Welt 14.10.2026
18:19 Uhr

Nach dem Krach ums Naturkundemuseum sucht Rot-Grün die gemeinsame Linie


Auf der politischen Bühne herrscht bei Rot-Grün öffentlich wieder Frieden. Doch in der Bürgerschaft genügte genaues Zuhören, um zu erkennen, wie tief der Ärger über den grünen Alleingang zum Naturkundemuseum noch sitzt.

Nach dem Krach ums Naturkundemuseum sucht Rot-Grün die gemeinsame Linie

Der Krach auf offener Bühne ist eingefangen. Nach ihrem überraschenden Vorstoß gegen die bisherigen Pläne für das Hamburger Naturkundemuseum haben sich die Grünen in der Bürgerschaft demonstrativ zu dem Projekt und zum Staatsvertrag mit Nordrhein-Westfalen bekannt. „Zu dieser Verpflichtung stehen wir“, sagte Fraktionschef Michael Gwosdz am Mittwoch in der Aktuellen Stunde, die die CDU unter dem Titel: „Eklat um Elbtower und Naturkundemuseum“ angemeldet hatte. Der Vorwurf der Christdemokraten: „Die Grünen düpieren den Bürgermeister und lösen Regierungskrise aus“. Dem Anschein versuchte Gwosdz deutlich zu widersprechen. „ SPD (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/spd/) und Grüne, Regierungsfraktionen und Senat“ arbeiteten „gemeinsam an dieser Lösung“, erklärte er in seiner Rede. Dass der Eindruck entstanden sei, seine Fraktion stelle ihre Verpflichtungen infrage, „das habe ich bedauert“. Vollständig ausgeräumt ist der Konflikt damit allerdings nicht. Die Grünen wollen weiter prüfen, welche Priorität das Naturkundemuseum und andere Großprojekte angesichts der angespannten Haushaltslage haben sollen. Ein festes „Ja“ zum Plan des Senats, das Naturkundemuseum im Elbtower unterzubringen, ist das nicht. „Wir brauchen belastbare Zahlen. Wir brauchen sorgfältige Prüfungen“, sagte Gwosdz am Mittwoch in der Bürgerschaftsdebatte und fügte hinzu, dass es „Stand heute keine einfache Lösung“ gebe. 595 Millionen Euro soll das Museum im Elbtower maximal kosten. Seit 2024 verhandelt der Senat mit dem Konsortium, das den Elbtower aus der Insolvenzmasse der Signa Holding (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/signa-holding/) von René Benko herauslösen und fertig bauen will. Seit exakt einem Jahr ist der Turm an der Elbe das einzige von 25 geprüften Gebäuden, für das noch verhandelt wird. Am Freitag vergangener Woche war ein neues Angebot des Hamburger Immobilienunternehmens Büll & Liedtke bekannt geworden. Statt im Elbtower könnte das Museum im Stadtkontor am Besenbinderhof nahe dem Hauptbahnhof entstehen. Kostenpunkt: 495 Millionen Euro und damit 100 Millionen Euro weniger als Hamburg für Flächen im Elbtower zahlen würde. Doch ausgerechnet die Grünen, die das Museumsprojekt über Jahre politisch vorangetrieben hatten, stellten am Freitag plötzlich das gesamte Vorhaben infrage. „Es ist an der Zeit, umzusteuern“, erklärte Gwosdz. Man könne nicht „bei Kitas, Schulen und Hochschulen um jeden Euro ringen und gleichzeitig knapp eine halbe Milliarde für ein großes Museumsprojekt ausgeben“. Auch die günstigere Alternative am Besenbinderhof überzeuge die Fraktion nicht. Eine Lösung zu derartigen Kosten werde man nicht mittragen. Der Vorstoß war mit der SPD nicht abgestimmt und überraschte selbst die grünen Mitglieder des Senats. Denn hinter dem Museum steht mehr als eine politische Absichtserklärung: Hamburg und Nordrhein-Westfalen (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/spd-nrw/) haben seit 2021 einen Staatsvertrag, der die Zusammenführung des damaligen Centrums für Naturkunde der Universität Hamburg mit dem Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn regelt. Naturkundemuseum ist Hamburgs Pflicht Ein neues Naturkundemuseum in Hamburg ist Teil dieser Vereinbarung. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) erinnerte die Grünen deshalb von seiner Asienreise aus demonstrativ an Staatsvertrag, Bürgerschaftsbeschluss und Koalitionsvereinbarung und erklärte, der Senat arbeite „an Lösungen und nicht an widersprüchlichen Ansagen“. Am Montag folgte die Rolle rückwärts: Gwosdz nannte den öffentlichen Vorstoß vom Freitag einen „Fehler“ und bedauerte ausdrücklich den Eindruck, die Grünen wollten sich gegen den Staatsvertrag und ein Naturkundemuseum stellen. An diese Aussagen knüpften er und alle ihm folgenden Abgeordneten der Grünen am Mittwoch an. Seine Fraktionskollegin Selina Storm etwa erklärte: „An unserem Ziel, ein Naturkundemuseum für Hamburg zu schaffen, hat sich nichts geändert.