Nach Vorwürfen einer Gruppenvergewaltigung an einer US-Eliteuniversität lässt New Yorks Gouverneurin Kathy Hochul die Ermittlungen unter Aufsicht stellen. Es gebe „ernsthafte Fragen“ zum bisherigen Vorgehen der lokalen Polizei und der Entscheidung des Bezirksstaatsanwalts, den Fall nicht strafrechtlich zu verfolgen, hieß es in einer Mitteilung Hochuls. Darum werde die Generalstaatsanwältin des Bundesstaates, Letitia James, als Sonderermittlerin für den Fall eingesetzt. Das Vertrauen in die Fähigkeit des Bezirksstaatsanwalts sei untergraben, hieß es von Hochul. „Die junge Frau, um die es in diesem Fall geht, hat ein Recht darauf, zu wissen, dass jeder Fakt geprüft und Gerechtigkeit angestrebt wird“, wurde die Gouverneurin zitiert. „Diese Maßnahme wird sicherstellen, dass der Fall vollständig und gründlich, unvoreingenommen und unabhängig mit der gebotenen Sorgfalt untersucht wird“, sagte Hochul mit Blick auf die neue Sonderermittlerin. Die New Yorker Generalstaatsanwältin werde den Vorfall untersuchen, mutmaßliche Straftaten verfolgen und die Beweise einer Grand Jury vorlegen. Als Grand Jury wird eine Gruppe von Geschworenen bezeichnet, die nach der Vorlage von Beweismitteln durch die Staatsanwaltschaft entscheidet, ob Anklage in einem Fall erhoben werden kann. Studentin schildert Vorwürfe gegen mehrere Männer Die damals 20 Jahre alte Studentin war nach Darstellung ihrer eingereichten Zivilklage in der Nacht zum 19. Oktober 2024 im Verbindungshaus von Chi Phi auf dem Campus der Cornell-Universität in Ithaca im US-Bundesstaat New York. Sie gibt an, dort unter anderem zum Konsum von Ketamin gedrängt und anschließend von mehreren Männern über Stunden sexuell missbraucht worden zu sein. Wegen der Wirkung der Drogen sei sie zeitweilig nicht in der Lage gewesen, sich zu wehren oder sexuellen Handlungen zuzustimmen. Die geschilderten Vorgänge sind bislang Vorwürfe der Studentin, die nur unter dem Pseudonym Jane Doe bekannt ist. Einige der Beschuldigten weisen die Vorwürfe laut US-Medien in Teilen oder vollständig zurück. Die örtlichen Behörden sehen sich nun heftiger Kritik ausgesetzt, seit die Frau Mitte September eine Zivilklage einreichte und der Vorfall große Aufmerksamkeit bekam. Auf Basis der Aussagen dort wollte die lokale Staatsanwaltschaft die Frage prüfen, ob der Fall nun zur Anklage gebracht werden kann. Bezirksstaatsanwalt: Frau hatte keine Straftat beschrieben Der Bezirksstaatsanwalt argumentiert, in der ursprünglichen Aussage der Frau sei kein Verhalten beschrieben, das eine Straftat darstelle. Gegenüber der Polizei soll sie aber gesagt haben, vergewaltigt worden zu sein, schrieben US-Medien unter Berufung auf Verhörprotokolle. „Ich kann mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ich wurde vergewaltigt“, soll die Studentin laut US-Medien damals gegenüber der Universitätspolizei ausgesagt haben. Der zuständige Bezirksstaatsanwalt sagte, das Dokument von der Universität habe er damals nie erhalten. Er war maßgeblich an der Entscheidung beteiligt, dass es 2024 nicht zu einem Verfahren kam. Der Anwalt der Frau, Thomas Giuffra, sagte dem Sender CNN, seine Mandantin habe zunächst verdrängt, dann Scham empfunden und sei dann zu der Erkenntnis gelangt, dass sie von Menschen vergewaltigt worden war, die sie für ihre Freunde gehalten hatte. „Ihre Reaktionen waren eine Lehrbuchreaktion auf ein Trauma“, so der Anwalt. Snapchat-Gruppenchat als mögliches Beweismittel In der Zivilklage wird ein Snapchat-Gruppenchat von Mitgliedern der Studentenverbindung als Beweismittel angeführt. Darin sollen die Männer während der fraglichen Nacht in vulgärer Sprache darüber geschrieben haben, dass eine Frau im Haus für Sex zur Verfügung stehe. Die Klägerin sieht darin Hinweise darauf, dass weitere Männer gezielt in das Zimmer kamen. Cornell ist eine private Universität und gehört zur sogenannten Ivy League, einer Gruppe renommierter Elite-Universitäten im Nordosten der USA. Die Cornell-Gruppe von Chi Phi wurde bereits 2024 aufgelöst und hat weiterhin keinen Zutritt zum Campus, wie es auf der Website der Universität heißt. Das sei die Folge einer über mehrere Monate laufenden Untersuchung gewesen, hieß es. Zudem seien Exmatrikulationen und Suspendierungen verhängt worden. Gegen wen sich diese richten, teilte die Universität nicht mit. Die Behauptung, den Beschuldigten sei als Strafe bloß das Schreiben eines Aufsatzes auferlegt worden, wies die Universität als falsch zurück. Aufsehen erregt der Fall zum einen wegen der schockierenden Details und der Tatsache, dass er bisher keine strafrechtlichen Konsequenzen nach sich zog. In dem Zusammenhang gerieten besonders die lokalen Behörden unter Feuer. Zugleich trifft der Fall auf eine seit Jahren geführte Debatte über sexualisierte Gewalt an US-Hochschulen und die Rolle von Studentenverbindungen. „Diese Männer haben in einem Gruppenchat darüber geschrieben“, sagte etwa die New Yorker Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez. Die Demokratin nannte den Fall ein Beispiel für „Vergewaltigungskultur“. „Das bedeutet, dass es für sie normal war.“