SZ 08.09.2026
08:04 Uhr

US Open im Tennis: Zverev siegt und kommt dem Finale immer näher


Der deutsche Tennisprofi überzeugt gegen den Italiener Darderi – und gewinnt sogar vor Mitternacht. Er wählt jetzt eine Strategie, die ihn schon zum Triumph bei den French Open führte.

US Open im Tennis: Zverev siegt und kommt dem Finale immer näher
Alexander Zverev beendete sein Match bei den US Open diesmal zu ungewohnt früher Uhrzeit.
Frank Franklin II/AP/dpa

Diesmal riss er die Arme nicht hoch, er zog sich nicht das Shirt aus, um mit nacktem Oberkörper ans Netz zu schreiten, wie in Runde zwei der US Open. An diesem Montagabend zelebrierte Alexander Zverev seinen Sieg im Achtelfinale so aufgeräumt, wie er gespielt hatte. Ein kurzes Nicken, dann marschierte er nach vorn. Dort stand der für Italien startende Luciano Darderi, 22. der Weltrangliste, in Argentinien geboren, und gratulierte. So unspektakulär hatte keines der zuvor drei Matches Zverevs geendet. Mit 6:2, 6:2, 7:6 (3) hatte sich der deutsche Weltranglistenzweite nach 2:30 Stunden durchgesetzt. Nur die Schlussphase war eng.

„Ich fand, mein Niveau war sehr konstant, er steigerte sich aber sehr“, sagte Zverev beim Interview auf dem Platz im Arthur Ashe Stadium: „Ich bin froh, im Viertelfinale zu sein, und bin glücklich, wie ich spielte.“ Angesichts der für ihn eher kurzen Spieldauer – er hatte schon tief in der Nacht Partien beendet – sagte er: „Ich weiß nicht, was ich machen soll, es ist vor Mitternacht. Vielleicht trainiere ich noch oder gehe in eine Bar.“ Um Missverständnisse auszuschließen, ergänzte er: „Leider war das ein Witz.“

In New York kocht eine Debatte hoch: Sind die vom Grand-Slam-Turnier gewünschten Horden von Influencern eine Plage oder ein Segen für den Tennissport?

Im Match saßen seine Pointen besser, wobei der Sandplatzspezialist Darderi kein wirklicher Test war. Zverevs Schläge waren härter, konstanter, präziser, ohne zu rumpeln spulte er sein Grundlinientennis ab. Und er wirkte auch von der Körpersprache so, als wollte er nicht wie in den ersten Runden gegen den Italiener Lorenzo Sonego und den Franzosen Quentin Halys ewig auf dem Platz stehen. Es geht jetzt auf die Zielgerade Richtung Finale. Und Zverev weiß offensichtlich, was zu tun ist. Er muss vieles einfach so machen wie in Paris, wo er im Juni erstmals einen Grand-Slam-Titel errang.

Die dreimalige Grand-Slam-Gewinnerin Angelique Kerber war eine Meisterin darin, während der zweiwöchigen Turniere nichts zu verkomplizieren. Sie legte Wert auf Rituale, auf die gleichen Abläufe. Zverev hat einen identischen Ansatz für sich entdeckt. Im Grunde war in New York mit seinem ersten Sieg im Marathonduell mit Sonego, das um 1.55 Uhr endete, Zverevs Fahrplan entschieden. Er bekam zum Start das zweite Match in der „Night Session“ zugeteilt, seitdem gibt er diesen Slot nicht mehr her. Beim Interview auf dem Platz hatte er gesagt: „Ich werde wieder um ein Nachtmatch anfragen.“ Später, gegenüber deutschen Reportern, versicherte er: „Die werde ich auch bekommen.“ Am Mittwoch findet nur eine Männerpartie am Abend statt.

Für Zverev geht es darum, im Rhythmus zu bleiben. Deshalb kämpfte er sogar um die spätestmögliche Ansetzung. Und das Turnier tat ihm alle Gefallen bisher. Auch deshalb, weil sich an den Tagen, an denen Zverev spielte, kein anderer aufdrängte, der sich ins Schaufenster stellen ließ. Der siebenmalige Grand-Slam-Sieger Carlos Alcaraz aus Spanien, nach vier Monaten Verletzungspause zurückgekehrt, spielte stets an den anderen Tagen, an denen Zverev nicht im Einsatz war. Das Muster, mit dem der Deutsche durchs Turnier pflügt, sah seitdem so aus: Zverev kam, nach einer Frauenpartie, zwischen 21 und 23 Uhr auf den Platz im Arthur Ashe Stadium. Er spielte gegen einen Gegner, der Außenseiter ist. Zverev dominierte, hatte dann mal Schwächephasen, schlug zurück, schoss Bälle ins ausgedünnte Publikum.

