SZ 15.03.2026
15:15 Uhr

China-Sieger Kimi Antonelli: Der Rookie, aus dem im Renntempo ein Titelkandidat geworden ist


Kimi Antonelli schien an der Bürde zu zerbrechen, das Wunderkind von Mercedes sein zu sollen. Doch mit seinem ersten Formel-1-Sieg beginnt seine Emanzipation zum Mitfavoriten.

China-Sieger Kimi Antonelli: Der Rookie, aus dem im Renntempo ein Titelkandidat geworden ist

Die Kappe, die darunter hervorlugende, wallende Mähne, so sieht also der 160. Sieger der Formel-1-Geschichte aus, der zweitjüngste überhaupt: Andrea Kimi Antonelli, wobei sich der erste Taufname längst überholt hat. So wie sich das der Vater, eingedenk des finnischen Ausnahmepiloten Kimi Räikkönen, auch immer gewünscht hatte. Ein Teenager, im Renntempo erwachsen geworden, nicht erst bei diesem Großen Preis von China.

Der Kreis der Titelkandidaten ist zwingend um diesen 19-Jährigen anzureichern, der sich seiner Freudentränen nicht schämte. Weniger die eigene Bestmarke war es, die ihn so sehr bewegte, sondern auch die Tatsache, als erster Italiener seit Giancarlo Fisichella vor zwei Jahrzehnten einen Sieg für die entwöhnte Autonation einfahren zu können: „Ich habe schon nach dem Qualifying gesagt, dass ich Italien wieder an die Spitze zurückbringen möchte, und das ist mir gelungen.“ Einmal nur während seiner souveränen Vorausfahrt, als er sich kurz vor Schluss einen stattlichen Verbremser leistete, kam Antonelli kurz ins Zweifeln. Um es in seinen Worten auszudrücken: „Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen.“

Die Hamilton-Nachfolge ist geregelt: Andrea Kimi Antonelli wird nächstes Jahr für Mercedes fahren. Der Italiener ist erst 18 Jahre alt und gilt als großes Talent – bei seinem ersten Auftritt in Monza aber landet er im Reifenstapel.

Doch selbst sein Entdecker und Förderer Toto Wolff lachte den Fauxpas später weg, solche kleinen Ungeschicklichkeiten müsse man ihm immer noch zugestehen. Ansonsten aber scheint der Junior aus Bologna schon ziemlich erwachsen zu sein. Auch wenn Wolff nun eingestehen kann, sich im Vorjahr immer wieder gefragt zu haben, ob er das Talent vielleicht zu früh dem großen Druck ausgesetzt hatte, gleich Nachfolger von Lewis Hamilton zu werden. All die von außen herangetragenen Zweifel betete der Österreicher in seiner Gratulationscour noch mal über Boxenfunk herunter: „Er ist zu jung, du solltest ihn nicht in einen Mercedes setzen, such ihm lieber ein kleineres Team, er braucht Erfahrung, guck dir doch seine Fehler an... Aber da haben wir es, Kimi, Sieg!“ Der Erfolg ist Genugtuung für das Risikobewusstsein und das Bauchgefühl Wolffs, der seinem Schützling am Sonntag das Prädikat „gnadenlos“ verpasste.

Ob die Zukunft für den Vorzeige-Schützling als härtestem Rivalen von George Russell leichter werde, wollte der Teamchef bisher nicht abschließend einschätzen. Aber mit diesem Sieg hat die Emanzipation zum Mitfavoriten begonnen. Umso wichtiger, dass Antonelli sich von seinem Debüterfolg in der Königsklasse nicht nur an die Siegeszeremonie erinnert: „Ich habe eine Menge gelernt aus diesem Rennen, vor allem, dass du niemals nachlassen darfst, egal wie gut sich das Auto auch anfühlen mag.“

