Wenn ein Datum den Römern später ihren Aufstieg zur Weltmacht vor Augen führte, war es das Jahr 146 v. Chr. Innerhalb weniger Monate hatten ihre Legionen zuerst die alte Konkurrentin Karthago in Nordafrika (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article187624680/Letzte-karthagische-Flotte-vernichtet.html) in Schutt und Asche gelegt. Dann folgte mit Korinth in Griechenland eine prosperierende Handelsstadt, die zugleich führendes Mitglied des Achäischen Bundes war, der den Fehler begangen hatte, Rom herauszufordern. Beide Städte wurden ausgeplündert, diejenigen Bewohner, die die Massaker überlebt hatten, in die Sklaverei verkauft. Aber die Ruinen markierten nicht das Ende. Einige Generationen später wurden beide Orte von römischen Stadtplanern neu angelegt und stiegen wieder zu blühenden Metropolen des Imperiums auf. Die Geschichtsschreiber der Antike lieferten „Berichte von Kriegen und Reichsbildungen, die mit zahllosen Zerstörungen verbunden waren, aber an dessen Ende ... eine fortlaufende Stadtgeschichte, geprägt von Untergang, Weiterleben und Neubeginn stand“, urteilt der Münchner Althistoriker Martin Zimmermann (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Zimmermann_(Althistoriker)) . In seinem neuen Buch „Versunkene Welten. Ruinenstädte in der Antike von Troja bis Pompeji“ hat er ein Thema beleuchtet, das von der Forschung bislang allenfalls am Rande eine Rolle gespielt hat: Was war die Kehrseite der breiten Urbanisierung, die als große Erfolgsgeschichte der griechisch-römischen Antike gilt? Allein im griechischen Kulturkreis der archaischen und klassischen Zeit haben Wissenschaftler rund 1500 Poleis (Stadtstaaten) gezählt. Aber was geschah mit denen, die in den zahllosen Kriegen zerstört wurden, und wie erinnerte man sich an sie? Angesichts solcher Zahlen hat sich Zimmermann auf einen repräsentativen Rahmen beschränkt, um in der Zusammenschau von antiker Überlieferung und archäologischen Befunden zu verstehen, „wie Stadtruinen antike Landschaften prägten“. Eine Grundlagen-Studie, die zu Recht in der Exzellenz und Nachhaltigkeit verbundenen „Historischen Bibliothek“ von Gerda Henkel Stiftung (verlinkt auf https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article159876178/Buecher-die-ewig-sind.html) und dem Münchner Verlag C. H. Beck erscheint. Eine berühmt-berüchtigte Ruinenstadt war Theben in der Landschaft Böotien in Mittelgriechenland. In der Welt der Mythen mit Helden wie Ödipus oder Göttern wie Dionysos ein zentraler Ort, hatte sich die Stadt während der Perserkriege den Invasoren gefügt, war zum Zentrum des Böotischen Bundes aufgestiegen und hatte sich durch den Sieg über Sparta 371 v. Chr. für neun Jahre (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article240300657/Sparta-Wie-schwule-Elite-Krieger-die-Militaermacht-ueberrannten.html) zur Hegemonialmacht Griechenlands aufgeschwungen. Als Philipp II. von Makedonien daran ging, die griechischen Städte zu unterwerfen, kämpfte Theben an der Seite Athens 338 v. Chr. bei Chaironeia und verlor. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article116789477/Zehn-Gruende-warum-Alexander-die-Welt-eroberte.html) Nach Philipps Tod erhoben sich beide Städte gegen Alexander den Großen. Unerwartet schnell erschien Philipps Sohn vor Theben, dessen Bewohner beschlossen, „für ihre Selbstständigkeit einen Entscheidungskampf zu wagen“, berichtet der Grieche Diodor. Als die Makedonen in die Stadt eindrangen, „verfuhren sie gegen die Bewohner grausamer als gegen andere Feinde“, schreibt der Historiker weiter: „Die ganze Stadt wurde ausgeplündert; Jungfrauen schleppte man fort und Kinder, die kläglich nach ihren Müttern riefen.