Die Hamburger Kunsthalle hat ein Jahr vor einer großen Jubiläumsausstellung für den Maler Philipp Otto Runge (1777–1810) eine bedeutende Zeichnung des Künstlers erworben. Das Werk „Bildnis des Bruders Jakob“ von 1801 stammt aus Privatbesitz und konnte mit finanzieller Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung sowie der Campe'schen Historischen Kunststiftung angekauft werden. Die Kreidezeichnung zeigt Runges Bruder Jakob im Profil. Der junge Mann blickt nach oben und wirkt in Gedanken versunken. Das rund 52 mal 40 Zentimeter große Blatt ist mit schwarzer und weißer Kreide auf braunem Papier ausgeführt. Nach Angaben der Kunsthalle zählt die Arbeit zu den wichtigen frühen Porträtzeichnungen des Künstlers. Mit feinen Kreidestrichen arbeitete Runge Gesichtszüge, Haare und Kleidung aus. Besonders die weiße Kreide verleiht dem Porträt seine starke Wirkung. Bedeutend ist das Werk auch wegen seines kunsthistorischen Zusammenhangs. Die Zeichnung entstand als Studie für das nie vollendete Gemälde „Heimkehr der Söhne“. Dafür fertigte Runge im Frühjahr 1801 in seiner Heimatstadt Wolgast mehrere Porträts von Familienmitgliedern an. Geplant war eine großformatige Familienszene, die im Haus seines Bruders Jakob hängen sollte. Das Bild sollte die enge Verbundenheit der Familie und insbesondere der Brüder Daniel und Philipp Otto Runge zeigen. Zu einer Ausführung des Gemäldes kam es jedoch nicht. Für die Hamburger Kunsthalle ist der Ankauf eine wichtige Ergänzung ihrer ohnehin umfangreichen Runge-Sammlung. Direktor Alexander Klar sprach von einer „großartigen Erweiterung der Sammlung zum perfekten Zeitpunkt“. Nach seinen Worten konnte damit das wichtigste derzeit auf dem Kunstmarkt verfügbare Werk Runges für die Kunsthalle gesichert werden. Auch die Förderer sehen den Erwerb als wichtigen Schritt mit Blick auf die bevorstehende Jubiläumsausstellung. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung, verwies darauf, dass große Ausstellungen häufig Anlass seien, Sammlungen zu ergänzen und Werke neu zu erforschen. Ulrike Runge von der Philipp Otto Runge Stiftung bezeichnete den Ankauf als besonderen Moment und betonte die Bedeutung der Hamburger Kunsthalle für die Pflege des künstlerischen Erbes Runges. Runge gilt als einer der Wegbereiter der deutschen Romantik. Anlässlich seines 250. Geburtstags widmet ihm die Hamburger Kunsthalle vom 17. September 2027 bis zum 30. Januar 2028 eine große Sonderausstellung. Darin werden Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken des Künstlers gezeigt. Die Schau will Runges Werk zudem Werken seiner Zeitgenossen sowie künstlerischen Positionen des 20. und 21. Jahrhunderts gegenüberstellen. Der Vorverkauf für die Ausstellung hat bereits begonnen.