatorischen Anpassung. Die Schulaufsichten führten derzeit Gespräche mit den betroffenen Schulen, um die Änderungen vor Ort umsetzen zu können. Ihr sei bewusst, dass die Maßnahmen auf „große Emotionalität“ stoßen könnten. Zugleich betonte die Senatorin, Ziel sei weiterhin, die Qualität der Ganztagsbetreuung an den Hamburger Grundschulen zu sichern. Die Senatorin schlug dabei einen differenzierten Ton an. Man werde von ihr „nie hören“, dass alles, was die Schulbehörde bei organisatorischen Veränderungen plane, „der Weisheit letzter Schluss“ sei, sagte sie. Politik müsse sich an den Realitäten vor Ort messen lassen. Zugleich widersprach Bekeris der Darstellung, die Behörde sei bei den Schulbegleitungen wegen des öffentlichen Drucks „eingeknickt“, und dämpfte die Hoffnung, dass öffentlicher Druck bei den Ganztagsschulen zu einem ähnlichen Ergebnis führen könnte. Bei den Schulbegleitungen sei es um individuelle Rechtsansprüche von Schülern gegangen. Bei den Ganztagsschulen handele es sich dagegen um eine organisatorische Maßnahme der Haushaltskonsolidierung. Bekeris verwies ausdrücklich auf Schulen, die ihre Ganztagskonzepte über einen langen Zeitraum entwickelt hätten. Diese müssten nun bei einer „Umsteuerung“ unterstützt werden. Genau davor warnen die Kritiker der Pläne: Sie befürchten, dass die spezifische pädagogische Prägung der selbstverantworteten Ganztagsschulen schrittweise verloren gehen könnte. Am 27. November nächste öffentliche Anhörung Nach Angaben der Schulbehörde wurden die Pläne bereits vor den Sommerferien in Schulleitungsbesprechungen vorgestellt. Seitdem arbeitet eine Arbeitsgruppe mit den betroffenen Schulen an der Umsetzung. Niemand müsse die Behörde dabei „erwischen“, sagte Bekeris mit Blick auf den Vorwurf mangelnder Transparenz. Die Debatte um die Sparmaßnahmen dürfte den Schulausschuss noch länger beschäftigen. Für den 27. November ist bereits eine weitere öffentliche Anhörung zum Umgang der Schulbehörde mit Schulbegleitungen vorgesehen. Parallel läuft mindestens eine Petition, die den Schulausschuss mit 10.000 gültigen Stimmen zu einer weiteren Befassung mit den Sparplänen zwingen würde. Und auch an anderer Stelle wächst der Widerstand gegen die Sparpläne der Schulbehörde. Die Vereinigung der Leitungen Hamburger Gymnasien und Studienseminare wandte sich am Dienstag mit einem offenen Brief an Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Darin warnen die Schulleitungen vor tiefgreifenden Folgen der geplanten Kürzungen im Schulbereich. Nach Darstellung des Verbands sollen die Gymnasien künftig mit deutlich weniger Ressourcen auskommen. Die Schulleitungen befürchten größere Kurse in der Oberstufe, den Wegfall von Profilangeboten sowie Einschränkungen bei Fremdsprachen und naturwissenschaftlichen Kursen. Auch Förderangebote, Lesetrainings und Programme zur Begabtenförderung seien gefährdet. Zudem warnen die Gymnasien vor einer verringerten Vertretungsreserve, die zu mehr Unterrichtsausfall führen könne. Die Schulleitungen argumentieren, die Schulen könnten unter diesen Bedingungen zwar noch den Pflichtunterricht absichern, viele zusätzliche Angebote aber nicht mehr im bisherigen Umfang aufrechterhalten. Betroffen wären nach ihrer Darstellung nicht nur die Unterrichtsversorgung, sondern auch das Schulleben mit Arbeitsgemeinschaften, Konzerten, Theateraufführungen, Projekten und Klassenfahrten. Redakteurin Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) arbeitet in der Hamburg-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburg-politik/) . Einer ihrer Schwerpunkte ist die Bildungspolitik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/bildung/) . Sie ist Co-Vorsitzende der Landespressekonferenz Hamburg, dem Verein der Landespolitikjournalisten.