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06.09.2026
11:25 Uhr
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Vorsprung, Rückstand, egal, immer nach vorne: Mit couragiertem Offensivfußball beeindruckt die SV Elversberg die Bundesliga-Konkurrenz. Und wundert sich nicht mal darüber.

Die schönste Schlag(er)zeile der Sport-Vereinigung Elversberg dröhnte am Samstagabend im Viervierteltakt aus dem Kabinengang der Gäste im Borussia-Park: „Der Zug hat keine Bremse“, wummerte es dort, nachdem die Fußballer aus dem gallischen, nein: saarländischen Dorf auch ihr zweites Bundesligaspiel gewonnen hatten. Nicht irgendwie und nicht bei irgendwem, sondern mit 4:3 bei Borussia Mönchengladbach, nach einem 1:3-Rückstand.
Zwei Siege in seinen ersten beiden Bundesligaspielen hat der tapfere Aufsteiger aus dem historisch kleinsten Ligastandort nun hingezaubert. Nie zuvor hatte ein Neuling in seinen ersten beiden Spielen sieben Tore geschossen. Unter allen 59 Bundesligaklubs im Laufe von 63 Bundesligajahren ist Elversberg momentan der einzige, der eine 100-prozentige Siegquote aufweist. Die 13 000-Einwohner-Stadt Spiesen-Elversberg hat zwar gar keinen Bahnhof, trotzdem rast der Zug von dort aus ohne Bremse durch die Fußballrepublik.
Die Münchner wissen schon lange von den Zusammenbrüchen ihres Nationalspielers. In Dortmund gibt es viele junge Gesichter und im Saarland ein Stadion, das allen gefährlich werden kann. Der Talk zum Liga-Auftakt.
Wer glaubt, die Elversberger lägen sich deshalb glücksbeduselt in den Armen, wurde im Souterrain des Gladbacher Stadions Zeuge einer skurrilen Szene. „Jetzt freu’ dich doch mal!“, neckte grinsend der Trainer Vincent Wagner den recht ernst dreinschauenden Sportdirektor Christian Weber, der all das, was da gerade geschah, offenbar noch gar nicht richtig fassen konnte.
„Ich habe mich sehr, sehr, sehr gefreut“, sagte Weber später zur SZ, „aber ich freue mich da auch ein Stück weit nach innen.“ Die Siege gegen Leverkusen und Mönchengladbach sind zuallererst mal Ausdruck des fußballerischen Vermögens dieser klug zusammengestellten Mannschaft – trotzdem räumte Weber ein: „Ich glaube schon, dass wir aktuell auf einer Welle der Euphorie surfen.“ Der 42-Jährige, erst im April als Nachfolger des zu Borussia Dortmund gewechselten Sportdirektors Ole Book nach Elversberg gekommen, sagte: „Es ist außergewöhnlich, wie wir jetzt schon in zwei Spielen geschafft haben zu beweisen, dass wir in der Bundesliga mithalten können.“
2:0 hatten die Elversberger im ersten Spiel gegen Leverkusen nach neun Minuten geführt und in der 46. Minute das 3:0 nachgelegt, ehe sie zwei Gegentore einsteckten und am Ende ein 3:2 über die Zeit retteten. Diesmal, in Mönchengladbach, zeigten sie, dass sie auch eine konträre Dramaturgie beherrschen. Gladbachs 1:0 durch Hugo Bolin (11.) glich David Mokwa zeitnah aus (20.), ehe Gladbach wieder durch Bolin (44.) und Joe Scally (56.) auf 3:1 davonzog. Niemand hätte sich in diesem Moment wundern dürfen, wenn sich die junge und Bundesliga-unerfahrene Elversberger Mannschaft angesichts solcher Nackenschläge getrollt hätte. Aber so tickt diese Mannschaft einfach nicht, und diese Mentalität ist offenkundig ein wichtiger Bestandteil ihres bisherigen Erfolgs.
Der Sportchef Weber sagt: „Diese Mannschaft verkörpert die Gewissheit, dass sie immer weiter Fußball spielt, immer mutig bleibt, immer offensiv denkt und immer zurückkommen kann.“ Das sei die „Elversberg-DNA“, die auch jeder neue Spieler eingeimpft bekomme. Und so spielten sie auch bei 1:3-Rückstand in Gladbach unermüdlich und mutig weiter ihren Offensivfußball, bis der beim FC Bayern ausgebildete Maurice Krattenmacher, 21, in der 66. Minute zum 2:3 anschloss; bis Felix Keidel, 23, in der 80. Minute mit einem wunderschönen Freistoß zum 3:3 ausglich; und bis wieder Krattenmacher in der zweiten Minute der Nachspielzeit sogar noch den 4:3-Siegtreffer erzielte. 2000 mitgereiste Elversberger Fans trauten ihren Augen nicht.
„Diese Mannschaft hat Courage, sie hat bei 3:3 nicht auf Halten gespielt“, schwelgte der Trainer Wagner, 40, der den Showdown aus dem Oberrang anschauen musste. Kurz vor und in der Pause nämlich hatte er aus Groll über eine falsche Einwurfentscheidung zugunsten Gladbachs, die zum 2:1 führte, das Spielfeld betreten und den Schiedsrichter Martin Petersen streng angeschaut, wofür er mit Gelb-Rot bestraft wurde (Petersen: „Unsportlichkeit!“ – Wagner: „Stiller Protest!“).
Die Verbannung vom Spielfeldrand nach oben unters Stadiondach ermöglichte Wagner einen ungewollten, aber umso besseren Blick auf das Geschehen, sodass er hinterher sagte: „Wir sind eine extrem geile Einheit, wir glauben an uns, wir können sehr gut Fußball spielen und wissen das auch. Wir sind stabil, haben eine coole Mentalität auf und neben dem Platz.“ Wagner ist studierter Sport- und Geschichtslehrer und kann emotionale Referate halten. Sein schönster Satz über die beiden Siege in den ersten beiden Bundesligaspielen aber war extratrocken: „Mich wundert das nicht!“
Nach dem Spiel musste Wagner bald weg. Am Abend war er Gast im ZDF-„Sportstudio" und schilderte seinen außergewöhnlichen Lebensweg vom Lehrer am Essener Leibniz-Gymnasium zum Bundesliga-Trainer in Elversberg. Wagner hat einst als Innenverteidiger viele Jahre für Rot-Weiss Essen gespielt, kann also mit dem Ball ein bisschen umgehen. An der Torwand im Sportstudio schoss er in Socken und traf je einmal unten und oben.
Am nächsten Sonntag (17.30 Uhr) empfängt er mit seiner Mannschaft zum Spitzenspiel einen FC Bayern, der mit zwei Punkten weniger in der Tabelle momentan sogar hinter den Elversbergern steht. Dass er allerdings wegen seiner gelb-roten Karte gegen die Bayern gesperrt sein wird, versucht er gelassen zu nehmen. „Ich habe ein sehr gutes Trainerteam“, sagt er, „und ich freue mich für meine Co-Trainer Pascal Bieler und Mike Frantz, dass sie dann ein bisschen mehr in den Fokus rücken.“
Auch der Sportchef Weber hat keine Angst vor den Bayern. „Das wird ein Spiel, das wir einfach nur genießen müssen“, sagt er, „ein Bonusspiel.“ Mal sehen, wer am Ende die Bonuspunkte einstreicht.
Frank Holzer steht kurz davor, seinen Klub aus dem Amateursport direkt in die Bundesliga zu führen. Der Verein muss nun noch die beiden Relegationsspiele überstehen, dann ist das Kunststück perfekt.
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