“ Zugleich müsse aber bewertet werden, welche Priorität dieses und andere Großprojekte „in Zeiten knapper Kassen“ hätten. Auch SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf vermied jeden Eindruck, man wolle auf den Vorkommnissen vom Freitag herumreiten. Hatte er Ende vergangener Woche noch in einer Pressemitteilung offensichtlich verärgert reagiert, schlug er in der Bürgerschaft sanfte Töne an. So richtig ernst nehmen könne man den von der CDU eingebrachten Begriff der Regierungskrise nicht. Kienscherf sprach von einer Meldung, die für „Irritation gesorgt“ habe. Es habe dann aber am Montag eine andere Meldung gegeben, und „ich glaube, das war gut“. Dabei war ausgerechnet Kienscherf in einer eigentümlichen Rolle. Denn die feste Redereihenfolge der Aktuellen Stunde sorgte dafür, dass nach der CDU die SPD reden musste und somit Fraktionschef Kienscherf unmittelbar nach CDU-Fraktionschef Dennis Thering ans Rednerpult trat. Damit musste er als Erster die Kritik an den Grünen parieren. Thering hatte den Grünen eine „ausgeprägte Führungslosigkeit“ attestiert und ihren „Rückzug vom Rückzug“ mit den Worten kommentiert: „Gestartet wie ein Tiger, gelandet wie ein Bettvorleger.“ Die entscheidende Frage sei, welche gemeinsame Linie die Koalition überhaupt noch habe. Kienscherf tat, was in dieser Situation von einem Vorsitzenden der größeren Regierungsfraktion zu erwarten war: Er verteidigte die Koalition. „Wir bei Rot-Grün haben eine gemeinsame Haltung“, sagte er. Statt über den Ärger innerhalb des Bündnisses sprach er über den „Phantomschmerz“ der CDU, nach der Bürgerschaftswahl nicht Regierungspartner der SPD geworden zu sein, und über die Probleme der Bundesregierung. Auch Gwosdz hielt sich an die neue Linie. Er bekräftigte den Staatsvertrag, bekannte sich zum Naturkundemuseum und erklärte die Veränderung politischer Positionen sogar zum Bestandteil einer guten politischen Kultur. Bemerkenswertes Schauspiel So entstand im Plenarsaal ein bemerkenswertes Schauspiel: Kienscherf machte aus dem Konflikt eine „Irritation“, Gwosdz aus seinem Vorstoß einen falsch entstandenen „Eindruck“. Die Kulisse der wiederhergestellten Einigkeit stand. Doch an diesem Nachmittag ließ sich mehr als einmal dahinterblicken. Das wurde ausgerechnet bei der Rede der grünen Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal deutlich. Nach außen richtete sie einen ihrer bemerkenswertesten Sätze an die Linke. Die Linkenfraktion hatte ihre Forderung erneuert, bei Prestigeprojekten zu sparen statt bei Bildung, Sozialem und Wohngeld. Blumenthal hielt dagegen, Investitionsmittel seien für Investitionen vorgesehen und könnten nicht einfach für laufende Personal- oder Betreuungskosten ausgegeben werden. Zweckgebundene Bundesmittel für Wissenschaftsinfrastruktur ließen sich ebenfalls nicht beliebig umwidmen. „Und da muss man wirklich sehr aufpassen, welchen Anschein man draußen erweckt bei den Menschen und mit welchen Sorgen man da spielt“, sagte die Senatorin. Adressiert war die Linke. Nur: Exakt mit dieser Gegenüberstellung hatte Gwosdz am Freitag seinen Vorstoß begründet. Und gerade diese Vermischung von Investitionen mit laufenden Ausgaben gehörte zu den Punkten, die am Freitag für erheblichen Ärger sorgten. Blumenthal musste ihren Fraktionsvorsitzenden nicht erwähnen. Der Widerspruch stand auch so im Raum. Die CDU (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/cdu/) nahm ihn dankbar auf. Der parlamentarische Geschäftsführer Dennis Gladiator stellte Gwosdz vor zwei Möglichkeiten: Entweder habe er am Freitag „völlig kopflos“ etwas veröffentlicht, ohne zu wissen, was er damit anrichte. „Oder Sie sind am Montag unter dem Druck des Bürgermeisters eingeknickt.“ CDU-Fraktionskollegin Anna-Elisabeth von Treuenfels-Frowein stellte anschließend die eigentlich naheliegende Frage: Warum eine politische Position öffentlich vertreten, wenn man sie drei Tage später wieder zurückzieht? Eine wirkliche Antwort darauf gab es in der Aktuellen Stunde nicht. Stattdessen endete die Debatte dort, wo Rot-Grün sie an diesem Mittwoch offenbar unbedingt haben wollte: beim gemeinsamen Bekenntnis zum Naturkundemuseum, zum Staatsvertrag und zum weiteren Prüfverfahren. Weitere Wortmeldungen, die die Debatte verlängert hätten, gab es nach den letzten beiden CDU-Rednern nicht. Der Vorhang konnte fallen. Für die Vorstellung im Plenarsaal reichte das. Redakteurin Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) arbeitet in der Hamburg-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburg-politik/) . Sie ist Co-Vorsitzende der Landespressekonferenz Hamburg, dem Verein der Landespolitikjournalisten.