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27.04.2026
13:34 Uhr
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Nach dem Brand in Crans-Montana erhielten Angehörige aus Italien hohe Krankenhausrechnungen. Ein Fehler, heißt es. Die Schweiz fordert das Geld nun vom italienischen Staat. Doch der weigert sich.

In den Tagen nach der Brandkatastrophe erinnerten Kerzen und Blumen vor der Schweizer Bar „Le Constellation“ an die Opfer. Denis Balibouse/REUTERS
Die Nachricht kam per Mail. Er dachte, es handele sich um die Krankenakte seines 16-jährigen Sohnes, der beim Brand in der Bar „Le Constellation“ schwer verletzt worden war, so erzählte der Vater es der italienischen Zeitung La Repubblica. Aber es war keine Krankenakte, sondern eine Rechnung. Fast 67 000 Franken, umgerechnet gut 72 000 Euro, forderte das Krankenhaus in Sitten im Schweizer Kanton Wallis.
Die Familie aus Rom ist Medienberichten zufolge nicht die einzige in Italien, die nach dem Brand im Wallis eine Krankenhausrechnung bekommen hat. Bei der Katastrophe kamen an Neujahr 41 junge Menschen ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt, darunter auch viele Italiener. Die Rechnungen sollen versehentlich verschickt worden sein, heißt es von Schweizer Seite, zudem sollte damit ein Hinweis verbunden sein, dass die Familie den Betrag nicht begleichen müsse und das Dokument nur zur Kenntnis versandt werde. Der Vater sagt, diese Information habe sie nicht erreicht. Als Angehörige seien sie „empört und verbittert“.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni schaltete sich via Social Media ein, sie sei „schockiert“, schrieb sie. Wenige Tage später wurde bekannt, dass die Schweizer Behörden die Behandlungskosten für drei italienische Staatsangehörige vom italienischen Staat verlangen. Es soll Berichten in italienischen und Schweizer Medien zufolge um rund 100 000 Schweizer Franken gehen (etwa 109 000 Euro).
Die Vorfälle führen zu neuem Streit zwischen Italien und der Schweiz. Dabei sah es eigentlich so aus, als hätten die Emotionen auf diplomatischer Ebene gerade etwas nachgelassen. Seit Anfang April ist der italienische Botschafter zurück in der Schweiz. Rom hatte Gian Lorenzo Cornado Ende Januar aus Bern zurückgerufen – ein Protest gegen die aus italienischer Sicht zu zaghaften Ermittlungen der Walliser Behörden.
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni schrieb auf X, sie habe aus der Presse von der Forderung aus der Schweiz erfahren. „Sollte diese schändliche Forderung formell gestellt werden, kündige ich bereits jetzt an, dass Italien sie postwendend zurückweisen und ihr keinerlei Folge leisten wird.“ Aber sie vertraue darauf, dass sich die Nachricht als Falschmeldung erweise. Außenminister Antonio Tajani legte im Fernsehen nach: „Natürlich zahlen wir nicht.“ Die Verantwortung liege allein bei den Betreibern des Lokals und bei jenen, die für Kontrollen verantwortlich gewesen seien. Damit hielt man in Rom die Angelegenheit bereits für beendet.
Die Schweiz und der Kanton Wallis versuchen unterdessen, die Situation zu erklären. Der Walliser Staatsratspräsident Mathias Reynard soll laut Neuer Zürcher Zeitung (NZZ) den Versand der Rechnungen inzwischen als Fehler bezeichnet und bekräftigt haben, dass die Opfer der Katastrophe keine Kosten selbst tragen müssten. Nicht gemeint ist damit wohl der italienische Staat, an den sich die nun geforderten etwa 100 000 Franken richten.
Grundsätzlich wäre die Forderung nach den Vereinbarungen zur sogenannten Leistungshilfe zwischen der Schweiz und der EU korrekt. Die Kosten von Leistungen für Patienten, die in der Schweiz behandelt werden, aber in der EU krankenversichert sind, werden von der Schweizer Abwicklungsstelle „Gemeinsame Einrichtung KVG“ ausgelegt. Diese fordert das Geld dann von den entsprechenden Versicherungen im Ausland zurück. Die Direktorin des Schweizer Bundesamts für Sozialversicherungen sagte dem Schweizer Rundfunk, der Schmerz für die Angehörigen sei „immens“. Die europäischen Abkommen seien dennoch gültig. Italien könne auch der Schweiz Rechnungen stellen.
Das strikt bürokratische Vorgehen der Schweizer Behörden in dieser Sache hat aber nicht nur in Italien für Kritik gesorgt. Die NZZ schreibt, es sei „juristisch wohl einwandfrei, aber politisch-psychologisch ziemlich ungeschickt“ gewesen. Für die Schweizer Opfer der Katastrophe würden laut der Zeitung derzeit außerdem keine Rechnungen verschickt werden.
Der italienische Botschafter hatte darauf hingewiesen, dass auch zwei Schweizer Patienten nach dem Brand in Mailand behandelt worden waren. Außerdem hätte Italien sofort nach dem Unglück einen Rettungshelikopter zur Verfügung gestellt. Tatsächlich griff die Schweiz noch in der Nacht der Katastrophe auch auf die Ressourcen des Katastrophenschutzverfahrens der EU zurück, obwohl eine mögliche Teilnahme der Schweiz an dem Programm Ende 2025 verschoben worden war und die Schweiz keinen finanziellen Beitrag dazu leistet.
Für noch mehr Aufregung im Fall Crans-Montana könnte zudem bald sorgen, dass Anwälte und Angehörige von dieser Woche an die Aufnahmen der Überwachungskameras aus dem „Le Constellation“ sichten können. Die Anwälte erhoffen sich davon Hinweise auf den genauen Ablauf, der zum Brand des Kellerraums führte – und die Rolle der Angestellten dabei, besonders der Barchefin Jessica Moretti.
Woher stammte der brennbare Schaumstoff, der die Bar in Crans-Montana binnen Sekunden in ein Inferno verwandelte? Und wie viel Geld haben die Morettis, die Barbesitzer, wirklich? Nach der Brandkatastrophe vom Neujahrsmorgen verstricken sich die Barbetreiber in Widersprüche.
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