SZ 31.07.2026
14:44 Uhr

(+) Spanische Exklave in Nordafrika: Mehr als 50 000 Migranten in Ceuta angekommen


Mindestens 34 Menschen sollen beim Versuch, auf EU-Territorium zu gelangen, ums Leben gekommen sein. Spanische Medien berichten, dass Tausende freiwillig wieder nach Marokko zurückgekehrt seien.

(+) Spanische Exklave in Nordafrika: Mehr als 50 000 Migranten in Ceuta angekommen

In der spanischen Exklave Ceuta in Nordafrika sind Zehntausende Migranten irregulär angekommen. Die genauen Zahlen schwanken: Das spanische Innenministerium spricht von 50 000 Menschen, örtliche Behörden gehen übereinstimmenden Medienberichten nach von 60 000 aus. Mindestens 34 Migranten sollen bei der gefährlichen Reise ums Leben gekommen sein.

Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez nennt den Vorgang einen „Angriff auf die territoriale Integrität Spaniens“. Zur Unterstützung der örtlichen Polizei hat die spanische Regierung Soldaten nach Ceuta geschickt. Spanische Medien wie El País berichten mit Verweis auf das Innenministerium, dass etwa 25 000 Menschen bereits freiwillig nach Marokko zurückgekehrt wären.

Die Migranten seien von Marokko aus auf dem ‌See- und dem ‌Landweg in das Gebiet gekommen, teilte das spanische Innenministerium mit. Ceuta an der nordafrikanischen Küste ist ‌immer wieder Ziel von Migranten, die ‌von ‌Marokko aus die EU erreichen wollen. Ceuta ist allerdings nicht Teil des Schengen-Raums.

Die am Donnerstag angekommenen Migranten hätten die Sperranlagen vor der Stadt überwunden, die zu diesem Zeitpunkt nicht von der Polizei bewacht ⁠worden seien, meldete die spanische Nachrichtenagentur EFE. Unter ihnen seien Hunderte Jugendliche gewesen. Die marokkanischen Sicherheitskräfte hätten sich beim Eintreffen ‌der Migranten zurückgezogen. In der Exklave leben nur circa 83 000 Menschen.

Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, entsandte die spanische Regierung 60 Soldaten sowie 200 Spezialkräfte der Polizei nach Ceuta, teilte das Innenministerium noch am späten Donnerstagabend mit. Ministerpräsident Sánchez wird am Freitag gemeinsam mit Innenminister Fernando Grande-Marlaska in der Stadt erwartet, um sich mit Sicherheitskräften und ⁠lokalen Behörden zu beraten.

Auch in der zweiten spanischen Nordafrika-Exklave Melilla überwanden Hunderte Migranten die Grenze. Etwa 400 Menschen seien über zwei Grenzübergänge von Marokko aus auf dem Landweg und über einen Damm im Süden der Stadt in das Gebiet gelangt, sagte der Präsident der autonomen Stadt, Juan José Imbroda, dem Radiosender Cope. Die Sicherheitskräfte hätten die Lage unter Kontrolle gehalten.

In Brüssel sorgen die Nachrichten aus Spanien für große Unruhe. Die Außengrenzen zu schützen und damit die irreguläre Migration einzudämmen, hat derzeit höchste Priorität in der Europäischen Union. Mit einer restriktiven Migrationspolitik wollen viele Regierungen den rechten Parteien den Nährboden entziehen. Die Flüchtlingszahlen waren in den vergangenen Monaten auch stark gesunken – doch die Tausenden Migranten lassen auch die EU machtlos erscheinen.

Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, nennt die Bilder aus Ceuta inakzeptabel und fordert ein hartes Vorgehen. „Gefährliche Überfahrten müssen sofort stoppen. Schleusernetzwerke müssten zerschlagen werden. Und Rückführungen müssten so schnell erfolgen, wie es unsere Regeln erlauben“, schrieb sie auf der Plattform X.

