SpOn 04.06.2026
15:42 Uhr

Hamburg: Angriff auf Justizbeamte in Hahnöfersand – Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Gefangenenmeuterei


Insassen der JVA Hahnöfersand sollen Mitarbeiter unter anderem mit Tischbeinen angegriffen haben. Ihr Motiv ist unklar, ausbrechen wollten sie wohl nicht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Gefangenenmeuterei.

Hamburg: Angriff auf Justizbeamte in Hahnöfersand – Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Gefangenenmeuterei

Was ist geschehen?

Am Pfingstsamstag sollen Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hahnöfersand auf einer Elbinsel südwestlich von Hamburg Bedienstete attackiert haben. Die Behörde für Justiz und Verbraucherschutz der Stadt Hamburg teilte dem SPIEGEL mit, die Tatverdächtigen hätten einen Mitarbeiter in einem Materialraum angegriffen, ihm den Mehrzweckeinsatzgürtel mit Anstaltsschlüssel, Handsprechfunkgerät, Handfesseln sowie Dienstmesser abgenommen und ihn anschließend gefesselt.

Nach bisherigen Erkenntnissen aus dem Justizvollzug soll sich einer der Gefangenen mit dem Schlüssel Zugang zu einer anderen Station verschafft und dort einen weiteren Bediensteten mit dem Dienstmesser attackiert, aber nicht verletzt haben. Dem Mitarbeiter soll es gelungen sein, den Hausalarm auszulösen. Weitere Mitarbeiter kamen den bisherigen Erkenntnissen zufolge zur Unterstützung hinzu und entschärften die Situation. Das Dienstmesser wurde demnach gesichert, der Gefangene eingeschlossen.

Die beiden anderen Gefangenen sollen sich nach weiteren bisherigen Erkenntnissen aus dem Justizvollzug währenddessen mit abgebrochenen Tischbeinen bewaffnet und einen weiteren Bediensteten verletzt haben. Mitarbeitende konnten auch hier deeskalieren, so die bisherigen Erkenntnisse. Die bewaffneten Gefangenen sollen sich schließlich der Tischbeine entledigt haben, Mitarbeitende hätten sie gefesselt, so die Behörde.

Mehr zum Thema

Beim Eintreffen der Polizei war die Lage den Angaben zufolge unter Kontrolle. Laut Behörde wurde das Dienstmesser, das zur Durchtrennung von Strangulationsmitteln dient, gesichert, ebenso der Schlüssel und die weiteren entwendeten Gegenstände.

Vier Bedienstete erlitten demnach Verletzungen, zwei von ihnen mussten in einem Krankenhaus behandelt werden.

Was ist über die mutmaßlichen Täter bekannt?

Es handelt sich um drei mutmaßliche Täter, einer von ihnen ist 19 Jahre alt, die beiden anderen 21 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat ein Ermittlungsverfahren gegen sie eingeleitet, zunächst wegen des Verdachts der Gefangenenmeuterei.

Warum es zu der Attacke kam, ist unklar. Die Hamburger Staatsanwaltschaft teilte auf SPIEGEL-Anfrage mit, Motive und Hintergründe müssten nun von den Strafverfolgungsbehörden aufgeklärt werden. Schon kurz nach der Tat war ein Ausbruchversuch als wenig wahrscheinlich bezeichnet worden.

Einem unbestätigten Bericht der »Bild«-Zeitung zufolge könnte die Attacke in Zusammenhang mit dem Tod eines 15-Jährigen aus Hamburg stehen. Der Jugendliche war im April vergangenen Jahres aus dem achten Stock eines Wohnhauses in den Tod gestürzt . Laut »Bild«-Zeitung sollen die drei Häftlinge aus Rache angegriffen haben . Demnach wollten sie einen Mithäftling »lynchen«: einen Syrer, der als damals 17-Jähriger mitverantwortlich für den Tod des 15-Jährigen war.

Mehr zum Thema

Welche Konsequenzen zieht die Jugendstrafanstalt aus dem Vorfall?

Die Behörde für Justiz und Verbraucherschutz betonte, dass die für den Betrieb der Anstalt erforderliche Personalstärke an dem Tag gewährleistet gewesen sei. Man prüfe nun mögliche Konsequenzen aus dem Vorfall. Sie teilte zudem mit, dass es in der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand in der Vergangenheit keine vergleichbaren Fälle gegeben habe, in denen Gefangene gemeinschaftlich in dieser Form gewalttätig gegen Bedienstete vorgegangen seien. Die mutmaßlichen Täter wurden bereits am Pfingstwochenende in andere Einrichtungen verlegt.

Die JVA Hahnöfersand  hat 176 Haftplätze für Personen in Untersuchungshaft, offenem und geschlossenem Jugendstrafvollzug. Außerdem gibt es eine sozialtherapeutische Abteilung und 20 Arrestplätze in der Teilanstalt Jugendarrest, die ebenfalls zur JVA Hahnöfersand gehört.

Wann spricht man von einer Gefangenenmeuterei?

Die Staatsanwaltschaft Hamburg teilte dem SPIEGEL mit, dass sie Ermittlungen wegen des Verdachts der Gefangenenmeuterei aufgenommen habe.

Wegen Gefangenenmeuterei wird laut Strafgesetzbuch in Fällen ermittelt, in denen sich Gefangene »zusammenrotten und mit vereinten Kräften einen Anstaltsbeamten, einen anderen Amtsträger oder einen mit ihrer Beaufsichtigung, Betreuung oder Untersuchung Beauftragten nötigen oder tätlich angreifen«. Zudem spricht man davon, wenn Insassen »gewaltsam ausbrechen« oder »einem von ihnen oder einem anderen Gefangenen zum gewaltsamen Ausbruch verhelfen«.

Zuletzt gab es in Deutschland im Jahr 2020 nach Unruhen in einer Thüringer Justizvollzugsanstalt Ermittlungen wegen Gefangenenmeuterei.