SZ 11.03.2026
15:26 Uhr

(+) Tödlicher Streit im Alten Botanischen Garten: Er fragte nur nach Tabak, kurz darauf war er tot


Im Alten Botanischen Garten hatte der Angeklagte gegen den Kopf des 57-Jährigen getreten. Der Fall erregte auch wegen der Äußerungen eines Richters viel Aufsehen. Nun wurde ein Urteil gefällt.

(+) Tödlicher Streit im Alten Botanischen Garten: Er fragte nur nach Tabak, kurz darauf war er tot
Auch bei der Urteilsverkündung ist der Angeklagte Rafal P. in einem weißen Longshirt erschienen. Seit November musste er sich vor Gericht verantworten (Archivbild). Britta Schultejans/dpa

Die Frühlingssonne spitzelt an diesem Vormittag in den Alten Botanischen Garten hinab, wo rund um den Neptunbrunnen Menschen auf Bänken sitzen und die Gesichter in die wärmenden Strahlen recken. Nur einen Steinwurf entfernt haben einige Frauen ihre Yogamatten auf einer Wiese ausgebreitet. Gemütlich, fast idyllisch geht es hier zu – was so gar nicht zu den Zuständen passt, die bis vor zwei Jahren in dem Park nahe dem Stachus herrschten.

Denn damals machte der Alte Botanische Garten als Hotspot für Drogen, Kriminalität und Verwahrlosung von sich reden. Als Sinnbild für all dies stand ein tödlicher Streit im September 2024, an dessen Ende ein 57-Jähriger leblos am Boden lag. Nun ist in dem Fall ein Urteil ergangen: Für seinen Tritt gegen den Kopf des Opfers ist Rafal P., 31, vom Landgericht München I zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und drei Monaten verurteilt worden – wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

„Der Angeklagte ist kein Killer, er handelte nicht mit Tötungsvorsatz“, sagt die Vorsitzende Richterin Nina Prantl in der Urteilsbegründung. Zugleich wäre der herzkranke 57-Jährige aber ohne den Tritt „an diesem sonnigen Tag nicht mitten in München gestorben“. Daher müsse sich Rafal P. für seine Tat verantworten. Die Nebenklage, die die Angehörigen des Verstorbenen vertritt, hatte zuvor eine Verurteilung wegen Mordes gefordert. Die Staatsanwaltschaft plädierte auf Körperverletzung mit Todesfolge und siebeneinhalb Jahre Haft, die Verteidigung auf fahrlässige Tötung und eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten.

Das verkündete Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist, nimmt Rafal P. ohne sichtliche Regung zur Kenntnis. Der muskulöse Mann, der auch an diesem Tag ein enges weißes Longshirt trägt, sitzt bereits seit November auf der Anklagebank. Sein Prozess war im ersten Anlauf geplatzt, nachdem eine Äußerung des Vorsitzenden Richters laut dem Gericht „den bösen Anschein einer herkunftsbezogenen Voreingenommenheit“ habe begründen können. Bei der Vernehmung eines Zeugen aus Somalia hatte der Richter gesagt: „Wie dumm kann man sein? Ich kann die Aussage von Trump langsam echt nachvollziehen.“ Kurz zuvor hatte sich US-Präsident Donald Trump verächtlich über Menschen aus Somalia geäußert und diese als „Müll“ beschimpft.

In der Folge kam es zu einer Neuauflage des Verfahrens – nun unter Vorsitz von Nina Prantl. Sie zeichnete in der Urteilsbegründung detailliert nach, was sich an jenem verhängnisvollen Septembermorgen 2024 nahe dem Neptunbrunnen ereignete. Demnach kam es dort zum Streit zwischen einer vierköpfigen Gruppe um Rafal P., die zuvor die Nacht durchgezecht hatte, und dem 57-Jährigen – einem Vater von sieben Kindern, der laut der Richterin seit Jahren Alkoholiker war und infolgedessen an einer Herzerkrankung litt. Auslöser für die Auseinandersetzung sei offenbar die Frage des späteren Opfers nach Tabak gewesen.

Im Weiteren schaukelte sich das Geschehen hoch, es kam zu Beleidigungen und ersten Schlägen, worauf der 57-Jährige sein Handy erhob und es auf die vier Männer richtete. Dieses vermeintliche Filmen der Situation – tatsächlich machte er nur ein Foto von der Gruppe – erboste Rafal P. derart, dass er zutrat. Nach Überzeugung des Gerichts wollte der 31-Jährige seinem Opfer dabei das Handy aus der Hand schlagen. Er habe weder mit voller Kraft zugetreten noch auf den Kopf gezielt, sagt Richterin Prantl. Doch weil der 57-Jährige während der Ausholbewegung sein Gerät zurückgezogen habe, sei der Fußtritt an seinem Unterkiefer gelandet. Dadurch habe er unmittelbar das Bewusstsein verloren, sei mit dem Hinterkopf auf das Kopfsteinpflaster geknallt und verstorben.

Nach der Attacke habe das Opfer minutenlang regungslos am Boden gelegen, sagt die Richterin. Zahlreiche Passanten seien an dem Mann vorbeigelaufen und hätten zu ihm hinabgeschaut, aber niemand habe geholfen. Auch die Gruppe um Rafal P. scherte sich nicht weiter um den 57-Jährigen. Er sei davon ausgegangen, so Prantl, dass dieser nur „Zirkus macht“.

Bei der Rekonstruktion der Tat stützte sich die Kammer maßgeblich auf die Aufzeichnungen von Überwachungskameras. „Ohne diese Aufnahmen säßen wir heute nicht hier“, betont die Richterin. Mittlerweile sind im Alten Botanischen Garten weitere Kameras angebracht worden; überdies haben mehr Polizeikontrollen, ein Waffen-, Drogen- und Alkoholverbot sowie neue Sportangebote und Biergärten den einstigen Brennpunkt entschärft. Insofern ist der Prozess auch ein Blick in die düstere Vergangenheit des Parks gewesen, der laut der Richterin zur Zeit der Tat „ein sozialer Brennpunkt in München“ war.

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