Ich finde Obama toll, ich finde Bücher toll, ich finde Podcasts über Bücher toll. Aber als ich auf dem Weg zur Arbeit neulich Obamas Stimme im Ohr hatte, überkam mich doch ein leicht dystopisches Gefühl. Das lag schon am Intro seines neuen Gesprächsformats »A Great Book with Barack Obama.« Erstens sagte er darin, sein Podcast solle die Hörer dazu »inspirieren« zu lesen. Und zweites bedankte er sich bei seinem Gast dieser ersten Folge. Es war Tom Hanks. Sie kennen ihn vielleicht, er ist Schauspieler.
Obama, being Obama, machte einen selbstironischen Witz über seinen Gast. Auch er sei nämlich nicht frei davon, mit einem Promi seine Reichweite in die Höhe zu treiben. Das war lustig gemeint. Aber wenn selbst Barack Obama, den man wohl zu den weltweit bekanntesten lebenden Menschen zählen darf, glaubt, es nicht aus eigener Kraft heraus zu schaffen, Menschen für Bücher zu interessieren, dann ist das doch irgendwie ... schlimm?
Und nicht weniger schlimm ist es, dass es schon ein Ziel sein kann, Menschen überhaupt zum Lesen zu inspirieren. Nicht, etwas Bestimmtes zu lesen, nicht, über eine bestimmte Frage nachzudenken, sondern einfach nur: lesen.
In meinem letzten Newsletter hatte ich schon über die Krise des Lesens geschrieben, über Bücher als neues Statussymbol. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer werden mir die Konsequenzen dieser Entwicklung. Wird lesen künftig nur noch ein subventioniertes Kulturgut sein, etwas, zu dem eben inspiriert werden muss, das gefördert und belohnt werden muss? In Singapur bezahlt einen die Regierung jetzt dafür, wenn man 15 Minuten am Tag liest.
Am nächsten Tag, den Obama-Sound noch im Ohr, blätterte ich durch die wirklich gute Literaturzeitschrift »Paris Review«. Genre: exquisite Nische. Zwei Sachen fielen mir darin auf. Eine Anzeige des Seifenherstellers Aesop. Das sind diese braunen Flaschen, die in guten Restaurants oder bei besser verdienenden Freunden auf dem Klo stehen. Der Anzeigentext lautete:
Duft: Tinte, Papier
Produkttextur: geschmeidig, gehaltvoll
Gefühl: angeregt, in eine andere Welt entführt
Außerdem gab es in der Ausgabe eine Reportage über ein Event in Manhattan, New York . Es ging um die Launchparty einer neuen Dating-App, Readme. Eine App, um Menschen, die lesen, mit Menschen, die lesen, zu verkuppeln. Das Versprechen: Durch ein kompliziertes System werden die eigenen Leseinteressen analysiert, und zwar mit »lacanscher Psycholinguistik«. Es gehe dabei nicht unbedingt darum, Menschen zu finden, die genau dasselbe lesen, sondern eher diejenigen, zwischen denen eine erotische Spannung zu erwarten sei. Oder, wie es eine der Gründerinnen ausdrückt: »Ich denke, es ist ähnlich wie in der Astrologie, wo Verschiedenheit nichts Schlechtes ist.« Astrologie. Hm. Ich konnte die App noch nicht ausprobieren. Ich lebe nicht in New York. Und ich bin verheiratet. Aber ich werde mal ein paar Leute fragen.
Die Gründerinnen der Readme-App auf ihrer Launchparty: Alles basiert auf Lacan
Foto:Marissa Alper / The New York Times / Redux / laif
Die Bilder zu der Reportage waren irre gut. Extrem heiße Menschen, die schwitzten und angeblitzt wurden. Nicht nur wegen Lacan kam mir sofort das Wort »Begehren« in den Sinn. Gleichzeitig machte mich das auch alles ein bisschen traurig. Lesen im Jahr 2026, das bewegt sich also irgendwo zwischen Tom Hanks, Aesop-Seife und einer KI-gesteuerten Partnervermittlung. Reden über Bücher, sich zeigen mit Büchern, Sex haben wegen Büchern. Wann soll man da noch Zeit haben zu lesen? Na ja. Immerhin ist nächste Woche Buchmesse in Frankfurt. Da spielt all das natürlich überhaupt keine Rolle.
Xaver von Cranach ist Autor im Kultur-Ressort. Gerade liegen auf seinem Nachttisch Bücher mit den Titeln: »Du mußt dein Leben ändern«, »Wuthering Heights« und »Stranger than Fiction: Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen«. Das heißt aber leider nicht, dass er sie auch liest.
Drei Handreichungen für die Frankfurter Buchmesse
Am Montag wird der Deutsche Buchpreis verliehen, ab Mittwoch beginnt dann wieder die größte Buchmesse der Welt (so zumindest der Claim! Wir haben nie nachgezählt). Falls Sie nach Frankfurt fahren: Hier sind drei Szenarien, in die Sie verwickelt werden könnten. Wir verraten, wie Sie wieder rauskommen.
Jemand fragt Sie, ob Sie den Buchpreisgewinner/die Buchpreisgewinnerin gelesen hätten. Antworten Sie lieber mit einer Kritik der Shortlist insgesamt. Kein Clemens Setz! Keine Heike Geißler! So stehen Sie als jemand da, der sich jenseits von Bestenlisten auskennt.
Jemand fragt Sie, ob Sie noch zur Rowohlt-Party kommen. Sagen Sie: Nein, früher war die besser. Normalerweise sind »Früher war alles besser«-Leute total nervig, aber in diesem Kontext suggerieren Sie: Sie haben einfach einen exklusiveren Zugang als andere. Sie kommen dann natürlich trotzdem zur Rowohlt-Party, aber dann sind eh schon alle betrunken.
