SZ 07.09.2026
14:55 Uhr

(+) Stilkritik: Wahlabend: Wie kann sie nur!


Die „Bild“-Zeitung empört sich darüber, dass Angela Merkel am Wahlabend von Sachsen-Anhalt beim Chinesen speist. Doch woran genau nimmt der Bericht eigentlich Anstoß?

(+) Stilkritik: Wahlabend: Wie kann sie nur!
Die Altkanzlerin (hier auf einem Foto aus dem Juni) wurde Sonntagabend mutmaßlich seelenruhig essend im Restaurant „Jolly“ am Kupfergraben in Berlin gesehen.
Foto: TOBIAS SCHWARZ/AFP

Wer im „Jolly“ am Kupfergraben in Berlin einkehrt, findet dort unter anderem „Quallenstreifen für 12,00 Euro“ auf der Karte. Das hat die Bild-Zeitung knallhart recherchiert und als Teil ihres investigativen Berichts über einen besonderen Gast des chinesischen Restaurants öffentlich gemacht: Am Abend, an dem in Sachsen-Anhalt die Stimmen ausgezählt wurden, saß angeblich keine Geringere als Altkanzlerin Angela Merkel im „Jolly“ an einem Zweiertisch. „Während Merkel in Berlin beim Chinesen sitzt, werden 4,8 Kilometer entfernt im Konrad-Adenauer-Haus Krisengespräche geführt“, resümiert der Artikel.

Was, fragt man sich, ist die Hauptstoßrichtung dieses Berichts? Dass Merkel es sich schmecken lässt, während ihr Amtsnachnachfolger Friedrich Merz von allen Seiten für das schlechte Abschneiden der CDU verantwortlich gemacht wird? Eine Art Triumph-Dinner also, das angesichts der Schwierigkeiten des ungeliebten Parteikollegen doppelt mundet? Das wäre eine Unterstellung, wenn auch nur eine implizite.

Oder geht es darum, dass Merkel angesichts des AfD-Triumphs der Appetit hätte vergehen müssen, dass sie in einem solchen Moment des politischen Paradigmenwechsels nicht über einer Schüssel voller Quallenstreifen oder Pekingente, sondern bei ihrer Partei hätte sein sollen? Dann, so wäre einzuwenden, hätte sie pietätshalber auf jeden Fall vorher kurz vorfühlen müssen, ob ihre Anwesenheit Kanzler Merz aufgerichtet oder zusätzlich deprimiert hätte.

Oder hat die Springer-Presse ein Problem mit der Location-Wahl? Man hört schon im Geiste Hans-Ulrich Jörges bei Welt-TV schnarren: „Ausgerechnet beim Chinesen!“ Wo doch China mit seinen industriellen Überkapazitäten und seiner aggressiven Außenpolitik Deutschlands wirtschaftliche und sicherheitspolitische Stabilität bedroht! Tipp zur Güte, Frau Bundeskanzlerin: Beim nächsten Wahlabend vielleicht zur Abwechslung einfach mal gutbürgerlich. Sie können den Sauerbraten ja trotzdem mit Stäbchen essen.

Der aufsehenerregende US-Prozess gegen eine Mutter, die ihre Kinder tötete, ist gescheitert – weil ein Geschworener das Urteil verhinderte. Die Forscherin Valerie Hans gibt Einblicke in das Innenleben einer Jury und erklärt, welche Macht dominante Charaktere haben.

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