Welt 17.10.2026
12:37 Uhr

In England verzichtbar, in Italien noch verspottet – auf Woltemade lastet eine schwere Hypothek


Nick Woltemade wollte seine ins Stocken geratene Karriere bei Juventus wieder ankurbeln. Bislang wird er in Italien aber eher abwertend beurteilt, sein Trainer fällt mit einem kruden Vergleich auf. Nun könnte dem Stürmer aber der Durchbruch gelungen sein.

In England verzichtbar, in Italien noch verspottet – auf Woltemade lastet eine schwere Hypothek

Als im Estadio Balaídos abgepfiffen war, ging Nick Woltemade von Mitspieler zu Mitspieler. Es sah beinah so aus, als wolle er sich dafür bedanken, dass sie ihm dieses dringend benötigte Erfolgserlebnis ermöglicht hatten. Dabei würde umgekehrt ein Schuh draus: Ohne den deutschen Nationalstürmer, der im Europa-League-Spiel bei Celta Vigo zu seinem zweiten Startelfeinsatz gekommen war, hätte Juventus Turin die Partie wahrscheinlich nicht gewonnen. „Ich denke, es war mein bestes Spiel für Juve. Ich habe einige gute Aktionen gezeigt – und klar, ich kann mich noch verbessern, aber insgesamt bin ich zufrieden. Tore geben immer Selbstvertrauen. Sie sind das Wichtigste für einen Stürmer“, sagte Woltemade, dem nach knapp einer Stunde der Treffer zum Ausgleich gelungen war, als er einen Fehler von Celtas Marcos Alonso ausgenutzt hatte. Am Ende siegte Juventus 2:1 (0:1). Es war ein wichtiger Erfolg für den italienischen Rekordmeister, der sich nach der enttäuschenden Vorsaison mit dem sechsten Platz in der Serie A nun im Umbruch befindet. Deshalb war Woltemade kurz vor Schließung des Transferfensters ja auch geholt worden. Gegen 3,6 Millionen Euro Gebühr wurde der 24-Jährige von Newcastle United (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/newcastle-united/) ausgeliehen. Luciano Spalletti wollte noch eine Option für die Offensive haben. Allerdings: Woltemade war nicht der Wunschkandidat des neuen Juve-Trainers, von dem erwartet wird, dass er „die alte Dame“, die sich seit der bislang letzten Meisterschaft 2020 in einer Abwärtsspirale befindet, wieder zu alter Stärke führt. Er wollte den Niederländer Joshua Zirkzee von Manchester United haben. Spalletti schien sich zunächst damit schwer zu tun, diese Planänderung zu akzeptieren – obwohl Zirkzee und Woltemade durchaus Ähnlichkeiten aufweisen. Beide sind groß, gelten als Wandspieler, die Bälle halten und verarbeiten können. Dennoch ließ sich Spalletti, als er um eine Charakteristik Woltemades gebeten wurde, zu einem eigenwilligen Vergleich hinreißen. Er habe, sagte der 67-Jährige, „ein Friesenpferd“ – das käme ihm ähnlich vor: „Majestätisch, körperlich einschüchternd, dann aber auch wieder sehr lieb, und es lässt sich gerne streicheln.“ Anschließend lobte er zwar auch die Technik und Spielfreude des geborenen Bremers, doch was haften blieb, war der erste Teil des Statements. Ob es dieser Pferdevergleich war oder die Tatsache, dass Woltemade in Newcastle, wohin er erst im Sommer 2025 gewechselt ist, nach nur einem Jahr bereits als verzichtbar galt – die Büchse der Pandora war jedenfalls geöffnet. Der 1,98-Meter-Schlaks wurde seither in Italien skeptisch bis abwertend beurteilt – auch weil er nur wenig spielte. Das Zusammenspiel mit Kolo Muani funktioniert In den vier Partien der aktuellen Saison kam er in der Serie A nur auf 78 Minuten. Zuletzt, beim 1:1 in Cagliari, durfte er immerhin die letzte halbe Stunde bestreiten. Anschließend