|
10.03.2026
15:20 Uhr
|
Manchmal erstreckt sich Kommunalpolitik über mehrere Generationen. Wo nach der Wahl in Bayern Ämter und Mandate in der Familie bleiben.

Doris Wüstner war als CSU-Politikerin stellvertretende Bürgermeisterin von Herzogenaurach, ihre Schwiegertochter Sandra Wüstner sitzt für die SPD im Stadtrat. Enkelin Joy Wüstner kommt nun für die Linke hinzu. Foto: Max Weinhold Hernandez
In den Stadt- und Gemeinderäten in Bayern geht es meistens deutlich familiärer zu als in den Parlamenten in München, Berlin und Brüssel. Ganz buchstäblich familiär wird es da, wo Ämter und Mandate von einer Generation auf die nächste übergehen. Ein Überblick in Beispielen nach der Kommunalwahl vom Sonntag.
Gewissermaßen zum Familienrat wird das Kommunalparlament in Herzogenaurach. Während Sandra Wüstner für die SPD nach 2014 und 2020 zum dritten Mal in den Stadtrat eingezogen ist, gelang dies ihrer Tochter Joy Wüstner am Sonntag erstmals. Weil die 20-Jährige aber als Linken-Kandidatin angetreten ist, stehen den Wüstners nun kommunalpolitische Debatten ins Haus.
„Wir werden uns ganz sicher auch mal fetzen, weil wir nicht immer einer Meinung sind“, sagt Sandra Wüstner, 54. Ihre Tochter widerspricht da nicht, kündigt aber an: „Wir werden den Stadtrat nicht mit nach Hause nehmen.“ Ob sie diesen Vorsatz einhalten können, ist allerdings fraglich, weil es in ihrer Familie noch eine weitere Frau mit ausgeprägtem kommunalpolitischem Interesse gibt: Doris Wüstner, 80, war zwölf Jahre lang stellvertretende Bürgermeisterin – als CSU-Politikerin.
Weniger Erfolg als die Wüstners hatte in Herzogenaurach übrigens die Familie Nussel: Vater Walter Nussel, langjähriger Landtagsabgeordneter der CSU, gelang zwar der neuerliche Einzug – sein Sohn Daniel Nussel verpasste diesen als Bewerber der Jungen Union aber knapp.
Eine Generation setzen die Historiker mit 30 Jahren an. Demnach könnte die Gemeinde Krün im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ihre Bürgermeister beinahe in ganze Generationen einteilen: Nur drei davon gab es dort in den 70 Jahren seit 1956. Am 1. Mai dieses Jahres übernimmt nun der vierte, und auch er fügt sich fast in die Generationenfolge. Denn der gerade gewählte Thomas Albrecht (CSU) tritt ein Amt an, das schon sein Großvater Josef Zahler von 1972 bis 2002 innehatte.
Seit 2002 und noch bis Ende April regiert in Krün Thomas Schwarzenberger, der inzwischen oberbayerischer Bezirkstagspräsident ist. Und auch Schwarzenberger war als Bürgermeister schon indirekt auf seinen Großvater gefolgt, nämlich auf Johann Neuner, der von 1956 bis 1972 im Rathaus saß. Das Amt bleibt also abwechselnd in zwei Familien. Unter direkter politischer Aufsicht seiner Mutter wird der neu gewählte Bürgermeister mit seinen 35 Jahren aber nicht mehr stehen: Anneliese Albrecht trat nach drei Wahlperioden nicht mehr für den Gemeinderat an.
Im niederbayerischen Gerzen, Kreis Landshut, wurde am Sonntag ein Mann namens Max-Emanuel Montgelas zum ehrenamtlichen Bürgermeister gewählt. Für den 29-jährigen CSU-Mann ist der Posten in der 1900-Einwohner-Gemeinde das erste größere Amt. Er tritt damit in die Fußstapfen seines Vaters, der zwischen 2014 und 2020 für die Freien Wähler Bürgermeister war. Deutlich bekannter dürfte allerdings sein Ur-ur-ur-urgroßvater sein: Graf Maximilian von Montgelas reformierte im 19. Jahrhundert als eine Art Superminister das Staatswesen und gilt als Architekt des modernen Bayern.
