SZ 12.05.2026
12:52 Uhr

(+) Tennisspielerin Laura Siegemund: Wenn der Zuschauer nur zum Stören kommt


Beim Tennisturnier in Rom pöbelt ein Mann während eines Matches von Laura Siegemund. Sie stellt ihn anschließend zu Rede – und äußert einen Verdacht.

(+) Tennisspielerin Laura Siegemund: Wenn der Zuschauer nur zum Stören kommt
Laura Siegemund GER, Australian Open 2026, Melbourne Park, Melbourne, Victoria, Australia. *** Laura Siegemund GER , Australian Open 2026, Melbourne Park, Melbourne, Victoria, Australia Copyright: xJuergenxHasenkopfx IMAGO/Juergen Hasenkopf/IMAGO/Hasenkopf

Court 1 versteckt sich gut auf der Anlage des Foro Italico. Abseits der Aufmerksamkeit liegt der kleinste Platz, auf dem beim Masters-Turnier in Rom Tennis gespielt wird, zwischen Trainingscourts und grünen Hecken. Die Zuschauer, die hier am Montagabend Platz genommen haben, sind also eher nicht zufällig vorbeigelaufen. Sie sind vielmehr gezielt gekommen, etwa um die derzeit beste deutsche Tennisspielerin Laura Siegemund und ihre Doppelpartnerin Wera Swonarjowa anzufeuern.

Oder aber genau andersherum: um sie zu belästigen.

Die Szene spielte sich am Montagabend ab: Siegemund und Swonarjowa hatten in zwei Sätzen gewonnen, direkt nach dem Handshake allerdings ging Siegemund zu einem Zuschauer, der hinter ihrer Bank stand, neben Kindern, die sich Autogramme holen wollten. Sie begann, mit ihm zu diskutieren, unter anderem fiel der Satz: „How much money did you have in this game?“ Wie viel Geld er investiert habe in diese unscheinbare Doppelpartie, wollte Siegemund wissen. Tatsächlich sind Sportwetten und ihre Folgen ein markanter Diskussionsgegenstand im Tennis geworden.

Die 23-jährige Marta Kostjuk feiert in Spanien den größten Titelgewinn ihrer Karriere und verdeutlicht dabei: Die Lage zwischen Spielerinnen aus der Ukraine und Russland bleibt angespannt.

Siegemund bekam das zu spüren: Immer wieder wurde sie während der Partie von dem Mann im Publikum gestört, zwischen Ballwechseln und beim Seitenwechsel, während sie auf der Bank Platz nahm. Siegemund wies nach eigener Angabe auch den Schiedsrichter darauf hin, der um Ruhe bat. Die regelmäßigen italienischen Verfluchungen verhinderte das nicht, Siegemund verstand sie genauso wie ihr Trainer und Lebensgefährte, der Italiener Antonio Zucca, der ebenfalls nach dem Ende der Partie auf den Mann einredete. Der wiederum verteidigte sich kurz mit Ausflüchten, während er den Court verließ. Da war Siegemund bereits dabei, auf dem Platz ein Interview zu geben.

Im Gespräch mit dem Fernsehsender Sky sagte Siegemund aufgebracht, Männer wie der Störer in Rom gehörten zu „einer Gruppe voller Gestörter. Das sind Leute, die brauchen echt einen Arzt.“ Siegemund führte aus: „Leute schreien mitten im Spiel rein. Das sind Leute, die müssen von der Security abtransportiert werden. Die gehören nicht auf so eine Tennisanlage.“ Laut Siegemund könne man kritische Tennisfans von jenen, die Geld gewettet haben, meist klar unterscheiden: „Das geht über alle Grenzen hinweg. Die reden Sachen herein, das hat nichts mehr mit Respekt zu tun.“ Von ihrem Match am Vortag berichtete Siegemund, dass ein Zuschauer während des zweiten Aufschlags ihrer Gegnerin reingerufen und somit einen Doppelfehler provoziert habe. „Das geht doch nicht“, sagte Siegemund.

Es geht schon, und genau darin liegt ein relevanter Unterschied zu anderen Sportarten: Im Tennis, dem Sport mit dem drittgrößten Wettvolumen nach Fußball und Basketball, können Zuschauer vergleichsweise leicht Einfluss nehmen. Die stille Atmosphäre in der Konzentrationsphase der Profis macht es möglich, dass sogar ein einzelner Rufer in einem Stadion eine große Wirkung erzielen kann, die für eine Wette relevant ist.

Neu ist das Problem nicht, nur inzwischen wesentlich markanter, weil die Störer zunehmend ihre Berührungsängste verlieren. Während etwa Andrea Petkovic oder Eva Lys in der Vergangenheit häufig über den Hass berichteten, der Tennisspielerinnen in den sozialen Medien entgegenschlägt, sind die Anfeindungen nun auch in der Realität hör- und sichtbar. „Das sind die Leute, die dir auf Instagram schreiben: ‚Ich bring deine Familie um, ich wünsche deiner Familie, dass sie an Krebs stirbt‘“, sagte Siegemund.

Auch die Gazzetta dello Sport hat den Unterschied zu den Vorjahren beim Publikum der Internazionali d’Italia bereits festgestellt: Die „Unhöflichen“ unter den Zuschauern würden zunehmend lautstärker auftreten. Der Italiener Lorenzo Musetti stellte daher bei einer Pressekonferenz die Forderung: „Die ATP muss unbedingt etwas unternehmen und Sicherheitsmaßnahmen einführen, um das Geschehen auf den Tribünen besser zu überwachen. Auf dem Platz können wir nicht viel ausrichten.“

Die Schiedsrichter, das stellte Siegemund noch klar, seien oft machtlos: „Was soll er schon machen, außer um Ruhe bitten?“ Immerhin kam am Montagabend ein Supervisor zum versteckten Court 1 und sprach minutenlang mit Siegemund und ihrem Trainer. Da allerdings waren alle Beleidigungen bereits ausgesprochen und das Match vorbei.

Als beste deutsche Spielerin kämpft Eva Lys für Frauenrechte auf der Tennis-Tour. Sie spricht über Hetze im Internet nach Matches, anonyme Stalker – und erzählt, wie ihre Autoimmunkrankheit sie belastet.

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