SZ 09.10.2026
11:33 Uhr

Der Morgen nach den Schüssen von Berngau: „Warum das so eskaliert ist, wissen wir nicht“


Bei einer Routinekontrolle erschießt ein Mann zwei Mitarbeiter des Landratsamts. Der kleine Ort Berngau steht unter Schock. Der mutmaßliche Täter war Jäger, Sportschütze – und Einzelgänger.

Der Morgen nach den Schüssen von Berngau: „Warum das so eskaliert ist, wissen wir nicht“

Nachts, gegen halb drei, als das Drama von Berngau zu Ende ging, da habe er einen Knall gehört. So laut, dass sogar Buddy gebellt habe, „der bellt normalerweise nie“, sagt Roland Judaschke, der seinen Yorkshire-Terrier gerade Gassi führt, am Morgen danach.

Es liege jetzt irgendwie „ein Schleier“ über Berngau, sagt Judaschke, der in der Nähe des Tatorts wohnt. Er meint das Gefühl, mit dem die Menschen hier aufgewacht sind, am Freitagmorgen. Aber es gibt auch die sichtbaren Spuren, die der nächtliche Polizeieinsatz hinterlassen hat: die Rußflecken, die zerstörten Rollos an der Giebelseite eines mit weißen Platten verkleideten Hauses.

Gegen 2.20 Uhr hatten Spezialkräfte das unscheinbare Anwesen in einem noch unscheinbareren Wohngebiet der kleinen Gemeinde Berngau im Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz gestürmt und einen 60-jährigen Mann überwältigt, der mutmaßlich zwei Menschen auf dem Gewissen hat – einen Jäger und Sportschützen, der zehn zugelassene Waffen besaß, wie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Freitag sagte. Der Mann wurde „mit einem gezielten Schuss ins Bein“ gestoppt.

Das Drama hatte etwa zwölf Stunden vorher mit einer Routinekontrolle begonnen. Zwei Mitarbeiter des Landratsamts Neumarkt, ein 45-jähriger Mann und eine 54 Jahre alte Frau, wollten „eine männliche Person“ überprüfen, so die Polizei. „Im weiteren Verlauf kam es zu den Schüssen.“ Die Behördenmitarbeiter waren laut Herrmann zu einer routinemäßigen, unangekündigten Kontrolle zu dem Haus des Mannes gefahren. „Er ist polizeilich bislang nicht aufgefallen, auch nicht beim Staats- oder Verfassungsschutz“, betonte der Innenminister. Auch gebe es keine Erkenntnisse über eine extremistische Gesinnung. Der Fall sei deutlich zu unterscheiden von dem Fall in Georgensgmünd, bei dem vor fast genau zehn Jahren ein Polizist von einem „Reichsbürger“ erschossen wurde.

„Warum das so eskaliert ist, wissen wir nicht“, sagt Herrmann, man kenne auch den genauen Ablauf noch nicht. Aber: Der Jäger habe das Feuer eröffnet und die beiden Mitarbeiter des Landratsamts tödlich getroffen. Der Minister betonte, es habe weder Beschwerden über den Mann noch besondere Erkenntnisse über ihn gegeben, darum seien auch keine besonderen Schutzmaßnahmen getroffen worden. Die rund 200 000 Inhaber von Waffenberechtigungen im Freistaat werden regelmäßig kontrolliert, etwa alle drei Jahre. „Solche Kontrollen finden praktisch jeden Tag statt“, sagte Herrmann.

Waffen? Nein, davon habe sie nichts gewusst, sagt Silke, eine Nachbarin, die ihren Nachnamen lieber nicht sagen möchte. Sie wohnt zwei Häuser weiter, den mutmaßlichen Täter kenne sie trotzdem nur flüchtig. Er sei im Ort „nicht integriert“ gewesen, habe sich sehr „zurückgezogen, er hat nicht gegrüßt“. Natürlich habe sie ihm nicht zugetraut, dass er auf Menschen schießen könnte, „aber er war seltsam“.

Auch Bürgermeister Tobias Meier (CSU) ist am Morgen noch einmal zum Tatort gekommen. Und auch er sagt über den 60-Jährigen: „Ich glaube, er ist für sich allein gewesen.“ Ihm und anderen Menschen im Ort sei nicht bekannt, dass er hier in einem Verein oder sonst irgendwo engagiert gewesen ist.