Von der Leyen hat zwei Kommissare beauftragt, sich um die Krise zu kümmern. Der für Migrationsfragen zuständige Österreicher Magnus Brunner hält Kontakt zur spanischen Regierung. Er hat bereits angeboten, Beamte der europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache (Frontex) zu schicken. Die Kroatin Dubravka Šuica soll mit der marokkanischen Regierung Wege diskutieren, die Flucht Richtung Spanien zu stoppen.

Besondere Brisanz gewinnen die Ereignisse in Ceuta durch die Person Sánchez. Der Sozialist widersetzte sich in der EU zuletzt immer wieder der harten Migrationspolitik, die von den konservativen Regierungen getragen wird. Für Empörung sorgte er in diesem Jahr mit einem außerordentlichen Regularisierungsprogramm. Das Bleiberecht winkt demnach Migranten, die sich bereits länger als fünf Monate in Spanien aufhalten. Die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni tat sich mit besonders scharfer Kritik hervor. Sie fordert angesichts der Nachrichten aus Ceuta, Spanien aus dem grenzkontrollfreien Schengen-Raum auszuschließen.

Die finnische Innenministerin Mari Rantanen schrieb auf X, Spanien habe dabei versagt, die Außengrenze des Schengen-Raums zu schützen. Die EU-Länder müssten die Forderung von Meloni unterstützen. Auch Schwedens Ministerpräsident Ulf Kristersson schrieb auf der Plattform X, Spanien müsse die Kontrolle wiedererlangen und den Verpflichtungen im Rahmen der Schengen-Zusammenarbeit nachkommen. Seine Regierung sei zu Maßnahmen bereit, „um Ordnung und Kontrolle zu gewährleisten“.

Immer wieder versuchen Menschen, von Marokko aus schwimmend oder über die Grenzanlagen in die spanische Exklave und damit auf EU-Gebiet zu gelangen. Die Grenzzäune sind auf Wellenbrechern angebracht und ragen nur wenige Meter ins Meer. Eigentlich könnte man sie leicht umschwimmen, allerdings sind sie streng bewacht.

Die Migranten machen deshalb meistens von der marokkanischen Stadt Fnideq aus kilometerweite Umwege über das offene Meer, um nicht entdeckt zu werden. Viele können aber kaum schwimmen und benutzen Schwimmreifen, um sich über Wasser zu halten. Dabei ertrinken immer wieder Menschen, so auch in den vergangenen Tagen.

In der aktuellen Situation, in der die Grenzbeamten wegen der vielen Migranten nicht mehr Herr der Situation waren, mussten die Menschen deutlich weniger Strecke schwimmend zurücklegen.

Sie konnten südlich der Grenze ins Wasser gehen und auf der anderen Seite wieder an den Strand. Auf Fotos und Videos ist außerdem zu sehen, wie sie ungehindert durch ein Seitentor der spanischen Grenzanlagen gehen.

Auslöser der neuen Fluchtbewegung aus Afrika war ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs vor zwei Wochen: Es verbot das Zurücktreiben – „Pushbacks“ oder auch „heiße Rückführungen“ genannt – von Migranten im Meer, die Zugang an Land suchen.

Auch nach EU-Recht sind solche Abweisungen an der Grenze zwar teils untersagt. Spanien berief sich bislang allerdings auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, laut dem das Land Personen, die gewaltsam den Grenzzaun überwinden, unter bestimmten Voraussetzungen unmittelbar nach Marokko zurückweisen darf. Spaniens Oberstes Gericht stellte nun jedoch fest, diese sogenannten Pushbacks dürfen nicht bei Migranten angewendet werden, die schwimmend in spanisches Territorium gelangen, da sie zu keinem Zeitpunkt eine Grenzsicherung überwinden.

Seit 1713 gehört Gibraltar zu Großbritannien. Der Brexit und neue Schengen-Regeln drohten die Landspitze am Südende Spaniens abzuriegeln. Nun sind die Zäune abgebaut, doch die Animositäten bleiben.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: