Welt 06.09.2026
07:11 Uhr

Nach dem Feuer ist vor dem Feuer


Der Waldbrand von Hürtgenwald war der bislang größte in der Geschichte des Landes NRW. Nun sind Maßnahmen gefragt, um Großfeuer im Forst besser bekämpfen zu können – oder sogar zu verhindern.

Nach dem Feuer ist vor dem Feuer

Es sind nur ein paar Stufen ins Obergeschoss des Regionalforstamts in Wesel. Doch auf den Bildschirmen, die dort in einem Büro stehen, hat man den ganzen Niederrhein aus der Vogelperspektive im Blick. Ein Gebiet von 4000 Quadratkilometern, erfasst von acht Kameras, die zwischen Elmpt im Süden und dem Reichswald bei Kleve im Norden auf Sendemasten montiert sind. Jede Kamera dreht sich alle paar Sekunden ein kleines Stück weiter und macht eine Aufnahme, die ins Forstamt nach Wesel geschickt wird. Erkennt der Computer eine Veränderung zwischen zwei Aufnahmen desselben Abschnitts, ploppt ein Alarm auf. Und der Forstamtsmitarbeiter, der gerade Schicht hat, muss die Bilder überprüfen. Meist handle es sich nur um weißen Rauch aus Industrieschloten, erklärt Julian Mauerhof, Leiter des Regionalforstamts Niederrhein. Doch bei schwarzem Rauch informiert er die für den Bezirk zuständige Feuerleitstelle. Adresse und GPS-Daten werden automatisch übermittelt. Vor zwei Jahren begann man damit, das sogenannte Fire-Watch-System am Niederrhein aufzubauen. Diese Entwicklung des Berliner Unternehmens IQ Technologies dient dazu, Waldbrände frühzeitig zu entdecken – und ihre Ausbreitung genau zu lokalisieren. 1,3 Millionen Euro hat das Land NRW für das Pilotprojekt ausgegeben. Hinzu kommen jährlich gut 60.000 Euro für den laufenden Betrieb. Derzeit werde das System evaluiert – und es werde geprüft, ob man es in anderen Regionen des Landes einsetzen könne, teilt das NRW-Landwirtschaftsministerium auf Anfrage mit. Fire Watch ist aber nur ein Element eines Waldbrandkonzepts, mit dem man in Nordrhein-Westfalen das Risiko zu minimieren versucht. Wie real die Gefahr in Zeiten großer Sommerhitze und langer Trockenperioden nicht nur in Südeuropa, sondern auch in hiesigen Wäldern ist, zeigte sich erst vor wenigen Wochen, als sich auf rund 400 Hektar bei Hürtgenwald in der Eifel ein Feuer ausbreitete – es war der bislang größte Waldbrand in NRW. Den Anstoß, ein NRW-Waldbrandkonzept zu erstellen, gab aber ein anderes, kleineres Feuer. 2020 brannten bei Gummersbach im Bergischen Land 24 Hektar Wald, nicht einmal ein Zehntel der jetzigen Brandfläche. „Das war damals ein Weckruf für uns“, sagt Hartwig Dolgner, der beim Landesbetrieb „Wald und Holz“ für die Waldbrand-Prävention zuständig ist. Wichtigste Erkenntnis, so Dolgner: „Dass wir eine Infrastruktur für den Ernstfall brauchen.“ Dazu gehörten einfache Dinge wie etwa ein Wegenetz, das von Löschfahrzeugen genutzt werden kann. Bäume müssten zurückgeschnitten, Löschteiche ertüchtigt und Plätze eingerichtet werden, an denen Wasser in große Bassins umgefüllt werden kann. In Deutschland, so sagt Dolgner, könne man für eine solche Infrastruktur auf die jahrhundertealte Tradition einer intensiven Forstwirtschaft aufbauen. Man könne Wege nutzen, die für den Holztransport eingerichtet worden seien. „Und wir haben Kartenmaterial, in dem solche Transportschneisen eingezeichnet sind. Das ist im Fall eines Brandes Gold wert.“ Insgesamt sei diese Infrastruktur vier Jahre nach Erstellen des Konzepts in einem guten Zustand. Doch damit sei es nicht getan. Wenn der Wald brenne, komme es auch darauf an, dass die Kommunikation zwischen Forstexperten und Feuerwehr funktioniere, sagt Dolgner. Er formuliert es so: „In der Krise muss man Köpfe kennen.“ Deswegen schule man sich gegenseitig. Wichtig seien dabei selbst scheinbar banale Details: „Wenn wir in einer Alarmsituation durchgeben, dass der Löschteich 800 Meter hinter einem Polter liegt, dann sollte die Feuerwehr wissen, dass wir einen Holzstapel als Polter bezeichnen.