SZ 03.08.2026
04:17 Uhr

USA: Die Posse um den Pool


Der US-Präsident und seine Leute machten einen früheren Olympiasportler für das verkorkste Reflexionsbecken in Washington verantwortlich. Inzwischen hat auch die Justiz erkannt, dass Trumps Handwerker gepfuscht haben.

USA: Die Posse um den Pool
Passanten spähen in Washington über den Zaun. Elizabeth Frantz/REUTERS

Im Kanuslalom war David Hearn Weltmeister und für die USA auch dreimal bei Olympischen Spielen, zuletzt 2000 in Sydney. Vor ein paar Wochen wollte sich der inzwischen 67 Jahre alte Mann dann mal ansehen, was aus dem Reflecting Pool in Washington geworden ist. Donald Trump ließ dieses Spiegelbecken am Lincoln Memorial ja vor dem 250. Geburtstag der Nation noch schnell renovieren, es ging dabei allerdings einiges schief.

Das Wasser werde so blau wie die amerikanische Flagge, hatte der Präsident versprochen. Entsprechend strich eine Firma das Fundament, den Auftrag vergab Trump wie bei ihm üblich an einen Bekannten. Gut 13 Millionen Dollar soll das Manöver gekostet haben. Doch nun schwammen da nicht nur grüne Algen – es blätterte obendrein großflächig die frische Farbe ab. Hearn also nahm ein Stück Blau in die Hand, als er Mitte Juni im Rahmen einer Radtour vorbeischaute.

Dann kam die Parkpolizei und legte ihm Handschellen an. Der Verhaftete beteuerte zwar schon damals, dass er nur angefasst habe, was sich bereits ablöste. „Ich habe nichts beschädigt.“ Aber das Justizministerium warf ihm trotzdem Vandalismus vor. Das passte dem Bauherrn ausgezeichnet, um vom Pfusch der von ihm beauftragten Unternehmer abzulenken. „Radikal-linke Verrückte“ seien schuld am Zustand des wunderbaren Reflecting Pools, behauptete Trump.

Anfang Juli wurde Hearn als mutmaßlicher Straftäter angeklagt, eine Verurteilung hätte ihn ins Gefängnis bringen können. „Vandalismus an geschätzten Orten wie dem Reflecting Pool ist ein Affront gegen unsere gemeinsame Geschichte und die Würde unseres nationalen Erbes“, sagte die für die Hauptstadt zuständige US-Staatsanwältin Jeanine Pirro, eingesetzt von Trump. „Wir werden zweifelsfrei nachweisen, dass Hearn vorsätzlich Eigentum zerstört hat.“ Dies sei „nicht nur für den Präsidenten eine Priorität, sondern auch für mich“.

Da taten die Ankläger so, als habe der Angeklagte mit Gewalt ganze Bahnen blauer Farbe aus diesem Reflecting Pool herausgeschnitten. Aber inzwischen hat zumindest die Juristin Pirro ihre Meinung geändert, denn am vergangenen Freitag wurde der Fall „United States v. David Hearn“ begraben. Nach Erhebung der Anklage seien Informationen eingegangen, welche „die Beweisgrundlage für die Anklage erheblich erschüttern“, heißt es in dem 20 Seiten langen Schriftstück.

Das US-Innenministerium, liest man da, habe der Staatsanwaltschaft Dokumente zukommen lassen, aus denen hervorgehe, dass der im Juni aufgetretene Schaden „die Folge einer fehlerhaften Installation durch den Auftragnehmer Atlantic Industrial Coatings“ war. Verantwortlich macht Pirro jetzt auch „die Eile bei der Fertigstellung des Projekts im Vorfeld der Veranstaltungen zur ‚America 250‘-Feier rund um den Unabhängigkeitstag 2026“.

Peinlich ist diese Wende außer für den Innenminister und Trump-Vertrauten Doug Burgum, der die missglückte Reparatur offiziell überwachte, vor allem für dessen Boss im Weißen Haus. Doch Trump wäre nicht Trump, wenn er das so stehen lassen würde. Er sei „zu 100 Prozent anderer Meinung“ als Staatsanwältin Pirro, berichtete er in seinem Netzwerk Truth Social. „Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht hat. Für mich war es ein klarer Fall von Vandalismus.“

Es möge „zwar gewisse Probleme mit den Auftragnehmern gegeben haben, aber der massive Schaden wurde von Vandalen verursacht!“, betonte der Präsident. Die Wörter „Vandalismus“ und „Vandalen“ schrieb er groß. Ein anderer seiner Posts lautete: „Sehen Sie sich selbst den Vandalismus an, der am Reflecting Pool stattgefunden hat. Das Material wird mit einem Messer oder einem Teppichmesser aufgeschnitten – für alle sichtbar!“

Donald Trump macht sie für die Schäden am Reflecting Pool in Washington verantwortlich. Die echten Namensträger hätten gleich die gesamte Hauptstadt demoliert, so wie in Rom 455 nach Christus.

Sichtbar war da allerdings nur, dass mehrere Menschen des Reinigungspersonals mit langen Stangen im Wasser stocherten, um die Algen und Farbsplitter herauszufischen. Außerdem begaben sich Neugierige an die Ufer, einer hielt die Hand in den Pool, von Zerstörung keine Spur. „Schließlich ergab eine kürzlich ausgeführte Sichtprüfung Schäden im gesamten Bereich des Reflecting Pool“, stellte die neue Expertise aus dem Justizministerium fest – „selbst in der Mitte des Beckens, wo ein Vandalismus-Täter wohl kaum versuchen würde, die Auskleidung abzuziehen“.

Es ist wieder eine Posse, die sich kaum erfinden ließe. Und erneut bricht eine Causa im Namen Trumps in sich zusammen. Das Verfahren gegen Hearn hätte niemals eingeleitet werden dürfen, sagen dessen Verteidiger, darunter Norm Eisen vom Democracy Defenders Fund. Die Einstellung des Verfahrens mache den Missbrauch staatlicher Macht nicht ungeschehen – die Regierung handle nach dem Prinzip „bereit machen, feuern, zielen“ und schulde Hearn eine Entschuldigung. Der Versuch, den Reflecting Pool irgendwie blau zu bekommen, geht derweil weiter.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes haben wir die Staatsanwältin Jeanine Pirro beim falschen Vornamen Jeanette genannt. Daneben haben wir fälschlicherweise geschrieben, dass David Hearn zuletzt an den Olympischen Spielen 2000 in Peking teilgenommen hat. Richtig ist, dass die Spiele 2000 in Sydney stattfanden.

Fifa-Präsident Gianni Infantino soll vor dem Justizausschuss des Repräsentantenhauses aussagen sowie die gesamte Kommunikation mit der Trump-Regierung offenlegen.

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