Dann ließ er die Pressekonferenz im Hauptraum ausfallen, stattdessen sorgte er dafür, dass die paar verbliebenen Journalisten in die „Hallway“ kommen, den Gang, der zum Center Court hinausführt. Die internationalen Medien ignorieren ihn ohnehin weitgehend, wie fast immer. Zwei Fragen auf Englisch, drei auf Deutsch, dann war er weg, wenig Substanzielles hinterlassend. So war es selbst am Montag, obwohl Zeit genug für eine PK im großen Raum gewesen wäre. Aus Zverevs Sicht ist diese Strategie clever. Er lässt wenig Energieverluste außerhalb des Platzes zu.

Und so fällt umso mehr auf, dass er sich ähnlich wie in Paris verhält. Dort hatte er sich auch abgeschottet. Am Bois de Boulogne war Zverev, nachdem Alcaraz fehlte und Jannik Sinner sowie der Serbe Novak Djokovic ausgeschieden waren, erstmals in der Top-Favoritenrolle gelandet. Öffentlich gab er sich cool und unbeeindruckt. Später verriet er, dass er überhaupt nicht cool und unbeeindruckt gewesen war: „Ich habe das gefaked bis zum Gehtnichtmehr. Jetzt kann ich auch ehrlich sein. Ich habe mich selbst angelogen. Für meinen eigenen guten Zweck“, offenbarte er bei Sky. Und weiter: „Ich wusste, dass, wenn ich gutes Tennis zeigen kann, dass ich das Turnier wirklich gewinnen kann und gewinnen muss.“ Öffentlich hätte er sich mit solchen Sätzen während des Turniers nur unnötig unter Druck gesetzt.

Dass seine Herangehensweise ein zweites Mal aufgehen könnte, liegt indes auch an Umständen, für die Zverev nichts kann, die aber seine Chancen verbesserten. Da der Weltranglistenerste Sinner aus Italien verletzt passen musste, wurde Zverev erstmals in seiner Karriere an Nummer eins bei einem Grand-Slam-Turnier gesetzt. Die Auslosung war für ihn günstig. Alcaraz als Nummer zwei befindet sich in der unteren Hälfte des Feldes, in dem 128 Spieler starteten. Dann schieden diverse gesetzte Konkurrenten in der Hälfte Zverevs aus. Seine Gegner wurden von Runde zu Runde angenehmer, er selbst steigerte sich. Und die weiteren Aussichten? Prächtig. Bemerkenswert war am Montag nur, dass Zverev nicht wusste, wann genau das Endspiel startet. „Ist das Finale um 14 Uhr?“, fragte er die Reporter. Seinen Rhythmus müsste er dann umstellen, sollte er bis Sonntag im Turnier bleiben.

Sein nächster Gegner am Mittwoch wird der Niederländer Botic van de Zandschulp, 30, sein. Der 70. der Weltrangliste erreichte zum zweiten Mal nach 2021 das Viertelfinale der US Open, ist aber sonst einer, der nicht ganz vorn mitspielt. Gegen Zverev wird er schwer gezeichnet antreten müssen. In Runde drei gegen den Belgier Zizou Bergs stand er 4:29 Stunden auf dem Platz, am Montagabend gegen den Franzosen Arthur Géa 5:13 Stunden. Auch die zwei infrage kommenden Halbfinalgegner mussten Körner lassen. Der Russe Karen Chatschanow benötigte fünf Sätze gegen das US-Talent Learner Tien, der Belgier Alexander Blockx wusste nach einer Schlacht gegen den Argentinier Francisco Cerúndolo nicht mal, ob er fit werde fürs Viertelfinale gegen Chatschanow. Ihn plagte offenbar eine Bein- und Rippenverletzung.

„Das Feld wird nicht leichter, ich erwarte schwere Matches“, das hatte Zverev vor dem Achtelfinale gegen Darderi gemeint. Vielleicht lächelt er auch heimlich darüber, was er in New Yorks Katakomben so alles sagte, um bloß seine Ruhe zu haben. Mit einer Sache hatte er allerdings recht. „Alcaraz ist im Draw, und ich finde, dass er jedes Match besser und besser spielt“, sagte er. Sollte es der 23-Jährige ins Finale schaffen, wäre eines klar: Die US Open wären für Zverev dann doch nicht ganz wie die French Open.

Das Arthur Ashe Stadium vibriert und dröhnt wie kein anderer Centre Court. Profis wie Alexander Zverev fasziniert dieses Spektakel – das zu einem „Tennis-Disneyland“ wachsen soll.

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