SZ 08.03.2026
21:45 Uhr

Kommunalwahlen in Bayern: Die AfD wartet vergebens auf die „blaue Welle“


Die AfD hatte sich Hoffnungen gemacht, in Bayern einen Bürgermeister zu stellen oder einen Landrat. Doch im Laufe des Wahlabends platzen die Stichwahl-Träume. Nun hofft die Rechtsaußen-Partei auf Zugewinne in Kreistagen und Gemeinderäten.

Kommunalwahlen in Bayern: Die AfD wartet vergebens auf die „blaue Welle“
Für die AfD zählt, in welche, mit wie viel Prozent und in wie viele kommunale Parlamente sie in Bayern einzieht oder wo sie sich behaupten kann. Daniel Karmann/dpa

Am frühen Sonntagabend ist die Aussicht noch gut bei der AfD. Jedenfalls hier, in Dingolfing. Die Wahlparty steigt in der Oberen Stadt, in einem Wirtshaus mit sehr hübschem Blick über die Dächer der Altstadt. „Schauen wir mal, ob wir es in die Stichwahl schaffen“, sagt Stephan Protschka, der AfD-Landratskandidat. „Wir lassen uns überraschen.“

Wenig später, um 18 Uhr, läuten die Kirchenglocken in Dingolfing. Die Wahllokale sind jetzt geschlossen. Um 18.36 Uhr steht Protschka vor dem Wirtshaus, raucht eine Zigarette und sagt: „Das ist gelaufen.“ Er schaut in sein Handy, sieht die Zwischenergebnisse auf der Homepage des Landratsamts. Platz zwei für den AfD-Kandidaten, aber die Stichwahl ist schon jetzt in weiter Ferne. Am Ende wird Protschka gut 18 Prozent holen. Der alte und neue Landrat Werner Bumeder (CSU) setzt sich mit gut 65 Prozent klar im ersten Wahlgang durch.

Zwei Fragen waren ja besonders oft durch diesen bayerischen Kommunalwahlkampf gegeistert: Wie tief kann sich die AfD in die Kreistage, Stadt- und Gemeinderäte hineinfressen? Und hat sie sogar Chancen, irgendwo einen Bürgermeister zu stellen oder einen Landrat?

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Dingolfing-Landau gehörte zu den wenigen Landkreisen, in denen eine Stichwahl für den AfD-Kandidaten nicht völlig außerhalb jeder Vorstellungskraft zu liegen schien. Bei der jüngsten Bundestagswahl hatte die Rechtsaußen-Partei hier fast 29 Prozent bekommen. Ihr Direktkandidat Protschka holte damals mehr Prozente (26,4) als Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger (21,7). Aber wenn nun die „blaue Welle“ selbst in Dingolfing nicht ins Rollen kommt, ja, wo denn dann in Bayern?

Neben Dingolfing-Landau hatte sich die Rechtsaußen-Partei auch anderswo Stichwahl-Hoffnungen gemacht. Besonders oft genannt wurden parteiintern die Landratswahlen in Günzburg, Bamberg-Land, Unterallgäu oder im Landkreis Rosenheim. Überall dort hatte die AfD relativ gute Ergebnisse bei der Bundestagswahl geholt. Und überall dort war sie mit ihren jeweiligen Landtagsabgeordneten angetreten.

In Günzburg kam AfD-Kandidat Gerd Mannes mit gut 24 Prozent der Stimmen auf Platz zwei. Letztlich setzte sich der amtierende CSU-Landrat Hans Reichhart aber mit 57 Prozent bereits im ersten Wahlgang durch. Auch in Bamberg-Land lag CSU-Kandidat Johannes Maciejonczyk laut vorläufigem Endergebnis mit gut 58 Prozent mehr als deutlich vor AfD-Kandidat Florian Köhler (rund 18). In Unterallgäu und Rosenheim schafften es die AfD-Bewerber Christoph Maier und Andreas Winhart jeweils nur auf den dritten Platz.

