2021 schaffte es Beth Dobbin bei den Olympischen Spielen in Tokio ins Halbfinale über 200 Meter. Sie lief die Strecke in 22,85 Sekunden, kam damit als Fünfte ins Ziel und verpasste das Finale.
Heute verbringt sie mehr als 22 Stunden täglich im Bett, erzählt sie der BBC in einem Interview. Dobbin leidet an ME/CFS. In Deutschland sind Schätzungen zufolge rund 650.000 Menschen an ME/CFS erkrankt , in Großbritannien geht man von mehr als 400.000 Fällen aus.
Die Abkürzung steht für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom. Es handelt sich um eine schwere, chronische Multisystemerkrankung. Betroffene leiden meist an Schmerzen, schweren Schlafstörungen und weiteren Beschwerden. Ein wichtiges Symptom ist die post-exertionelle Malaise (PEM), die zeitverzögerte Zustandsverschlechterung nach zu großer Belastung.
Dobbin spricht diese Zustandsverschlechterung im Interview an: »Ich habe kleine Aktivitäten gemacht, etwa einen Bluttest beim Arzt, und lag danach monatelang im Bett. Dieses Interview, in dem ich 30 Minuten spreche, kann mich im Jahr 2027 beeinträchtigen.« Sie wolle aber über die Krankheit aufklären.
Die Bezeichnung »Chronisches Fatigue-Syndrom« lehnt Dobbin ab
ME/CFS entsteht in der Mehrheit der Fälle nach Infekten, die Zahl der Erkrankten stieg infolge der Coronapandemie deutlich. Dobbin infizierte sich im Winter 2021/2022 mit Corona und sie hatte Pfeiffersches Drüsenfieber. Zunächst schlief sie nur mehr und lief etwas langsamer, erzählt sie. Als weitere Symptome dazukamen, führten Ärzte das auf das Pfeiffersche Drüsenfieber zurück und sagten ihr, es würde vorbeigehen.
Bei folgenden Wettkämpfen fühlte sie sich schwindelig, einmal verlor sie am Startblock das Gefühl in ihren Beinen. Es war »ein höllisches Jahr« sagte sie der BBC damals. Schließlich sagten ihre mehrere Ärzte, dass sie an ME/CFS leide.
Die Bezeichnung CFS für »Chronisches Fatigue-Syndrom« lehnt Dobbin deutlich ab. Als Athletin kenne sie Fatigue – umgangssprachlich Erschöpfung. »Ich wünschte, es wäre nur Fatigue, das wäre ein Spaziergang«, sagt sie der BBC. »Es ist so viel mehr.« Stattdessen sei es so, als würde ihr Körper versagen. »Es fühlt sich an, als würdest du in wenigen Tagen sterben.«
Die Diagnose ME/CFS wird anhand klinischer Kriterien gestellt, einen Biomarker gibt es bislang nicht. Wohl auch deshalb werden in der Medizin die Ursachen von ME/CFS kontrovers diskutiert. Es geht dabei vor allem darum, welchen Anteil die Psyche an der Entstehung der Krankheit haben könnte. In einem SPIEGEL-Interview kritisierte die Psychotherapeutin Bettina Grande : »Allein die Tatsache, dass die Diagnostik keinen auffälligen Befund geliefert hat, reicht nicht, um Beschwerden als psychosomatisch einzuordnen«, sagte Grande. Genau das passiere aber. Ein angesichts der Krankheit vollkommen angemessenes Verhalten der Betroffenen werde im Sinne der Psychosomatik umgedeutet. »Wenn der Körper durch ME/CFS außer Rand und Band ist – plötzlich fallen einem Dinge aus der Hand, ein Bein knickt einfach weg – und der Mensch verständlicherweise beunruhigt ist, wird ihm vorgeworfen, er sei übermäßig auf seine Symptome fixiert.«
Athletin Beth Dobbin sagt, sie habe von vielen anderen Erkrankten gehört, dass ihnen nicht geglaubt wird oder Menschen denken, sie seien faul. »Mir ist das nie passiert. Denn warum sollte eine Sportlerin nach 20 Jahren plötzlich aufhören.« Aus diesem Grund wollte sie über ihre Krankheit sprechen.
ME/CFS ist bislang nicht heilbar. Ärztinnen und Ärzte können gemeinsam mit Betroffenen zwar einige Therapien und Medikamente ausprobieren, die manchen Erkrankten helfen, die wissenschaftliche Evidenz für sämtliche Verfahren ist jedoch gering – was vor allem daran liegt, dass lange kaum zu ME/CFS geforscht wurde. »Die Chance, dass Betroffene von allein wieder gesund werden, ist sehr klein«, sagte die an der Berliner Charité forschende Ärztin Carmen Scheibenbogen dem SPIEGEL . Sie beklagte, dass viele Erkrankte nicht einmal allgemein verfügbare Therapien erhalten. »Sie leiden etwa an starken Schmerzen, an schwersten Schlaf- oder Kreislaufstörungen, und diese Symptome lassen sich lindern. Doch oft passiert nicht einmal das.«