Jemand fragt Sie, ob Sie eigentlich nur noch über Bücher reden oder auch noch welche lesen. Sie antworten, dass Sie genau darüber erst diesen interessanten neuen Literatur-Newsletter des SPIEGEL gelesen hätten, den sollte man unbedingt abonnieren.
Die große Literaturgeschichte
Autorin Bazyar
Foto: Tabea TreichelSchon das Cover hatte mich bei diesem Buch sofort überzeugt. Aber als ich den Text meiner Kollegin Miriam Amro gelesen hatte, wusste ich: Dieses Buch wird auch einer meiner Favoriten dieses Jahr für den Deutschen Buchpreis. Miriam traf die Autorin Shida Bazyar in einer dieser komplett normalen deutschen Fußgängerzonen und sprach mit ihr über ihren neuen Roman, »Die Lücken«. In dem es um ein komplett normales deutsches Dorf geht, das eben doch nicht komplett normal ist, weil sich hinter jeder Mauer und hinter jeder Familiengeschichte Dunkelheit verbirgt. »Das Buch ist ein kleines Fenster zum Grauen«, sagte Bazyar in dem Interview. Nach der Lektüre kann ich sagen: stimmt total.
Autor Setz: endlos monologisierend
Foto: Judith StehlikWas ist das Buch ihres Lebens?
Gibt einige, aber wenn ich mich festlegen soll, dann sage ich: die vollständige, zehnbändige Ausgabe von »The Golden Bough« von J. G. Frazer
Und welches liegt gerade oben auf Ihrem Nachttisch?
»Die Mörderin« von Alexandros Papadiamantis und »Kelidar« von Mahmud Doulatabadi
Welches Buch wird gerade zu viel diskutiert?
Eine Fangfrage! Es diskutiert doch gar niemand mehr über Bücher. Aber nein, ein »zu viel« wäre auch gar nicht möglich.
Und welches zu wenig?
Zum Beispiel »Poller« von Ann Cotten
Wie lautet die letzte WhatsApp-Nachricht, die Sie geschrieben haben, und an wen ging sie?
»Ich hab es mir angehört. Ich halte immer so Monologe, haha«.
Das schrieb ich an die Autorin Julia Krammer, in Bezug auf eine Podcastfolge, die sie und Thomas Keul von der Zeitschrift »Volltext« mit mir aufgenommen und an mich geschickt hatten. Ich halte echt immer die endlosesten Monologe.
Clemens J. Setz gehört zu den eigenwilligsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Zuletzt erschienen von ihm: Eine sehr kurzweilige Biografie über Rilke (Reclam) und ein Band mit verstörenden Kurzgeschichten (Suhrkamp).
Das Zitat
Clemens J. Setz in »Mein Leben als Noiseband«
Die aktuelle SPIEGEL-Bestsellerliste
Platz 4, Belletristik Hardcover: Oft wird ja über die Cover von deutschen Büchern gespottet . Zu Recht. Aber wie schon bei »Die Lücken« ist auch dieses hier extrem gut gelungen, finde ich. Das Foto des Künstlers Wolfgang Tillmans heißt eigentlich »Faltenwurf (Skylight)«. Zusammengenommen mit diesem Love-Story-Titel »Anton und Alma«, geschrieben in Pink, ist es definitv extrem zeitgeistig und gerade so instagram-tauglich, dass es super aufgeht, ohne zu nerven. Das Buch selbst ist übrigens auch gut.
Lust auf mehr? Alle SPIEGEL-Bestseller dieser Woche finden Sie hier. Und auch im SPIEGEL Shop.
Belletristik Hardcover:
1. »Kalte Tage« · NEU
Charlotte Link · Blanvalet · € 26,00
2. »Broder« · 3. Woche
Dörte Hansen · Penguin · € 26,00
3. »Alles wird Asche« · 5. Woche
Nele Neuhaus · Ullstein · € 26,00
4. »Anton und Alma« · 4. Woche
Dana Vowinckel · Suhrkamp · € 26,00
5. »Die Lücken« · 4. Woche
Shida Bazyar · KiWi · € 25,00
6. »1999 Meter über dem Meer« · 5. Woche
Caroline Wahl · Rowohlt · € 24,00
7. »Frankie und Freddie« · 4. Woche
Sven Regener · Galiani · € 24,00
8. »Das Vogelhaus« · 2. Woche
Jan Weiler · Heyne · € 24,00
9. »This Kingdom Will Not Kill Me« (»Maggie the Undying« 1) · NEU
Ilona Andrews · Carlsen Verlag GmbH · € 26,00
10. »Theo in Golden« · 4. Woche
Allen Levi · Piper · € 26,00
Sachbuch Hardcover:
1. »Swan Song« · NEU
Charles Spencer · Penguin Verlag · € 28,00
2. »Churchills Augen« · 2. Woche
Manfred Lütz · Kösel · € 22,00
3. »Nein sagen« · 29. Woche
Matthias Brandt · KiWi · € 16,00
4. »Kampf der Giganten« · 2. Woche
Daniele Ganser · Westend · € 32,00
5. »Dear Britain« · 20. Woche
Annette Dittert · DuMont · € 24,00
6. »Jenseits der Brandmauer« · 7. Woche
Monchi · KiWi · € 20,00
7. »Mach mal das große Leselicht an« · 5. Woche
Torsten Sträter · Ullstein · € 20,00
8. »Der Positive-Gedanken-Trick« · 5. Woche
Biyon Kattilathu · Kailash · € 22,00
9. »Ein Leben in Songs« · 4. Woche
Freddie Mercury, Mary Austin · C.H. Beck · € 38,00
10. »Dreihundert Männer« · 23. Woche
Konstantin Richter · Suhrkamp · € 30,00

