Welt 05.06.2026
11:47 Uhr

Die „Flamingo-Bewegung“ – Was sich gegen Donald Trumps Schwiegersohn zusammenbraut


Der Schwiegersohn und Chefunterhändler des US-Präsidenten, Jared Kushner, plant in Albanien ein riesiges Ferienressort. Eine Bewegung mobilisiert gegen das Vorhaben, die Korruptionsbehörde ist eingeschaltet. Experten bezeichnen die Vorgänge als „beispiellos“.

Die „Flamingo-Bewegung“ – Was sich gegen Donald Trumps Schwiegersohn zusammenbraut

Der Flamingo ist zum überraschenden Symbol der wachsenden Proteste in Albanien gegen ein geplantes Ferienresort geworden, das von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article6a1f5b431f46a650bff5d562/ivanka-geh-nach-hause-tausende-protestieren-gegen-milliarden-projekt-aus-der-trump-familie.html) unterstützt wird und in das Brutgebiet der Vögel eingreifen würde. Auf dem zentralen Boulevard von Tirana versammelten sich in dieser Woche Tausende Demonstranten, es war bereits die vierte Nacht groß angelegter Proteste gegen das Bauvorhaben. Die Menschen schwenkten albanische Fahnen, hielten Plakate mit Slogans in die Höhe, einige hielten große, flamingoförmige Pappfiguren in die Höhe. „Albanien steht nicht zum Verkauf“, hieß es auf einem Schild. „Wo sollen sie jetzt leben?“, stand auf einem anderen, daneben das Bild des rosafarbenen Watvogels. Kushner – Immobilienentwickler, Investor und Unterhändler der Trump-Regierung für Gaza, Iran und die Ukraine – hatte im Jahr 2024 Pläne angekündigt, wonach seine Private-Equity-Firma Affinity Partners ein großes Luxusresort auf der albanischen Insel Sazan und an der Küste von Zvernec nahe Vlora entwickeln soll, mit einer Kapazität von bis zu 10.000 Hotelzimmern. Im Januar 2026 besuchte Kushner das Gelände gemeinsam mit seiner Frau Ivanka Trump. Im April bestätigte Albaniens Ministerpräsident Edi Rama gegenüber „Politico“, dass die Gespräche über das Projekt noch andauerten. Das geplante Bauvorhaben liegt in einem ehemals geschützten Naturraum, der Flamingos, mehr als 200 Zugvogelarten, Mittelmeer-Mönchsrobben und nistenden Meeresschildkröten Lebensraum bietet. Umstrittene Änderungen am albanischen Gesetz über Schutzgebiete im Jahr 2024 ebneten jedoch den Weg für touristische Entwicklungen in einigen geschützten Gebieten. „Prüfung läuft noch“ Zuvor hatte Albaniens Ministerpräsident Rama dem Sender CNN International gesagt, das Projekt sei noch nicht genehmigt und die Umweltverträglichkeitsprüfung laufe noch. Er fügte hinzu: „Die Herausforderung besteht nicht darin, Beton über den Köpfen der Flamingos auszugießen. Die Herausforderung besteht darin, zu beweisen, dass Entwicklung und Natur nicht nur koexistieren können, sondern dass Natur und Entwicklung einander brauchen.“ Die Kontroverse verschärfte sich Ende Mai, als die Entwickler einen Teil des Geländes mit Stacheldraht absperrten. Daraufhin kam es zu Demonstrationen, Zusammenstößen mit privaten Sicherheitskräften, mehreren Festnahmen und zur Inhaftierung eines Wachmanns, dem vorgeworfen wird, einen Demonstranten angegriffen und rechtswidrig festgehalten zu haben. Die Proteste haben inzwischen die Hauptstadt Tirana erreicht, und der Flamingo ist zum Symbol der Bewegung geworden. Auch in Beiträgen in sozialen Medien taucht er auf, begleitet von der Überschrift „die Flamingo-Revolution“. Suzi, eine Demonstrantin, die in der Tourismusbranche arbeitet und der wie anderen Personen in diesem Artikel Anonymität zugesichert wurde, sagte: „Wir protestieren, weil wir Gefahr laufen, unser Land Menschen zu überlassen, die keinerlei Interesse daran haben, Albanern zu helfen, sondern nur daran, sich selbst zu bereichern.“ „Diese Bewegung ist in der postkommunistischen Geschichte Albaniens beispiellos“, sagte Gresa Hasa, Albanien-Expertin und Doktorandin an der Universität Graz in Österreich. „Ohne die Unterstützung irgendeiner politischen Partei bauen sie eine unabhängige Graswurzelbewegung auf, getragen von einer Mobilisierung der Bürger. Es sind vor allem junge Menschen, die meisten von ihnen unter 30.“ Anfang dieser Woche teilte die für Korruption zuständige Staatsanwaltschaft Albaniens (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article68b19d3dadc6ba5d53cb0d04/Lea-Ypi-Warum-ihre-Oma-wie-eine-Agentin-in-einem-Balkan-Thriller-lebte.html) mit, sie untersuche die Eigentumsverhältnisse und den rechtlichen Status des für das Projekt vorgesehenen Landes und habe Vermögenswerte von Personen beschlagnahmt, die mit dem Vorhaben in Verbindung stehen. Einsatz von Wasserwerfern Am Mittwoch dieser Woche eskalierte die Lage, nachdem Demonstranten Metallbarrieren durchbrochen hatten, die eine Straße nahe dem Amtssitz des Ministerpräsidenten abgesperrt hatten – trotz Versuchen der Polizei, sie mit Wasserwerfern zurückzudrängen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren streng, da im Nationalstadion, nur 300 Meter vom Ort des Protests entfernt, ein Fußballspiel zwischen Israel und Albanien angesetzt war. Jared Kushner, das Weiße Haus und Affinity Partners reagierten zunächst nicht auf Anfragen um Stellungnahme. Das Axel Springer Global Reporters Network bündelt die Ressourcen der Redaktionen des Unternehmens, um umfangreiche Recherchen, Interviews, Meinungsbeiträge und Analysen zu veröffentlichen. Dadurch können Journalisten – darunter von „Politico“, Business Insider, WELT, „Bild“, Onet und Fakt – bei großen Geschichten für ein internationales Publikum von Hunderten Millionen über verschiedene Plattformen hinweg zusammenarbeiten: online, Print, TV und Audio.