“ Doch auch in diesen Punkten sei man bereits weit fortgeschritten. Als Beispiel dafür, wie gut Feuerwehr und Forstleute zusammenarbeiten, nennt Dolgner den aktuellen Brand in Hürtgenwald. Kollegen des Landesbetriebs „Wald und Holz“ seien zur Beratung der Feuerwehr vor Ort gewesen. Löschfahrzeug mit der Geländegängigkeit eines Rückezugs Einer von ihnen war Maximilian Halbe, er leitet bei „Wald und Holz“ den für die Region Rureifel und Jülicher Börde bereitgestellten Maschinenbetrieb. Erst seit zwei Monaten gehört zu Halbes Fuhrpark auch ein Firefighter. Das ist eine Art Löschfahrzeug, das weniger einem Feuerwehrauto ähnlich sieht als vielmehr einem Rückezug – jenem monströsen Fahrzeug, mit dem Forstarbeiter normalerweise ganze Baumstämme abtransportieren. Doch der Firefighter schleppt kein Holz, sondern einen 10.000-Liter-Tank. Gesteuert wird er von Forstpersonal, „denn wir Förster kennen uns mit den Rückegassen aus“, sagt Halbe. Rückegassen, das sind die Schneisen abseits der Wege, durch die kein Feuerwehrfahrzeug durchkommt. Bereits Anfang August habe der Firefighter seinen ersten Einsatz im Nationalpark Eifel gehabt. Und schon da habe man sehen können, „dass das eine sinnvolle Investition ist“, sagt Halbe. Nun im Hürtgenwald, wo das Gelände stark zerklüftet ist, habe sich das bestätigt. „Dieses Fahrzeug kam mit steilsten Abhängen klar.“ Zu diesem Einsatz wurde auch der erste NRW-Firefighter hinzugezogen, der bereits 2022 angeschafft wurde und normalerweise im Sauerland stationiert ist. Die Anschaffung weiterer Firefighter, Kosten: 130.000 Euro, sei derzeit zwar nicht geplant, teilt das NRW-Landwirtschaftsministerium auf Nachfrage von WELT AM SONNTAG mit. Denkbar sei aber, „Vereinbarungen mit selbstständigen Forst-Unternehmen zu treffen, ihre Rückefahrzeuge so auszustatten, dass auch diese die großen Wassertanks zum Einsatzgebiet fahren können“. Dies werde derzeit geprüft. Kameraüberwachung, Infrastruktur, Spezialfahrzeuge – das ist das eine. Die andere Aufgabe, so sagt Forstexperte Hartwig Dolgner, sei es, „klimaresiliente Wälder“ zu schaffen. Weg von den Nadelbäumen, hin zu mehr Misch- und Laubwäldern. „Auch damit beugen wir Waldbränden vor. Laubwälder brennen nicht so schnell wie Nadelwälder.“ An diesem Thema arbeite der Landesbetrieb „Wald und Holz“ ohnehin schon seit Jahren. Denn Sturmschäden und das durch Hitzesommer und Borkenkäfer ausgelöste Fichtenwaldsterben der letzten Jahre machten ein Umdenken in der Forstwirtschaft notwendig. Im Prinzip, sagt Eberhard Freiherr von Wrede, sei dagegen nichts einzuwenden. Von Wrede ist der Vorsitzende des Waldbauernverbandes NRW, er vertritt die Interessen von rund 150.000 privaten Waldbesitzern, denen rund 63 Prozent des NRW-Waldes gehören, fast zwei Drittel also. So viel wie in keinem anderen Bundesland. Wer also in NRW über Brandschutz und Waldumbau rede, der müsse über die Probleme der Privatwaldbesitzer reden, sagt von Wrede. Die Schäden der letzten Jahre hätten dazu geführt, „dass vielen der Spaß vergangen ist“. Wenn er nun höre, dass die Infrastruktur für den Brandschutz verbessert werden müsse, dann fragt er zurück: „Wie soll ich Wege pflegen, wenn ich im Wald nichts mehr verdiene?“ Und Geld bringen vor allem Nadelhölzer. Von Wrede beklagt zudem eine „Diskontinuität“ in der Förderpolitik des Landes. Mal gebe es Zuschüsse für die Ertüchtigung von Wegen, mal nicht. In der jetzt so aufgeheizten Diskussion fehlen ihm außerdem die Hinweise darauf, dass der Umbau zu einem naturnahen Wald auch Risiken birgt. Totholz, das man im Hinblick auf die Artenvielfalt im Wald liegen lassen soll, erhöhe die Brandlast. Und verkrautete Kahlflächen, die man nach Borkenkäferbefall sich selbst überlassen habe, seien der beste Nährboden für die Ausbreitung von Feuer. Von Wrede nennt noch einen Aspekt. „Wir wissen“, sagt er, „dass Waldbrände zu 99 Prozent durch Menschen verursacht werden.“ Die weggeworfene Zigarette, ein Feuerkorb hinterm Wohnmobil, mutwillige Brandstiftung – das seien meist die Ursachen. „Doch warum zieht die Politik nicht in Betracht, ab bestimmten Stufen der Waldbrandgefahr die Wege zu sperren?“ Das Landesforstgesetz mache ein solches Betretungsverbot möglich. „Doch die Politiker sprechen nicht darüber.“ Aus Sorge, sich unbeliebt zu machen.