Er glaube fest daran, „nach der Stichwahl erster westdeutscher AfD-Landrat“ zu sein, hatte Stephan Protschka im Wahlkampf gesagt. Nun ist er bereits im Rennen um die Stichwahl gescheitert, und das nicht mal knapp. „Dass es so klar wird, hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht“, sagt Protschka am Sonntagabend. Er sei schon „ein bisschen enttäuscht“. Aber eine Kommunalwahl sei für die AfD eben immer noch schwieriger als eine Landtags- oder Bundestagswahl. Insgesamt sei die Kommunalwahl „nicht schlecht“ gelaufen für die AfD, aber auch „nicht überragend“. Na ja, sagt Protschka lapidar, „dann haben wir halt keinen ersten AfD-Landrat im Westen, ist ja wurscht.“

Rund 50 Leute sind zur AfD-Wahlparty in Dingolfing gekommen, überwiegend Helferinnen und Helfer im Wahlkampf. Man sieht blaue AfD-Kappen, blaue AfD-Jacken. Einer trägt eine rote Donald-Trump-Kappe, „Make America Great Again“. Um 20.30 Uhr ist die Hälfte der Menschen bereits wieder gegangen. Stephan Protschka ist noch da und wischt durchs Handy. Zeichnet sich doch noch irgendwo in Bayern eine Stichwahl ab? Es sehe nicht danach aus, sagt Protschka.

„Bayern wird blau“, auch das hatte der AfD-Landeschef vor der Wahl prophezeit. CSU-Chef Markus Söder hatte dagegen gewettet: „Die AfD wird kein Rathaus in Bayern übernehmen.“ Hinter vorgehaltener Hand hatte man das auch in der AfD oft gehört. Wer Bürgermeister werden möchte oder Landrat, braucht ja 50 Prozent der Stimmen. Das sei eine sehr hohe Hürde, hieß es, selbst in den AfD-Hochburgen im Freistaat.

Nun bleibt der AfD noch die Hoffnung auf hohe Zugewinne in den Kreistagen, Stadt- und Gemeinderäten. Bei der Kommunalwahl 2020 war sie ja noch mit relativ wenigen Kandidatinnen, Kandidaten und Listen angetreten – und hatte auch deshalb ein relativ niedriges Gesamtergebnis in den Landkreisen und kreisfreien Städten geholt: 4,7 Prozent. Zumindest dieses Resultat dürfte die AfD bei der Kommunalwahl 2026 deutlich gesteigert haben, und das, obwohl sie in vielen kleineren Kommunen erneut keine Kandidatinnen und Kandidaten mobilisieren konnte. Lediglich in den Landkreisen und Großstädten trat sie flächendeckend an.

„Wir haben nichts zu verlieren gehabt. Wir haben gewonnen, wir sind bekannter geworden“, sagt Landeschef Protschka bei seiner Rede im Wirtshaus. Im Kreistag Dingolfing-Landau gehe er davon aus, dass die AfD ihre Mandate in etwa verdoppeln werde – von derzeit vier auf acht. Anderswo könnte das ähnlich sein. „Ganz so schlecht“ sei das ja nicht, sagt Protschka.

Für eine finale Bewertung ist es am Sonntagabend aber noch zu früh. Alle Städte und Gemeinden werden wahrscheinlich erst im Laufe der Woche ausgezählt sein. In einzelnen Kommunen stehen aber bereits hohe Zugewinne fest, etwa in Augsburg. Dort kommt die AfD im Stadtrat auf 18,7 Prozent der Stimmen. Vor sechs Jahren waren es noch 6,6 Prozent. Dass die AfD insgesamt stärker geworden ist, lässt sich auch daran ablesen, dass mehrere ihrer Kandidaten auf Platz zwei gelandet sind – wenn auch überwiegend weit entfernt von einer Stichwahl.

Beim Gesamtergebnis in Bayern rechne er damit, dass „wir gut zweistellig werden“, sagt Landesparteichef Protschka. Gemessen an den hohen Zielen, die sich die AfD gesetzt hatte, wäre ein niedriges zweistelliges Ergebnis allerdings eine Enttäuschung für die Rechtsaußen-Partei. In landesweiten Umfragen lag sie zuletzt zwischen 18 und 19 Prozent.

Wer sind die neuen Bürgermeister und Landräte, wo kommt es zu einer Stichwahl und welche Mehrheiten gibt es in den Stadträten und Kreistagen? Ein Überblick in Karten und Grafiken.

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