1. Bildungsnotstand in Deutschland
Willie B. Thomas / Digital Vision / Getty Images
Würde man an das deutsche Bildungssystem Schulnoten verteilen, hagelte es wohl Sechsen. Ungenügend, ungenügend, ungenügend. Diesen Eindruck vermittelt zumindest die aktuelle Pisa-Studie (lesen Sie hier mehr ).
25 Jahre nach dem »Pisa-Schock« fallen die Ergebnisse wieder verheerend aus, zwischenzeitlich hatten sie sich verbessert. In allen drei Bereichen, also Lesen, Naturwissenschaften und Mathematik liegen die Leistungen in Deutschland weit abgeschlagen hinter Pisa-Siegern wie Japan, Korea, Estland, Großbritannien oder Kanada.
Besonders bitter: Die Leistung der 15-Jährigen hängt stärker denn je von Beruf, Bildung und Einkommen der Eltern ab. Der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Leistungen sei so stark »wie in kaum einem anderen Land«, heißt es in der Untersuchung.
»Die Politik müsste eigentlich in Aufruhr geraten, der Kanzler das Thema zur Chefsache erklären, das Fernsehen Sondersendungen bringen. Es geht schließlich um die Kinder und um die Zukunft dieses Landes. Und trotzdem bleibt es seltsam still«, kommentiert meine Kollegin Silke Fokken (hier mehr dazu ).
Viele Menschen fragen sich derzeit angesichts der Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt, was man gegen den Siegeszug der gesichert rechtsextremen AfD tun kann. Vielleicht hilft ein Blick in die Wählerverteilung. Der zeigt: Überdurchschnittlich viele Menschen mit geringem Bildungsgrad haben die AfD gewählt.
»Wenn Menschen grundlegende Fähigkeiten fehlen, lassen sie sich leichter manipulieren und fühlen sich eher abgehängt. Ihre gesellschaftliche Teilhabe ist gefährdet«, sagt Silke.
Es könnte sich also lohnen, wieder mehr in die Bildung zu investieren.
Eine Analyse der Pisa-Ergebnisse finden Sie hier: Deutschland rutscht in der Pisa-Studie auf »historischen Tiefstand«
Den Kommentar meiner Kollegin Silke Fokken lesen Sie hier: Die Politik könnte etwas gegen die Bildungskatastrophe tun. Wenn sie nur wollte
2. Reise durch ein blaues Land
Stella Weiß / DER SPIEGEL
Geht es Ihnen wie mir, haben Sie auch noch einen Post-Wahl-Blues? Dann möchte ich Ihnen die Geschichte ans Herz legen, die meine Kolleginnen Deike Diening und Carlotta Böttcher und meine Kollegen Sebastian Fischer und Matthias Fiedler aus Sachsen-Anhalt mitgebracht haben.
Sie waren dort nach der Wahl unterwegs und haben Menschen befragt. Jene, die AfD gewählt haben, nach dem Warum. Und jene, die die AfD fürchten und trotzdem dort leben müssen, danach, worauf sie sich jetzt einstellen (hier mehr dazu ).
Es mag statistisch nicht repräsentativ sein, trotzdem fand ich persönlich etwa die Aussagen des langjährigen CDU-Wählers, der jetzt sein Kreuz bei der AfD gemacht hat, auf eine gewisse Art beruhigend. Er würde bei der Bundestagswahl nie AfD wählen, weil er deren Überzeugungen nicht teile, sagte der Mann den Kollegen. Aber hier, bei der Landtagswahl, habe er die Möglichkeit gehabt, ohne großes Risiko einen Denkzettel nach Berlin zu schicken.
Ob die Risikobewertung richtig ist, wird sich zeigen. Aber viele Menschen, die mit den Kollegen geredet haben, wirken frustriert, dass viele Politiker sich offenbar von ihnen abgekoppelt haben.
Das erscheint mir – bei dem einen mehr, bei Friedrich Merz vielleicht etwas weniger – vor allem ein Kommunikationsproblem zu sein und damit lösbar.
Es muss ja nicht gleich jeder anbiedernd mit der Simson rumknattern, wie AfD-Kandidat Ulrich Siegmund. Hin und wieder mal zuhören, ein wenig Empathie für die Lebenssituation der Menschen aufbringen, das könnte womöglich schon viel bewirken.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Warum hat er AfD gewählt? Wegen des Gefühls, sagt er
3. Alarm bei der Bundeswehr
Generalinspekteur Breuer und Minister Pistorius
Foto: Tobias Schwarz / AFPDass bei der Truppe anders kommuniziert wird als in der Zivilgesellschaft, dass der Ton manchmal rau ist, dürfte niemanden überraschen. Allerdings scheinen sich jetzt Entgleisungen derart zu häufen, dass sich General Carsten Breuer deswegen am Montag in einem internen Tagesbefehl an alle Soldaten und Soldatinnen gewandt hat, wie der SPIEGEL exklusiv erfuhr (lesen Sie hier mehr dazu ). Demnach deuten die aktuellen Zahlen darauf hin, dass man 2026 einen neuen Höchststand der Fälle erreicht, wie mein Kollege Matthias Gebauer schreibt.
Hinzu komme, so Matthias, dass in den kommenden Wochen eine sogenannte Dunkelfeldstudie, bei der Tausende aktive und frühere Soldatinnen nach ihren Erfahrungen mit sexualisiertem Fehlverhalten in der Bundeswehr befragt wurden, fertiggestellt wird. Nach SPIEGEL-Informationen haben sich viele Soldatinnen anonym zurückgemeldet, mehr als 15 Prozent sollen geantwortet haben.
