»Freiheit für Palästina« ruft die Aktivistin, bevor ein Polizist sie am Kopf packt und zu Boden drückt. Dann schwenkt die Kamera auf das Gesicht des israelischen Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir, der grinsend durch die Menge marschiert. Auf weiteren Aufnahmen aus dem Auffanglager im israelischen Hafen Aschdod ist er mit überdimensionierter israelischer Flagge zu sehen, vor ihm Hunderte gefesselte Aktivistinnen und Aktivisten, zusammengekauert, die Hände auf den Rücken gebunden. Der Minister ruft: »Willkommen in Israel, wir sind hier die Hausherren.«
Mehr als 400 Menschen, von denen viele aus Europa stammen, waren zu Wochenbeginn vor der türkischen Küste von der israelischen Armee gefangengenommen worden. Sie waren Teil der jüngsten Global Sumud Flottille, die die militärische Blockade des Gazastreifens durchbrechen wollte.
Die Schwere der Misshandlungen und Ben-Gvirs Schadenfreude sorgen international für Entsetzen und scharfe diplomatische Reaktionen. Auch der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu distanzierte sich sogleich; einen Bruch mit dem verurteilten Extremisten in seinem Kabinett kann er dagegen nicht riskieren. Ben-Gvir könnte für ihn nach der Wahl in diesem Jahr wieder zu einem entscheidenden Mehrheitsbeschaffer werden.
Berichte über sexuelle Gewalt
Auf den Bildern, die der Minister am Mittwochnachmittag auf seinem X-Account unter der Überschrift »So nehmen wir Terrorunterstützer in Empfang« postete, ist zu sehen, wie er Gefangene beleidigt, wie Gefesselte im Freien in Stresspositionen auf dem Betonboden verharren müssen, während die israelische Nationalhymne »HaTikva« gespielt wird. »Ich sage zu Premierminister Netanyahu, überlass sie mir für eine noch viel, viel längere Zeit. Lass sie in Gefängnissen für Terroristen, so sollte es sein«, ruft Ben-Gvir in die Kamera.
Die israelische Marine hatte rund 40 Boote der Flottille in internationalen Gewässern im westlichen Mittelmeer aufgebracht. Dabei hatten die Soldaten die Besatzungen laut Auskunft der Organisatoren zunächst mit Funksprüchen dazu aufgefordert, den Hafen von Aschdod statt Gaza anzulaufen, Einsatzboote hatten die Schiffe bedrängt und Kommandoeinheiten diese schließlich geentert. Dabei sollen die Soldaten auch mit gummiummantelten Patronen gefeuert haben.
Die Rechtsanwältin Suad Bishara von der palästinensisch-israelischen Menschenrechtsorganisation Adalah, die einige der Gefangenen in Aschdod besuchen konnte, berichtete von Verletzungen durch Gummigeschosse und Schläge, mehrere Personen hätten über starke Oberkörperschmerzen geklagt, möglicherweise Folge von gebrochenen Rippen. Etliche Gefangene hätten auch über sexuelle Gewalt geklagt, vor allem über entsprechende Beleidigungen. Insgesamt sei das Muster an Misshandlungen »wesentlich härter« als zuvor gewesen, berichtete Bishara.
