1. Gedenkenlos in Heidenau
Verlegung von Stolpersteinen (hier in Aachen im November 2025)
Foto: Hans-Jürgen Serwe / IMAGOWie steht es um die Brandmauer? Sie wackelt, sie wankt, aber stürzt sie auch? Zuletzt wurde in Unionskreisen darüber diskutiert, sie endgültig einzureißen – was, wie meine Kollegin Ann-Katrin Müller schreibt, reale Macht für Rechtsextremisten bedeuten würde (lesen Sie hier ihren Leitartikel ). Kommunalpolitiker verniedlichen die Debatte gern mit dem Verweis auf realpolitische Zwänge, etwa wenn der Bau des neuen Autohauses am Ortsausgang nicht in die Puschen kommt. Was Realpolitik zwischen CDU und AfD aber noch für Auswüchse haben kann, zeigt sich nun in Heidenau im Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.
Dort fordern Stadträte von AfD und CDU in einem fraktionsübergreifenden Beschlussantrag, Stolpersteine »im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich« künftig abzulehnen. Viele Bürger, Angehörige und Initiativen, heißt es in dem Antrag, würden diese Form der Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus als »nicht angemessen« empfinden. Und, sinngemäß: Wer gedenken will, soll auf den Friedhof gehen.
Die parteilose Bürgermeisterin Conny Oertel unterstützt den Antrag – und untermauert ihn mit plumpen Argumenten: Stolpersteine seien zeitweise durch Laub, Schmutz oder Schnee verdeckt, gibt Oertel auf Anfrage der »taz« zu bedenken, über sie gehe man »vielleicht gedankenlos« hinweg.
Gedankenlos, ja. Und gedenkenlos.
Lesen Sie hier mehr: Stadträte von CDU und AfD im sächsischen Heidenau wollen keine Stolpersteine mehr
2. Klopp it like it’s hot
Fußball-Bundestrainer Klopp
Foto:Bernd Feil / M.i.S. / MIS / IMAGO
Heute Abend zählt es für Jürgen Klopp. Das erste Länderspiel der DFB-Auswahl nach der vergurkten WM ist zugleich das Bundestrainerdebüt für den Erfolgscoach mit dem Gewinnergrinsen. Eine beherzte Kloppo-Rede hat gereicht, um der am Boden liegenden Fußballnation Hoffnung, ja fast schon: Optimismus einzuimpfen. Wie nachhaltig das beim notorisch nörgeligen Schlandfan wirkt, wird sich zeigen, wenn der Nations-League-Auftakt gegen die Niederlande (20.45 Uhr, RTL und im SPIEGEL-Liveticker ) nicht von Erfolg gekrönt sein sollte.
Dabei darf man ruhig etwas Geduld haben, ob und wie Klopps Maßnahmen greifen. So hat er eine Art Doppelkader nominiert , mit vielen frischen Namen und einem Startelfwechsel nach den ersten beiden Partien. Weckt Erinnerungen an das »Team 2006«, die zu Unrecht als Talentegrab belächelte Perspektivmannschaft im Vorlauf zur überraschend erfolgreichen »Sommermärchen«-WM. Und auch jetzt scheint das Kalkül aufzugehen, die jungen Spieler hat Klopp bereits entflammt, Novize Philipp Treu würde für ihn gar »durchs Feuer gehen«. Welche Grundregeln er seiner Truppe vermitteln will, hat mein Kollege Danial Montazeri zusammengetragen.
Lesen Sie hier mehr: Crashkurs in Klopp
3. Gefühle regieren die Welt
Psychiater Kalbitzer
Foto:Hanna Wiedemann / DER SPIEGEL
In welcher Verfasstheit lesen Sie gerade diesen Text? Entspannt im Feierabend? Genervt von dem lauten Telefonierer im Ruheabteil? Ängstlich besorgt angesichts frei kreiselnder KI-Agenten ? Gefühle bestimmen unser (Zusammen-)Leben, ob wir wollen oder nicht – die Frage ist nur, wie wir mit ihnen umgehen.
Meine Kollegin Kerstin Kullmann hat mit dem Psychiater Jan Kalbitzer besonders die unliebsamen Gefühle in den Blick genommen, Wut, Angst, Scham, die wir uns lieber vom Hals halten wollen. Ängstlich? Ich doch nicht! Und wer wird sich denn gleich aufregen?! Kalbitzer hält dazu an, unbequeme Emotionen nicht zu bekämpfen, sondern vielmehr von ihnen zu lernen. Um sich in seiner Gefühlswelt orientieren zu können, muss man Erregungen jeglicher Art auch mal aushalten, statt sie zu verdrängen oder sofort zu ventilieren. »Ein Gefühl ist keine Wahrheit«, sagt Kalbitzer – das gilt für den Beziehungsstreit gleichermaßen wie für den AfD-Wähler und seine Angst vor allem Fremden.
