Dass der Literaturwissenschaftler Koschorke, 67, vorschlägt, sich für ein Gespräch über sein neues Buch in Zürich zu treffen, hat eine besondere Bedeutung: »Souveränität der Vernunft« handelt von der Geburt des Liberalismus, und tatsächlich gelang 1848 in der Schweiz nicht nur, was im benachbarten Deutschland scheiterte: einen Staat aus dem Geist des liberalen Denkens zu begründen. Aber auch ein anderer Strang des Liberalismus zeigt sich in Zürich an jeder Straßenecke: die Feier von Besitz und Geld. Koschorke lebt nicht weit entfernt in Konstanz. Er ist einer der profiliertesten Germanisten Deutschlands.
Literaturwissenschaftler Koschorke: »Wenn alle Menschen gleich sind – wo liegt dann die Souveränität?«
Foto:Universität Konstanz
SPIEGEL: Herr Koschorke, die Bundesregierung versucht sich gerade an einem »Frühling der Reformen«. Wer ein System reformieren will, muss Menschen auf die Füße treten. Das geht nur, wenn man ihnen vermitteln kann, dass der aktuelle Verzicht sich langfristig lohnt. Warum scheint das heute so schwer?
Koschorke: Die allgemeine Antwort wäre, dass der Gestus der Reform sich doch erheblich verbraucht hat. Das war mal anders, er hatte lange enormen mentalitätsgeschichtlichen Rückenwind. Der Begriff der »Reform« war in großen Teilen der Bevölkerung positiv konnotiert. Das scheint vorbei zu sein. Die konkrete Antwort wäre, dass die politischen Handlungsspielräume kleiner geworden sind. Die Vorstellung, dass der Staat eine bessere Zukunft garantieren könnte, ist nicht mehr glaubhaft und wird deshalb auch gar nicht mehr in Anschlag gebracht. Es geht um einen Rückbau ohne Versprechen – da will niemand gern mitmachen.