“ Wer das Morden überlebte, wurde versklavt, Theben dem Erdboden gleichgemacht, wobei auch alte Rechnungen von Thebens lange unterdrückten Nachbarn und die Erinnerung an die Kollaboration mit den Persern eine Rolle spielten; nur das Haus des berühmten Dichters Pindar ließ Alexander unangetastet. Athen blieb wegen seiner herausragenden Rolle für die griechische Kultur (und weil er seine Flotte für den anstehenden Feldzug gegen die Perser brauchte) dagegen ungeschoren. Der Zorn der Götter und der Hass der Menschen seien die Gründe für den Untergang Thebens gewesen, resümierte Diodors Kollege Arrian. Und weil Alexander das Gebiet der Stadt unter den Nachbarstädten verteilt hatte, sorgten diese über Jahrzehnte dafür, dass die Ruinen weiter verfielen. Dennoch wurde die Stadt nach 20 Jahren wiederbesiedelt. Warum? Martin Zimmermann zieht einen Vergleich zu den untergegangenen Metropolen der altorientalischen Reiche wie Ninive oder Babylon. Sie seien für die Griechen „große Einöden“ (Strabon) gewesen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article241454827/Anabasis-Was-er-im-Schilde-fuehrte-war-ein-Putsch-von-ganz-anderen-Dimensionen.html) , verwehte Symbole von Despotie, Hybris und Dekadenz. Obwohl Reisende aus dem Westen sie durchaus noch als ansehnliche Städte antrafen – Babylon dürfte im 2. Jahrhundert n. Chr. noch 20.000 bis 30.000 Einwohner gehabt haben –, wurden sie von antiken Autoren durchweg holzschnittartig auf Ruin und Verfall reduziert, nicht wert, ihnen eine Gegenwart oder gar Zukunft zuzugestehen. Anders dagegen Theben. 20 Jahre nach seiner Zerstörung machte sich der Diadoche Kassander an den Wiederaufbau (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article245994492/Alexander-der-Grosse-Ermordet-mit-dem-Gift-von-Aristoteles.html) . Der Sohn des makedonischen Reichsverwesers Antipater gehörte zu den Generälen, die nach dem Tod Alexanders sein Reich unter sich aufteilten. Er schob die Bedenken der böotischen Nachbarn beiseite und rief ein Spendenprogramm ins Leben, an dem sich sogar rivalisierende Machthaber beteiligten. Denn damit ließ sich die Propaganda von der „Freiheit aller Poleis“ wirksam in Szene setzen, mit der die Diadochen um die Städte in der Heimat buhlten. Denn sie konnten als Stützpunkte und Reservoir für Menschen und andere Ressourcen in den Kämpfen um die Macht dienen. Im Gegensatz zu anderen wüst gefallenen Städten wie dem von Philipp II. zerstörten Olynth bot sich Theben für einen Wiederaufbau nach neuesten städtebaulichen Standards an, weil es tief im gesamtgriechischen Mythos verankert war. In den Theatern spielten Ödipus, Antigone oder Herakles, der in Theben geboren sein soll, weiterhin zentrale Rollen. „Die Stadt lebte allein als Ort weiter, in dem die griechische Frühgeschichte in Überresten mythischer Schauplätze lebendig blieb“, schreibt Zimmermann, was dem Prestige Kassanders und der übrigen Stifter zugutegekommen sein wird. Denn wie in der Gegenwart, in der bereits mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten (verlinkt auf https://www.forschung-und-lehre.de/zeitfragen/immer-mehr-menschen-leben-in-staedten-630) leben, übten Städte auch in der Antike eine ungemeine Anziehungskraft auf die Menschen aus. Städte mochten von Eroberern vernichtet oder von Naturkatastrophen zerstört werden. Aber die Menschen waren optimistisch genug, sich ihrer „Gemeinschaft auf Zeit ein urbanes Erscheinungsbild“ zu geben, und mobil genug, „selbst im Angesicht vielfältigen Scheiterns ständig neue Versuche“ zu unternehmen, „lebensfähige Stadtgemeinschaften zu gründen, zu erhalten und auszubauen“, folgert Zimmermann. Die Ehrfurcht vor Ruinen hinderte sie daran nicht. Sentimentaler Denkmalschutz war ihnen unbekannt. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.