Fast 81 Jahre hat es seit der Entdeckung der rund 50 Tonnen Papier gedauert: Mitte März 2026 ist endlich der immerhin allergrößte Teil des sogenannten NSDAP-Master-File online abrufbar – wenn, ja wenn die entsprechende Website (verlinkt auf https://catalog.archives.gov/id/12044361) auf dem Server der US National Archives nicht wie gegenwärtig wegen des großen Interesses in die Knie geht. Ende Mai 1945 war ein gewisser Hans Huber (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article174881/Brisante-Papiere-aus-dem-Muellhaufen.html) zur US-Militärregierung in München gekommen. Der Geschäftsführer einer Papiermühle in Freimann berichtete, die komplette Mitgliederkartei der NSDAP liege in seiner Firma. Seit dem 18. April 1945 waren tagelang schwere Lastwagen bei ihm vorgefahren, um Papiere zur Vernichtung vorbeizubringen. Einem Reporter des offiziellen US-Blatts „Neue Zeitung“ erzählte Huber, er habe schon nach der ersten Lieferung die Brisanz des Materials erkannt – und begonnen, die Vernichtung zu sabotieren: Jede neue Ladung ließ er mit anderem Altpapier abdecken, statt sie auftragsgemäß in Bottichen mit Säure zu Papierbrei zu verarbeiten. Ob diese Geschichte tatsächlich so stimmte, muss offenbleiben, denn die Offiziere der US-Militärregierung begriffen nicht, was Huber ihnen Ende Mai 1945 anbot. Sie ließen ihn abblitzen, obwohl er drei Säcke mit Karteikarten mitgebracht hatte. Erst als am 10. Oktober 1945 der offizielle Archivberater der US-Militärregierung in Deutschland, Sargent B. Child, die Papiermühle in Freimann aufsuchte, kam Bewegung in die Sache. In einem Brief nach Washington schimpfte Child: „Jeder verdammte Idiot“ hätte die Bedeutung des Fundes erkennen müssen. Die insgesamt etwa 50 Tonnen Papier wurden Anfang 1946 in den amerikanischen Sektor von Berlin transportiert. Dort, in den Kellerräumen einer ehemaligen Abhöranlage im Zehlendorfer Wasserkäfersteig 1, wurde unter US-Leitung das Berlin Document Center 7771 (verlinkt auf https://www.bundesarchiv.de/das-bundesarchiv/aus-unserer-archivarbeit/berlin-document-center/) (kurz: BDC) eingerichtet, das die NSDAP-Kartei (bekannt nun bekannt als NSDAP Master File) bis Sommer 1994 verwaltete; seither gehören die Materialien zum Bundesarchiv. Jahrzehntelang war das BDC eine Art Blackbox: Westdeutsche Behörden und alliierte Forscher hatten zwar vor Ort weitgehend Zugriff auf das Material, westdeutsche Historiker hingegen nur unter strengen Auflagen, West-Berliner kaum – und alle Interessenten aus dem Ostblock gar nicht. Zudem lagen Unterlagen zu bestimmten Prominenten in einem „Giftschrank“, beispielsweise zum langjährigen Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (verlinkt auf https://www.welt.de/welt_print/article992726/Wann-war-ein-Mitglied-ein-Mitglied.html) , der zum 20. April 1944 als 17-Jähriger in die NSDAP aufgenommen worden war. Auf diese Weise wollten die USA geschichtspolitische Attacken seitens der SED oder westdeutscher Linker vorbeugen. In den 1980er-Jahren wurde der Zugang zum BDC schrittweise liberalisiert, nicht zuletzt, weil es einen schwunghaften Handel mit Originalen gegeben hatte: Papiere mit (tatsächlich echten) Hitler-Paraphen waren von Mitarbeitern aus dem BDC entwendet und auf dem Schwarzmarkt für drei- bis vierstellige Summen verkauft worden. Nach der Wiedervereinigung wurden auch die alliierten Privilegien in Bezug auf das BDC abgeschafft. Die Bundesrepublik ließ den kompletten Bestand (die Verluste bewegten sich im Bereich des Bruchteils eines Promilles) verfilmen; diese Filme kamen in den Neubau der National Archives in College Park (verlinkt auf https://www.archives.gov/college-park) , nicht weit von Washington, D.C. Dort konnte man sie seit der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre völlig problemlos und ohne Einschränkung benutzen – man musste nur vor Ort sein. Anders in Berlin: Die Originale der NSDAP-Mitglieder wurden zwar gescannt und erschlossen, doch gelten für sie die strengen datenschutzrechtlichen Regeln des deutschen Archivrechts: Erst 30 Jahre nach dem dokumentierten Tod einer Person konnte man seine Unterlagen auf Antrag bekommen, hilfsweise 110 Jahre nach der Geburt. Den Mitarbeitern des Bundesarchivs gefiel diese Beschränkung auch nicht, weshalb sie schrittweise auf Vereinfachung drängten. In einer Gesetzesnovelle wurde die Frist auf 100 Jahre nach der Geburt reduziert. Das reichte aber auch nicht immer: Als WELT 2013 dem SS-Mann und früheren „Koch von Auschwitz“ Hans