Den von vielen angestrebten, vermeintlichen Idealzustand vollkommener Gelassenheit hält Kalbitzer dabei für eine Illusion. Und sagt die folgenden, zum Einrahmen schönen Sätze: »Wir sind dafür gemacht, dass uns die Welt etwas angeht. Wer Werte hat, wird sie schützen. Wer sich offen zeigt, kann gekränkt werden. Wer liebt, wird kämpfen für die, die ihm wichtig sind. Ohne diese Gefühle gäbe es kein Wachstum auf der Welt, nichts würde sich verändern. Ich gehe noch weiter: Die Illusion, dass man irgendwann einen Zustand erreicht, in dem man elegant und abgekoppelt glücklich über den Dingen schwebt, führt dazu, dass es uns allen schlechter geht.«
Das ganze Interview lesen Sie hier: »Ich sehe oft Patienten, bei denen ich mir wünschen würde, sie wären wütender«
Was heute sonst noch wichtig ist
150 Jüdinnen und Juden aus Berlin plädieren für Rot-Rot-Grün: Wie groß ist das Antisemitismusproblem der Linken? Kritiker plädieren gegen eine Regierungsverantwortung der Partei. Nun machen sich 150 Jüdinnen und Juden aus Berlin für Rot-Rot-Grün stark. Es gebe eine »zynische Instrumentalisierung« entsprechender Vorwürfe.
Feuer in Starlink-Station in Polen – Regierung spricht von »Sabotage«: Der Brand einer polnischen Starlink-Station hat auch den Internetzugang der ukrainischen Armee gestört. Der Digitalminister geht von einem Angriff im Rahmen der »neuen russischen Angriffsdoktrin« aus.
Auf St. Pauli gefasst – 13-jähriger Auftragskiller sollte Hells Angel töten: Ein Konflikt in der Hamburger Unterwelt eskaliert: Ein Clan hat offenbar einen Auftragsmörder aus den Niederlanden auf ein Hells-Angels-Mitglied angesetzt. Die Polizei schnappte den Verdächtigen in Hamburg, er ist erst im Teenageralter.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Geschäftsmann Fräbel (r.) mit den AfD-Landtagskandidaten Siegmund (l.) und Backmund
Foto:@steffenfrabel / Instagram
Hat auch die AfD ein Clanproblem? Nur ausgewählte Gäste durften ins Alte Theater in Magdeburg, wo die AfD Anfang September ihren Wahlsieg feierte. Unter ihnen: ein justizbekannter Geschäftsmann mit Beziehungen zur Familie Abou-Chaker .
Was heute weniger wichtig ist
Franca Lehfeldt
Foto:Henning Kaiser / dpa
Lasst die Kinder da raus! Sie ist selbst Unternehmerin und Mutter, hat gerade ein Buch über die Widrigkeiten dieser Doppelrolle geschrieben – doch für einen Berufszweig hat Franca Lehfeldt, 37, nur wenig Verständnis: Momfluencerinnen. Lehfeldt, verheiratet mit Ex-Finanzminister Christian Lindner, 47, fordert in einem »Zeit«-Interview strengere Regeln im Umgang mit Bildmaterial. Unter anderem sollten Kinder ein durchsetzbares Recht am eigenen Bild erhalten, auch gegen die eigenen Eltern. »Ich habe nichts gegen Frauen, die damit ihr Geld verdienen. Ich habe etwas dagegen, dass ihre Kinder dafür bezahlen.«
Mini-Hohlspiegel
Hinweisschild im Universitätsklinikum Freiburg
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages: Parlamentswahlen in Russland
Putin erhält Glückwunschdrohne aus Sachsen-Anhalt. Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Leonard Riegel / DER SPIEGEL
Und heute Abend?
Hanns Zischler als Thomas Mann, Sandra Hüller als Tochter Erika Mann in »Vaterland«
Foto: Agata Grzybowska / Neue Visionen Filmverleih / dpaMöchte ich Ihnen das Kinoereignis »Vaterland« ans Herz legen: Thomas Mann (Hanns Zischler) kehrt vier Jahre nach Kriegsende zurück nach Eben-noch-Nazideutschland. An seiner Seite: Tochter Erika (Sandra Hüller). Mit im Gepäck: der Argwohn vor dem Land der Schlächter und Henker, dem die Familie Mann entflohen ist – bei gleichzeitigem Wunsch nach Liebe und Anerkennung, und sei es durch eben dieses Tätervolk. Ein pointiert inszeniertes und hochklassig besetztes Psychogramm über Größen- und Großdichterfantasien, politische Vereinnahmung und vor allem: daddy issues.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Florian Merkel, Chef vom Dienst
