SpOn 15.10.2026
17:13 Uhr

Bundeswehr: Wehrbeauftragter nimmt Pistorius bei Aufarbeitung sexueller Übergriffe in die Pflicht


In Sachsen-Anhalt sollen sich männliche Bundeswehrsoldaten einen Wettbewerb geliefert haben, wer mit mehr Kameradinnen Sex hat. Der Wehrbeauftragte Otte fordert Aufklärung – insbesondere durch Minister Pistorius.

Bundeswehr: Wehrbeauftragter nimmt Pistorius bei Aufarbeitung sexueller Übergriffe in die Pflicht

Nach den Recherchen des SPIEGEL zu mutmaßlichen sexuellen Übergriffen im Sanitätsregiment 1 der Bundeswehr in Weißenfels hat der Wehrbeauftragte des Bundestags Henning Otte (CDU) Aufklärung gefordert und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) in die Pflicht genommen. »Die allgemein steigende Zahl von Meldungen über sexuelles Fehlverhalten in der Bundeswehr muss für den Dienstherrn ein klarer Handlungsauftrag sein und zur Chefsache erklärt werden«, sagte Otte dem SPIEGEL.

Mit Blick auf die dringend benötigte Personalgewinnung müsse die Bundeswehr auch vermehrt junge Frauen für den Dienst gewinnen. Das werde nur gelingen, wenn Frauen darauf vertrauen könnten, dass sie in der Bundeswehr respektiert würden, vor Übergriffen geschützt seien und sich sicher fühlen könnten, so Otte.

Wehrbeauftragter Otte

Wehrbeauftragter Otte

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Nach SPIEGEL-Informationen steht der Verdacht im Raum, dass es unter männlichen Soldaten einen Wettbewerb gegeben hat, wer mit mehr Rekrutinnen Sex  hat. Hinzu kommen Vorwürfe wegen Drogenmissbrauchs. Das Bundesverteidigungsministerium hat Ermittlungen wegen möglicher Verstöße bestätigt.

Der Fall könnte sich für Pistorius zu einem handfesten neuen Skandal auswachsen. Der Verteidigungsminister hatte am Rande eines Besuchs des Flugabwehrmanövers »Spartan Arrow 2026« auf Kreta gesagt, dass solche Fälle »leider« immer wieder vorkämen. Man müsse in jedem Einzelfall mit der ganzen Palette der Möglichkeiten sanktionieren – »diejenigen, die die Taten begehen, aber auch diejenigen, die sie unterdrücken, die sie nicht melden, sie nicht verfolgen«. Man werde alles tun, um jeden Täter dingfest zu machen und gleichzeitig die Betroffenen besser zu schützen.

»Die Vorwürfe aus Weißenfels sind schwerwiegend und müssen umfassend, konsequent und transparent aufgeklärt werden. Sollten sich die Hinweise auf sexuellen Machtmissbrauch, die Ausnutzung dienstlicher Abhängigkeiten oder Drogenmissbrauch bestätigen, müsste das auch strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen«, sagte Otte. Für minderjährige Soldatinnen und Soldaten müsse ein besonderer Schutz gelten. Es brauche eine Kultur, in der Betroffene gehört, geschützt und unterstützt würden.

Befragung aller weiblichen Soldaten geplant

Nach SPIEGEL-Informationen sind die Ermittlungen in Weißenfels noch lange nicht abgeschlossen. Wegen der Brisanz der Vorwürfe will die Bundeswehr alle Soldatinnen, die in den letzten beiden Jahren bei dem Sanitätsregiment im Dienst waren, befragen, um ein komplettes Bild über die Lage in dem Verband zu bekommen. Von Ermittlern hieß es, die Recherchen könnten mehrere Monate in Anspruch nehmen.

Am Mittwoch hatten die stellvertretende Generalinspekteurin Nicole Schilling und der Befehlshaber Zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr, Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann, den Verteidigungsausschuss des Bundestags in vertraulicher Sitzung über den Stand der Ermittlungen informiert. Sie richten sich demnach derzeit gegen zehn Beschuldigte aus einem Zug des Regiments. Untersucht werden Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens. Auf Einzelheiten oder Abläufe wurde aber in der Sitzung nicht eingegangen.

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Zudem ermittelt die Bundeswehr laut der Unterrichtung auch wegen des Missbrauchs von Betäubungsmitteln, Bedrohung und Unterdrückung von Beschwerden. Mindestens eines der weiblichen Opfer, die zum Sex gedrängt worden sein sollen, war nach SPIEGEL-Informationen zum Tatzeitpunkt minderjährig. Wehrdienstleistende können mit Einverständnis ihrer Eltern schon vor dem 18. Lebensjahr in die Truppe eintreten; die Ausbildung an der Waffe wird bis zur Volljährigkeit aufgeschoben.

luc/pkr/mgb