Lipschis hinterher recherchierte, der 1919 geboren war und noch lebte, durfte das Bundesarchiv seine Personalunterlagen nicht herausgeben. WELT schickte daraufhin einen kommerziellen Recherchedienst zur NSDAP Master File in College Park und ließ die einschlägigen Mikrofilm-Abbilder (es waren etwa 20 Blatt) scannen. Das kostete 500 Euro, ging aber innerhalb von 24 Stunden. Mit der jetzt erfolgten vollständigen Veröffentlichung der gescannten Filme im Internet durch die National Archives ist derlei künftig nicht mehr nötig. Insgesamt handelt es sich um mehr als 16 Millionen einzelne Informationen, die sich wie folgt zusammensetzen: Erstens 4.427.351 einzelne Karten der „Zentralkartei“, die alle Mitglieder in einem durchgehenden Alphabet nach Namen und Vornamen erfasste – für die NSDAP selbst natürlich die wichtigste Kartei, die als erste abtransportiert worden war und daher große Verluste aufwies. Zweitens die 8.289.661 einzelnen Karten der „Ortsgruppenkartei“, die erst nach den Gauen der NSDAP, dann ortsgruppenweise und in den einzelnen Ortsgruppen alphabetisch nach Namen sortiert war. Hier gibt es allerdings auch viele Verweiskarten beispielsweise für umgezogene „Parteigenossen“. Drittens umfasst die Master File rund 600.000 Aufnahmeanträge – leider nur ein Bruchteil der einst mehr als neun Millionen solcher Anträge, die stets eigenhändig unterschrieben werden mussten. Die NSDAP vergab insgesamt 10.174.581 Mitgliedsnummern, doch manche wurden nie genutzt (andere dafür mehrfach); die höchste gleichzeitige Mitgliederzahl betrug Ende 1944 etwa 8,5 Millionen Personen. Viertens schließlich sogenannte Grundbücher, von denen aber nur wenige Dutzend erhalten sind. Darin sind alle Mitgliedsnummern chronologisch verzeichnet einschließlich der Personen, an die sie vergeben wurden. Zusammen mit weiteren Unterlagen, unter anderem rund 300.000 Personalakten der SS, lassen sich bis zu 90 Prozent aller NSDAP-Mitgliedschaften zuverlässig rekonstruieren. Die BDC-Unterlagen sind deshalb für Historiker unschätzbar wertvoll. Und erwiesen sich noch zu Beginn der 2000er-Jahre unerwartet als das brisanteste Archiv Deutschlands. Im Zuge von Forschungen in Berlin und College Park kam heraus, dass bekannte Köpfe der alten Bundesrepublik einst der NSDAP beigetreten waren. Darunter der linke Rhetoriker Walter Jens (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article3178914/Hitler-Jugend-Hat-Walter-Jens-ueber-seine-NSDAP-Zeit-gelogen.html) , die Literaturwissenschaftler Walter Höllerer und Peter Wapnewski, die Schriftsteller Martin Walser, Siegfried Lenz und Tankred Dorst, die Politiker Horst Ehmke und Erhard Eppler (beide SPD) sowie die Christdemokraten Walther Leisler Kiep und Friedrich Zimmermann, ferner der scharf linke Kabarettist Dieter Hildebrandt (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article991919/Nationalsozialismus-Wann-war-ein-Mitglied-ein-Partei-Mitglied.html) und der stets um Seriosität bemühte Zeithistoriker Martin Broszat. Sie alle waren als Jugendliche oder junge Männer der NSDAP beigetreten. Jetzt kann jedermann im Netz nach den eigenen Vorfahren suchen. Die Suchmaske der National Archives ist selbsterklärend. Man sollte allerdings eventuell abweichende Namensschreibweisen sowie das Geburtsdatum parat haben. Ganz grundsätzlich gilt: Ohne eigenhändige Unterschrift wurde niemand in die NSDAP aufgenommen; kollektive Überführungen gar ohne eigenes Wissen gab es (anders als etwa 1933/34 in die SA) nicht. Entscheidend ist allerdings das Datum des Beitritts: Wer vor Ende 1932 beitrat, war in aller Regel zumindest zeitweise überzeugt von Hitlers Hassbotschaften. Wer 1933 oder – nach Aufhebung der rund vierjährigen Aufnahmesperre – 1937/38 beitrat, handelte in vielen Fällen aus opportunistischen Gründen. Wer als Jugendlicher beitrat, hat mildernde Umstände wegen der geistigen Beeinflussung seit 1933 verdient. Das deutsche Datenschutzrecht lässt eine Freigabe aller Einträge der NSDAP Master File weiterhin nicht zu. Daher ist es gut, dass die National Archives aktiv geworden sind. Die einstige Blackbox ist jetzt endgültig keine mehr – wenn, ja wenn die Website mitspielt. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. 1995 arbeitete er das erste Mal mit den Unterlagen des ehemaligen Berlin Document Center. 2017 erschien sein Buch „ Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder (verlinkt auf https://www.klett-cotta.de/produkt/sven-felix-kellerhoff-die-nsdap-9783608981032-t-4910) “.