gab es sogar lobende Worte von Randal Kolo Muani, seinem Sturmpartner. „Mit Woltemade war es für mich leichter, und wir konnten mehr kreieren. Die Gegner mussten auf eine weitere Gefahr achten – und ich hatte mehr Freiheit“, erklärte der frühere Frankfurter, der in der 81. Minute das Tor erzielen konnte, das Juventus einen Punkt rettete. Wohlwollende Meinungen blieben jedoch die Ausnahme. „Viel Glück (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/glueck/) , Mister Spalletti, für diesen Spieler eine Logik zu finden, der gegenwärtig wie ein Fremdkörper wirkt“, schrieb die italienische Sportzeitung „Tuttosport“ über Woltemade – und steht mit ihrer Skepsis nicht allein. „Bleibt ihm noch Zeit, seinen Platz in dieser Mannschaft zu finden? Nun ja, vielleicht“, fragte sich die „Gazzetta dello Sport“ und orakelte, dass Juventus die Leihe bereits im Winter beenden könnte. Dies sei nicht geplant, stellte Spalletti klar. Woltemade würde halt Anlaufzeit benötigen. Am Donnerstag in Vigo bot er ihn dann von Beginn an auf – diesmal kam Kolo Muani, der in der Nachspielzeit noch den Siegtreffer erzielen konnte, von der Bank. Auffällig war: Wie schon in Cagliari funktionierte das Zusammenspiel der beiden Stürmer gut. „Ich spiele gerne mit Kolo, er ist ein guter Passgeber und auch ein hervorragender Stürmer. Und wenn zwei Stürmer auf dem Platz stehen, kann sich die Abwehr nur auf einen konzentrieren. Dann ist es für den Gegner schwieriger, gegen uns zu verteidigen“, sagte Woltemade. Die Frage ist nur, ob sich Spalletti diese Einschätzung zu eigen machen wird. Bisher ließ er immer nur einen Mittelstürmer von Beginn spielen – und an einen Einsatz von Woltemade auf der zentralen Position dahinter denkt er offenbar genauso wenig wie es Jürgen Klopp tut. Dabei könnten auch dort die Qualitäten des früheren Stuttgarters zum Ausdruck kommen – manche sagen: sogar besser als in vorderster Linie. Woltemade ist mehr Spielgestalter als Torjäger Hier liegt vielleicht ein spezifisches Problem, das es Woltemade bereits in Newcastle schwer gemacht hat, sich durchzusetzen: In der Wahrnehmung der Kritiker – und wohl auch der meisten Trainer – ist er vor allem ein Mittelstürmer. Tatsächlich aber verfügt er über mehr Spielgestalter- als Torjägerqualitäten. Nur entspricht er halt auch nicht dem klassischen Anforderungsprofil, das auch von Klopp an „Zehner“ gestellt wird: Gegenüber Jamal Musiala oder Florian Wirtz wirkt Woltemade tatsächlich wie ein Friesenpferd. Da fehlt es ihm an Dynamik und Wendigkeit. Die andere Hypothek, mit der Woltemade zu leben hat, ist seine veränderte Wahrnehmung in Deutschland. Noch bis zum Frühjahr 2025 galt er als einer der spannendsten Spieler überhaupt. Dann aber kam der Poker des VfB Stuttgart und schließlich sein Wechsel nach Newcastle. Die Debatte, ob er tatsächlich die 85 Millionen Euro Basisablöse wert sei, die Bayern München für ihn nicht zahlen wollte, die Engländer aber schon, hat ihm nachhaltig geschadet. Immerhin: Die Chancen, dass seine Leihe nach Juventus doch noch zu einem Happy End führen kann, sind in dieser Woche gestiegen. Die Juventus-Fans warteten sogar mit einer ungewöhnlichen Hommage auf: Sie veröffentlichten ein KI-Video, in dem Woltemade beim Torjubel zu sehen ist. Darunter wurde ein Song gelegt: „Woltemade, Il gigante die Brema, lo stadio trema“ – Woltemade, der Gigant aus Bremen, der das Stadion erzittern lässt.