»Demnach schilderte ein Großteil der Frauen ausführlich mehr als nur eine geschmacklose Erfahrung aus der eigenen Dienstzeit, nennt Details über Missstände in den Kasernen und anderen Dienststellen der Bundeswehr. Aus den vielen Rückmeldungen entstehe der Eindruck, heißt es in Bundeswehrkreisen, dass es sich nicht um Einzelfälle handle. Vielmehr legten die Schilderungen nahe, dass sexualisiertes Fehlverhalten, von Sexsprüchen, ekelhaften Ritualen bis hin zu roher Gewalt gegen Frauen, zum Truppenalltag gehört«, schreibt Matthias.
Lesen Sie hier alles über die Häufungen sexuellen Fehlverhaltens bei der Bundeswehr – und was die Truppe dagegen unternehmen will: »Nicht akzeptabel«: Generalinspekteur warnt Truppe vor sexualisiertem Fehlverhalten
Was heute sonst noch wichtig ist
Polizei fasst mutmaßlichen Strom-Saboteur: Der mutmaßliche Strom-Saboteur ist nach SPIEGEL-Informationen in Polizeigewahrsam. Die Behörden nahmen den Mann in Nordrhein-Westfalen fest, er hatte offenbar weitere Sprengmittel dabei.
Kinderbetreuung führt zu höherem Einkommen bei Müttern: Der Ausbau von Kinderbetreuung führt bei Frauen zu mehr Vollzeitjobs. Forscher sehen auch langfristig einen positiven Effekt auf den Verdienst von Müttern.
FFN-»Morgenmän« Franky ist tot: Die Scorpions und Shanty-Chöre besangen ihn, viele Niedersachsen wuchsen mit ihm auf: Frank Schambor erlangte als »Morgenmän Franky« zumindest regionale Berühmtheit. Jetzt ist der langjährige Radiomoderator gestorben.
So weit spritzt Klowasser: Die Toilettenspülung befördert nicht nur die Hinterlassenschaften in die Kanalisation, sie setzt auch eine Wolke winziger Klopartikel frei. Was das für die Zahnbürste bedeutet und wie Spülen hygienischer wird.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Genervte Frau am Computer: Viele Folgen des Hacks sind noch unklar
Foto: Maskot / Getty ImagesDas muss ich tun, wenn meine Daten geleakt wurden: Die Berliner Stadtverwaltung wurde gehackt, doch mit den Folgen müssen sich nun auch viele Bürger herumplagen. Wie kann man sich schützen und wo muss man mit der erhöhten Gefahr leben?
Was heute weniger wichtig ist
Alice Cooper
Foto: Matthias Bein / dpaBitte rocken Sie weiter, wir haben alles schon gesehen: Alice Cooper, 78, ist ob seiner Wirkung auf die Fans desillusioniert: »Ich glaube nicht, dass man ein Publikum heute noch schocken kann«, sagte Cooper im Interview mit der dpa. Cooper gilt als Pionier verstörender Bühnenshows. Aktuell ist er mit seiner Band Hollywood Vampires auf Tournee, zu deren Mitgliedern Aerosmith-Gitarrist Joe Perry und Schauspieler Johnny Depp zählen. Er habe immer gedacht, dass es seine Aufgabe sei, zu provozieren, so der Musiker. Jetzt provoziere er auf andere Weise als früher: »Ich denke, der Schock ist jetzt die Tatsache, dass Alice Cooper 78 ist und mehr Energie hat, als er mit 40 hatte.«
Mini-Hohlspiegel
Aus den »Kieler Nachrichten«: »Pollen lösen bei Allergikern Allergien, unter anderem Heuschnupfen, aus. Im August gibt es vor allem einen starken Flug von Bleifuß.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Thomas Plaßmann
Und heute Abend?
»Slow Horses«-Duo Jack Lowden, Gary Oldman
Foto: Jack English / Apple TVKönnten Sie den neuen James Bond begutachten. Oder – genau genommen – den Schauspieler, der derzeit als heißester Kandidat für die Rolle gehandelt wird: Jack Lowden.
Seit Jahren rätseln Bond-Fans, wer Nachfolger von Daniel Craig wird, nachdem der seinen Abschied von der Agentenrolle bekannt gegeben hatte.
Glaubt man Gary Oldman, steht sein Serienpartner Jack Lowden auf der Shortlist. »Wir werden es alle ziemlich bald herausfinden, nicht wahr?«, so Oldman in einem Interview mit dem kanadischen Nachrichtenportal Global News. »Sie haben ihn ausgesucht, es nur noch nicht öffentlich gemacht. Also: Ich drücke meine Daumen für Jack.« (Lesen Sie hier mehr.)
Oldman und Lowden stehen seit inzwischen fünf Staffeln für die Serie »Slow Horses« vor der Kamera. Oldman spielt darin den abgehalfterten Altagenten Jackson Lamb, der einen Trupp degradierter ehemaliger MI-6-Mitarbeiter anführt. Lowden mimt den aktivistischen Spion River Cartwright, der mit großem Körpereinsatz Fälle zu lösen versucht, aber regelmäßig spektakulär scheitert.
Falls Sie »Slow Horses« trotz zahlreicher Emmy-Nominierungen noch nicht kennen: Binge away – die sechste Staffel startet Mitte September.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Michail Hengstenberg, Autor im Kulturressort