In Bayern finden Waffenkontrollen als „verdachtsunabhängige Aufbewahrungskontrollen“ statt. Zuständig dafür sind die jeweiligen Kreisverwaltungsbehörden, also die Landratsämter oder kreisfreien Städte, deren Mitarbeiter die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zur sicheren Lagerung von Waffen und Munition überprüfen.

Die rechtliche Grundlage für Kontrollen ist in Paragraf 36 Absatz 3 des Waffengesetzes (WaffG) verankert. Dabei wird zwischen zwei Arten von Kontrollen unterschieden: unangekündigte, verdachtsunabhängige Kontrollen und anlassbezogene Kontrollen.

Letztere, so gibt es das Gesetz vor, finden statt, sobald es einen konkreten Verdacht oder Anlass gibt. Dazu gehören zum Beispiel Hinweise auf eine unsachgemäße Lagerung, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Scheidungen mit Bedrohungsszenarien oder nach dem Umzug in einen neuen Landkreis.

Die Routinekontrolle eskalierte, es kam zu „schussähnlichen Geräuschen“, wie die Polizei zunächst mitteilte, die von mehreren Anwohnern alarmiert worden war. „Die Polizei war schnell vor Ort“, betonte Herrmann. Etwa 150 Einsatzkräfte rückten in Berngau an und sperrten den Ortskern der 2600 Einwohner zählenden Gemeinde ab. Mehrere Hubschrauber kreisten, Drohnen stiegen auf, auch ein gepanzertes Fahrzeug kam zum Einsatz. Am Sportgelände des FSV Berngau bezogen Rettungskräfte Station. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, die Häuser nicht mehr zu verlassen; das öffentliche Leben kam weitgehend zum Erliegen, abendliche Veranstaltungen wurden abgesagt.

Der eigentliche Einsatz konzentrierte sich auf das Haus mit der weiß gekachelten Fassade und dem augenscheinlich erst vor Kurzem neu eingedeckten Dach. Vor dem Gebäude bargen die Beamten die Leiche des männlichen Behördenmitarbeiters, der durch Schussverletzungen ums Leben gekommen war. Seine Kollegin wurde noch in dem Haus vermutet, in dem sich der mutmaßliche Täter verschanzt hatte.

Dieser meldete sich „telefonisch bei der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums Oberpfalz“, so ein Sprecher. In den folgenden Stunden gelang es den Beamten, direkten Kontakt mit ihm aufzubauen. „Wir sind im Gespräch“, sagte ein Polizeisprecher am Abend. Dabei soll der 60-Jährige die Schüsse auf die Mitarbeiter des Landratsamts gestanden haben. Zudem soll er gesagt haben, er halte sich in seiner Wohnung auf, verfüge über Schusswaffen und werde sich nicht widerstandslos ergeben.

Gegen 23 Uhr gelang es der Polizei, die Leiche der Frau aus dem Wohnhaus zu bergen. „Die Auffindesituation spricht dafür, dass die Frau bereits im Zuge der zu Einsatzbeginn gemeldeten Schussabgaben tödlich verletzt wurde“, sagte ein Polizeisprecher. Zur erhofften gewaltfreien Lösung kam es nicht. „In den frühen Morgenstunden erfolgte gegen 2.20 Uhr ein schlagartiges Eindringen von Polizeikräften. Hierbei konnte der mutmaßliche Schütze überwältigt und festgenommen werden“, teilte das Polizeipräsidium Oberpfalz am frühen Freitagmorgen mit. Der verletzte mutmaßliche Täter wurde in ein Krankenhaus gebracht, sein Tatmotiv ist noch unklar.

Das Landratsamt in Neumarkt blieb am Freitag „wegen der schrecklichen Ereignisse in Berngau“ für den Besucherverkehr geschlossen. „Wir im Landratsamt sind alle tief betroffen und unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei der Familie und den Angehörigen unseres Kollegen“, erklärte Landrat Martin Meier und sprach den Angehörigen der beiden Toten sein Mitgefühl aus. Innenminister Herrmann sagte, bereits am Donnerstag sei psychologische Unterstützung zu den betroffenen Familien sowie den Mitarbeitern des Landratsamts geschickt worden.

Passanten legten am Eingang der Behörde Blumen ab, um ihr Mitgefühl auszudrücken. Kindergarten und Schule in Berngau nahmen am Freitag regulär ihren Betrieb auf; auch über ihre Schließung wurde kurzzeitig nachgedacht.

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