Seinem Nachfahren Max-Emanuel ist die historische Dimension bewusst, der berühmte Staatsmann liegt nur wenige Kilometer von Gerzen in der Schlosskapelle in Aham begraben. Darauf reduziert werden will er aber nicht. „Ich bin ein eigener Kopf“, sagt Montgelas. Mit seinem Vater, der nun auch einer seiner Amtsvorgänger ist, will sich der 29-Jährige auch weiterhin politisch austauschen. „Ich bin für jeden guten Ratschlag dankbar“, sagt er. Am Ende habe aber jede Amtszeit ihre eigenen Herausforderungen. Geht es nach Montgelas Parteifreunden, soll er dafür sehr lange Zeit bekommen. Sie hoffen darauf, dass der junge Bürgermeister, anders als seine Vorgänger, mehr als eine Wahlperiode im Amt bleibt.
In zwei Gemeinden der nördlichen Oberpfalz kommt es nach der Kommunalwahl zu einem eher ungewöhnlichen Generationenwechsel: Sowohl in Irchenrieth (Landkreis Neustadt an der Waldnaab) als auch in Wiesau (Landkreis Tirschenreuth) treten zwei Söhne als Bürgermeister die Nachfolge ihrer Väter an. Beide heißen noch dazu mit Vornamen Michael und sind 36 Jahre alt. Und als wäre das noch nicht Zufall genug, sind sowohl Michael Hammer als auch Michael Dutz verheiratet, haben Kinder und sind schon lange Mitglieder der CSU. Dass die Söhne ihren Vätern nachfolgen, wird in den Orten Medienberichten zufolge unterschiedlich bewertet. Manche Bürger sehen darin eine gewünschte Fortsetzung der bisherigen Arbeit, andere stehen der fast schon monarchisch wirkenden Familiennachfolge skeptisch gegenüber.
An der Familie Schwing kommt man in der kleinen unterfränkischen Gemeinde Röllbach mit ihren 1751 Einwohnern nicht vorbei. Großvater Hermann Schwing war 36 Jahre Bürgermeister der Gemeinde, sein Sohn Roland Schwing 28 Jahre Landrat im Landkreis Miltenberg. Michael Schwing ist der Dritte in dieser Dynastie – alle drei waren und sind CSU-Mitglieder: Am 8. März ist Michael Schwing als amtierender Bürgermeister von Röllbach in seinem Amt bestätigt worden, mit sagenhaften 91,3 Prozent. Er war der einzige Kandidat.
Schwing ist in Röllbach aufgewachsen, das Rathaus war für ihn sozusagen das ausgelagerte Wohnzimmer seiner Großeltern. Seinen Großvater und seinen Vater erlebte er als Kind nie ohne offizielle Funktion. Einen typischen Sonntag verbrachte er bei Parteiveranstaltungen und Dorffesten, das prägt. Schwing junior entschied sich für einen Job in der freien Wirtschaft, lebte in München und Nürnberg, aber sein Herz hing an Röllbach – und er entschied sich für die Kommunalpolitik. 2020 wollte der damalige Bürgermeister von Röllbach nicht mehr antreten und fragte bei Michael Schwing, ob er nicht übernehmen wolle – er wollte.
Der Urgroßvater war schon Bürgermeister in Balderschwang, beide Großväter auch, der Vater sowieso – und nun ist Konrad Kienle, CSU, schon wieder gewählt worden, in die dritte Amtszeit seit 2014. Mit satten 91,5 Prozent. Dabei, sagt der 65-Jährige, ist es eigentlich gar nicht so verwunderlich, dass bereits seine Vorfahren, mit Unterbrechungen durch andere Bürgermeister, im Chefsessel des Rathauses gelandet sind und er dann eben auch.
Balderschwang ist auf 1044 Metern der höchstgelegene Ort Deutschlands und mit 350 Einwohnern nach Chiemsee die zweitkleinste Gemeinde. Acht Gemeinderäte und einen Bürgermeister braucht es. Also, sagt Kienle, müsse quasi jede Familie einen Kandidaten abstellen. „Da ist die Auswahl nicht so groß.“ Und seine Vorfahren haben nun einmal das Dorfgasthaus geführt, direkt neben der Kirche. Noch heute, sagt Kienle, dürfte er der einzige Bürgermeister Bayerns sein, der jeder Bürgerin und jedem Bürger eine Geburtstagskarte schreibt. „Meine Aufgabe ist es zu schauen, dass es jedem gut geht bei uns.“ Wobei Kienle es zugleich als seine Aufgabe betrachtet, für die nächste Kommunalwahl einen Nachfolger zu finden. Der 65-Jährige sagt „Nachfolger“, nicht „Nachfahre“.
Bayerns Landräte leiten die untersten Staatsbehörden und müssen draußen im Land all das umsetzen, was in den Münchner Ministerien angeordnet wird. Notfalls bleibt aber immer ein bisschen Raum für Renitenz.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: