In aktuellen Debatten über Wohl und Wehe des Kapitalismus gehen seine Kritiker gern auf dessen vermeintliche Ursünde zurück: die Entstehung der Sesshaftigkeit (verlinkt auf https://www.deutschlandfunk.de/seit-wann-die-menschen-kriege-fuehren-re-analyse-deutet-auf-sesshaftigkeit-als-ursache-hin-100.html) und die damit verbundene Ausbildung von Arbeitsteilung und sozialer Ungleichheit. Erst diese gesellschaftliche Organisation habe Homo sapiens dazu gebracht, seinen glücklichen Urzustand aufzugeben, einander auszubeuten und gegeneinander Kriege zu führen. Ein 15 Millimeter großes Loch im Schulterblatt eines Neandertalers spricht allerdings dagegen. Zusammen mit der rechten Hand, drei Rippen und sieben Zähnen war der sterbliche Überrest eines etwa 45 Jahre alten Mannes 2020 von einem Team um die Anthropologin Emma Pomeroy (verlinkt auf https://www.arch.cam.ac.uk/staff/dr-emma-pomeroy) von der University of Cambridge in der Höhle Shanidar im irakischen Kurdenland geborgen worden; der Fundort ist ein Hotspot der Neandertalerforschung, kamen dort in den 1950ern doch bereits die Skelette von mindestens zehn weiteren Individuen ans Licht. Das Loch im Schulterblatt könnte der früheste Beweis für „tödliche zwischenmenschliche Gewalt“ durch einen Holzspeer sein, fasst Pomeroy die Ergebnisse der Analysen in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ (verlinkt auf https://www.nature.com/articles/s41598-026-69193-z) zusammen. Aus der Größe des Lochs und seiner kreisrunden Form schließen die Wissenschaftler, dass ein Speer mit großer Kraft die Brust des Mannes traf, den Körper durchschlug, dabei Herz und Lunge zerstörte und schließlich durch das linke Schulterblatt wieder austrat. Da eine Spitze aus Stein ein kantiges Loch hinterlassen hätte, dürfte ein Holzspeer die Wunde geschlagen haben. „Löcher, die durch Nachbildungen solcher Speere entstehen, stimmen hervorragend mit dem Loch überein, das wir im Schulterblatt des Neandertalers gefunden haben“, erklärt Pomeroy. (verlinkt auf https://wissenschaft.de/artikel/gewalttat-vor-75-000-jahren-neandertaler-starb-durch-speerstoss) „Diese frühe Technologie ist durchaus geeignet, eine solche Wunde zu verursachen.“ Dass Frühmenschen bereits vor 300.000 Jahren derartige Waffen herstellen konnten, belegen die Speere, die zwischen 1994 und 1998 in einem Braunkohletagebau in Schöningen (Niedersachsen) geborgen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article207382503/Schoeningen-Steinzeitjaeger-verfuegten-ueber-effektive-Fernwaffen.html) wurden. Experimente haben gezeigt, dass ihre Wurfeigenschaften an die moderner Hochleistungswaffen heranreichen. Als Erzeuger gelten Artgenossen von Homo heidelbergensis, der zwischen Homo erectus und Homo neanderthalensis eingeordnet wird. „Shanidar I“ aus der Höhle im Irak dürfte vor 75.000 Jahren gelebt haben. Sein Tod sei der erste Beweis für den Einsatz geschärfter Holzspeere im Nahen Osten, erklärt Pomeroy. Zwar sei es möglich, dass der Tod Folge eines Jagdunfalls gewesen sei, räumt der Archäologe Graeme Barker (verlinkt auf https://www.arch.cam.ac.uk/directory/gb314) von der University of Cambridge und Co-Autor der Studie ein. Der gezielte Herzstoß spreche aber für eine absichtliche Gewalttat. Die Archäologen vermuten deshalb, dass der Neandertaler von einem Artgenossen getötet wurde. Diesen Schluss zieht auch Chris Stringer (verlinkt auf https://www.nhm.ac.uk/our-science/people/chris-stringer.html) vom Natural History Museum in London, der nicht an der Untersuchung beteiligt war. „Angesichts der Lage und des Ausmaßes der Wunde sei zwischenmenschliche Gewalt wahrscheinlicher“, sagte er BBC News (verlinkt auf https://www.bbc.com/news/articles/c6jrwn3y3xe9o) . Der Anthropologe verweist auf die wachsende Zahl an Beweisen, „dass zwischenmenschliche Gewalt tief in die menschliche Vorgeschichte zurückreicht“. So würde eine teilweise verheilte Rippen-Wunde, die an den Knochen eines Neandertalers, der bereits 1957 in der Shanidar-Höhle entdeckt worden war, zu der Verwundung durch einen Speer mit Steinspitze passen. Aus dem Jahr 2022 stammt eine Studie, die die Verletzungen von Frühmenschen in der Fundstätte Sima de los Huesos (verlinkt auf https://www.welt.de/print/die_welt/wissen/article122566247/Die-Geschichte-der-Fruehmenschen-muss-umgeschrieben-werden.html) (dt. Knochengrube) in der nordspanischen Sierra de Atapuerca untersucht hat. Danach erlitten 20 Individuen 57 Kopfverletzungen, von denen neun potenziell tödlich waren. Da die Wunden stets an derselben Stelle auftraten, folgerten die Forscher, dass vorsätzliche Schläge wahrscheinlicher waren als Unfälle. Das Alter der Knochen wurde auf mehr als 400.000 Jahre datiert, was sie zu den bislang frühesten Zeugnissen für das Auftreten von Homo neanderthalensis in Europa macht. Die wachsende Zahl derartiger Funde, die die gewaltsame Natur der Gattung Homo belegen, dürfte auch einen alten Streit in der Philosophie-Geschichte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article152016595/Das-Schwert-die-erste-Kriegswaffe-des-Menschen.html) entscheiden. Während der französische Denker Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) den Menschen in seinem Urzustand als unschuldig und gut und erst durch die Zivilisation pervertiert sah, erklärte der Engländer Thomas Hobbes (1588–1679) den Menschen zum mörderischen „Wolf“ seiner Art. Allerdings belegt „Shanidar I“ auch eine andere Seite der menschlichen Natur. Verletzungen an den Zähnen zeigen nämlich, dass sein Gesicht lange vor seiner tödlichen Verwundung mit einem stumpfen Gegenstand traktiert worden war. Mit seinem zerstörten Gebiss sei er über Monate hinweg nicht in der Lage gewesen, ordentlich zu kauen und sich verständlich zu machen, folgert Pomeroy. Sein Überleben verdankte „Shanidar I“ daher wohl der Pflege durch Artgenossen, die ihn fütterten und seine Wunden versorgten. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.