Drei Generationen Rennfahrer auf dem Podium vor den Toren Shanghais, leicht ließen sich die Chauffeure in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Formel 1 einteilen. Doch so einfach ist es natürlich nicht, denn der Jo-Jo-Effekt beim Überholen auf der Rennstrecke greift auch auf die WM-Wertung über. So verwischen sich Kimi Antonelli, George Russell und Lewis Hamilton zu einer Idealperson, nämlich jener Kategorie Grand-Prix-Piloten, die die Rennen und die Regeln in diesem Jahr so nehmen, wie sie kommen. Zu dieser Klasse gehören Weltmeister Lando Norris und dessen Vorgänger Max Verstappen momentan nicht, ganz abgesehen davon, dass beide auf dem Shanghai International Circuit nicht ins Ziel oder erst gar nicht an den Start gekommen sind.

Mit Miesmachen werden die beiden nicht wirklich Karriere machen in dieser Saison, denn der zweite WM-Lauf bestätigt eine These vom Saisonauftakt in der Woche zuvor: Die Startphase mag chaotisch sein, vielleicht sogar gefährlich, aber danach entwickelt sich ein munteres Gerangel um die Positionen, wie es das die ganze vergangene Saison über nicht gegeben hat. Ob da der Batterieladezustand oder der individuelle Mut der ausschlaggebende Faktor sind, ist dem ideologiefreien Zuschauer herzlich egal. Umso mehr, wenn es Geschichten beschert wie den zweiten Doppelerfolg der Silberpfeile in Serie.

Schon nachdem die ersten drei Fahrer des Rennens in dieser Reihenfolge auch in der Qualifikation gewertet worden waren, hatte Silberpfeil-Teamchef Toto Wolff mit Blick auf Hamiltons Vergangenheit in seinem Team davon gesprochen, dass es sich anfühle, als hätten da drei Mercedes-Piloten innerhalb einer Sekunde um die Pole-Position gekämpft. Die hatte sich schließlich Antonelli als Jüngster der Formel-1-Geschichte im Alter von 19 Jahren und 201 Tagen geholt – womit er Sebastian Vettels Bestmarke übertrifft.

Auch Antonelli bestätigt das Familiengefühl. Der Verbindungsmann zwischen dem erfolgreichen Trio heißt Peter Bonnington, im Fahrerlager nur Bono genannt. Jahrelang war er der Ingenieur an der Seite von Hamilton bei dessen Titelgewinnen und auch während der schwierigen Zeiten, nun ist er der Mentor von Antonelli. George Russell, der mit vier Punkten Vorsprung auf seinen italienischen Teamkollegen WM-Tabellenführer bleibt, stört sich auch nicht weiter am nun roten Rennanzug Hamiltons: „Wenn man sich aussuchen könnte, mit wem man da oben steht, dann wären es genau die beiden.“ Für Hamilton ist die Erleichterung, zum ersten Mal in seinen eineinviertel Jahren bei Ferrari auf dem Treppchen zu stehen, mindestens so groß wie jene von Antonelli, der zwischenzeitlich trotz einer mehr als ordentlichen Rookie-Saison an der Bürde zu zerbrechen schien, das Wunderkind von Mercedes sein zu sollen.

Bei allen gegenseitigen Komplimenten hat der zweite WM-Lauf bestätigt, dass diese erste halbelektrische Saison der Formel 1 auf ein Duell zwischen Mercedes und Ferrari hinauslaufen könnte, ein Classico auf vier Rädern. Die italienischen Rennwagen haben einen gewaltigen Schubvorteil beim Start, wie Hamiltons zeitweilige Führung unterstreichen konnte. Mercedes wiederum hat die Kraft für die Langstrecke. Schon bei der Zieldurchfahrt signalisierte Lewis Hamilton seinem Kommandostand, dass er wieder an das gemeinsame Vorhaben glaube, und schickte ein „Forza Ferrari“ hinterher. Kein schlechter Tag für Italien.

120 Rennmanöver statt 45 wie im Vorjahr: Der erste Grand Prix mit dem halb elektrischen Reglement liefert beim Doppelerfolg von Mercedes die gewünschte Unterhaltung. Die Anführer der Anti-Energiespar-Fraktion wirken wie schlechte Verlierer.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: